
Über Verantwortung, Care und die Kunst, nicht nur Helfer zu sein
Sebastian Tigges stellt eine Frage, die weit über Familie hinausgeht: Wann werden Männer wirklich zuständig? Nicht als Helfer. Nicht als moderne Sonderfälle. Nicht als gefeierte Ausnahme. Sondern als Menschen, die Care, Mental Load, Beziehung und Verantwortung mittragen.
Mich berührt dieses Thema, weil es mitten hineinführt in Männerarbeit, Co-Feminismus und Caring Community. Vielleicht beginnt Gleichstellung nicht zuerst im Parlament. Vielleicht beginnt sie um sechs Uhr morgens in der Küche. Dort, wo niemand zuschaut.
Helfen ist zu wenig
Viele Männer sind heute anwesender als die Generationen vor ihnen. Sie begleiten Schwangerschaften, schieben Kinderwagen, besuchen Elternabende, sprechen offener über Gefühle. Und trotzdem bleibt vieles an den Frauen hängen: Planung, Erinnerung, Organisation, emotionale Verantwortung, die unsichtbare Sorge dafür, dass das Familienleben funktioniert.
Ein Vater, der hilft, bleibt oft Gast im eigenen Familienleben. Er fragt: Was soll ich tun? Ein zuständiger Vater fragt: Was ist jetzt dran? Das klingt nach einer kleinen sprachlichen Verschiebung. Tatsächlich ist es ein kultureller Sprung.
Helfen bekommt Applaus.
Zuständigkeit ist Alltag.
Helfen kann man beenden.
Verantwortung bleibt.
Care ist keine nette Geste. Care ist Organisation, Präsenz, Konfliktfähigkeit, Erinnerung, Kalender, Schlafmangel. Care ist Liebe, die nicht nur fühlt, sondern trägt.
Der moderne Vater als Marke
Sebastian Tigges gehört zu den sichtbaren Stimmen für moderne Vaterschaft. Das ist wichtig. Es braucht Männer, die öffentlich über Geburt, Überforderung, Mental Load, Fürsorge und Gleichberechtigung sprechen.
Gleichzeitig liegt darin eine Gefahr. Sobald Männer Care öffentlich machen, entsteht schnell eine Bühne: der reflektierte Vater, der emotionale Vater, der moderne Vater, der Dadfluencer. Frauen tragen Care seit Generationen oft unsichtbar und selbstverständlich. Männer werden manchmal bereits gefeiert, wenn sie beginnen, sich damit auseinanderzusetzen.
Darum braucht moderne Vaterschaft Demut. Nicht: Schaut her, ich bin einer von den Guten. Sondern: Wo habe ich zu spät verstanden? Wo habe ich Verantwortung delegiert? Wo habe ich gewartet, bis jemand fragt? Wo habe ich mich für etwas feiern lassen, das andere längst selbstverständlich tragen?
Männer im Kontakt
Für mich führt dieses Thema direkt zu meinem Projekt NICHT PEINLICH. NICHT CRINGE. Denn mich beschäftigt eine andere Frage:
Wer spricht mit Männern, bevor der Bildschirm übernimmt?
Nicht nur mit den Wütenden. Nicht nur mit den Lauten. Nicht nur mit denen, die bereits in ideologische Echokammern geraten sind. Sondern mit den erschöpften Vätern, den überforderten Partnern, den Männern, die lieben wollen, aber nie gelernt haben, Verantwortung ohne Heldentum zu übernehmen.
Hier beginnt Männerarbeit, die weder beschämt noch entschuldigt. Keine Männer-PR. Kein Männer-Bashing. Keine Heldenreise. Sondern Kontakt. Früher sprechen. Früher zuhören. Früher Verantwortung übernehmen.
Care ist erwachsene Mitverantwortung
Care ist keine weibliche Spezialkompetenz. Care ist erwachsene Mitverantwortung. Dieser Satz klingt einfach. Er stellt jedoch vieles infrage: Arbeitszeiten, Karrierebilder, Familienmodelle, Steuersysteme, Männlichkeitsbilder, Wohnformen, Politik, Freundschaften.
Ein Vater, der wirklich zuständig wird, verändert nicht nur Windeln. Er verändert Machtverhältnisse. Nicht abstrakt. Sondern morgens um 6.20 Uhr. Wenn das Kind weint. Wenn die Nacht kurz war. Wenn eine Mail wartet. Wenn niemand applaudiert. Dort zeigt sich Gleichstellung.
Beziehung vor Entscheidung
In meiner Arbeit spreche ich oft von Struktureller Liebe. Fachlicher gesagt: würdesensible Beziehungsarchitektur. Einfacher gesagt: Räume, in denen Menschen nicht kleiner werden müssen, um dazuzugehören.
Für Familien bedeutet das: Rollen so gestalten, dass Verantwortung nicht an der Person hängen bleibt, die am wenigsten Nein sagt. Regeln so gestalten, dass Care sichtbar wird. Rhythmen so gestalten, dass Erschöpfung nicht privatisiert wird. Räume so gestalten, dass Männer über Angst, Unsicherheit und Überforderung sprechen können, ohne sofort in Abwehr oder Scham zu geraten.
Das ist für mich Beziehung vor Entscheidung. Nicht als romantischer Satz. Sondern als konkrete Praxis.
Gleichberechtigte Vaterschaft beginnt früher
Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke: Gleichberechtigte Vaterschaft beginnt nicht erst nach der Geburt. Sie beginnt früher. Bei der Frage: Was für ein Mann möchte ich sein? Was für ein Partner möchte ich sein? Welche Verantwortung habe ich bisher ausgelagert? Welche Care-Arbeit sehe ich gar nicht, weil sie immer schon jemand anderes übernommen hat?
Gute Absichten reichen nicht. Ein Mann kann sehr lieben und trotzdem zu wenig tragen. Ein Mann kann moderne Sätze sagen und trotzdem auf Anweisungen warten. Ein Mann kann Gleichstellung befürworten und dennoch von alten Rollenbildern profitieren.
Darum braucht es nicht nur Einsicht. Es braucht Übung.
Innehalten
Wo helfe ich nur, statt Verantwortung zu übernehmen? Wo warte ich auf Anweisung? Wo möchte ich gesehen werden, obwohl ich eigentlich einfach zuständig bin? Wo verwechsle ich Freiheit mit Entlastung auf Kosten anderer? Wer hat in meinem Leben Care getragen, ohne dafür Applaus zu bekommen?
Fragen, mit denen ich gerne mit dir ins Gespräch komme
Was hat dir dein Vater über Care gezeigt – durch Tun oder durch Unterlassen? Wo bist du als Mann, Vater, Partner oder Sohn Zuschauer geblieben? Welche unsichtbare Arbeit in deiner Familie müsste sichtbarer werden? Was wäre ein kleiner konkreter Schritt von «Ich helfe» zu «Ich trage mit»? Welche Räume brauchen Männer, damit sie früher sprechen, früher fühlen und früher Verantwortung übernehmen können?
Weiterlesen
Von innen nach aussen – Selbstfürsorge zuerst
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Mann, lass uns spielen und reden
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Macht- und Beziehungsbewusstsein – ein Selbsttest für klare Verbindung
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GEMEINSCHAFT WAGEN – Weniger perfekt, mehr verbunden
https://christofsuppiger.org/
Quellen
Sebastian Tigges: Becoming Dad. Was ich gern früher übers Vatersein gewusst hätte. Piper Verlag.
Tages-Anzeiger: Interview mit Sebastian Tigges zur gleichberechtigten Vaterschaft.
männer.ch / MenCare Schweiz: Programme zu Vaterschaft, Care und gleichberechtigter Elternschaft.
Markus Theunert: Beiträge zu Männerverantwortung, Co-Feminismus und geschlechterreflektierter Männerarbeit.
KI-Transparenz
KI ist Werkzeug – die Unterschrift ist meine. Für sprachliche Verdichtung und Struktur nutze ich punktuell KI als Werkzeug. Verantwortung, Auswahl und Endfassung liegen bei mir. Wichtig ist mir ein macht- und gewaltbewusster Umgang damit.
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