Zwischen den Explosionen

Vielleicht beginnt Demokratie nicht dort, wo abgestimmt wird. Vielleicht beginnt sie dort, wo jemand einen Blumenstrauss auf den Tisch stellt und sagt: Ich bin da.

Maria Dolce Spaccaviso hätte wahrscheinlich gesagt: «Gianni, wenn es jedes Jahr knallt, ist vielleicht nicht die Bombe das Problem, sondern der Keller, in dem sie gelagert wird.» Gianni Taci Battuta hätte zuerst die Sitzungsordnung gesucht, dann das Protokoll, dann den Antrag zur Klärung der Zuständigkeit. Und irgendwann hätte Maria ihm einen Blumenstrauss in die Hand gedrückt und gesagt: «Stell den jetzt einfach auf den Tisch. Wir fangen kleiner an.»

Die Generalversammlung war wieder einmal geplatzt. Oder sagen wir etwas freundlicher: Sie war nicht einfach ein geordneter Abend mit Traktanden, Wortmeldungen, Abstimmungen und anschliessendem Heimweg. Sie war ein Ort, an dem etwas hochging. Nicht nur Meinungen. Auch alte Geschichten, alte Enttäuschungen, alte Lager, alte Verletzungen, die vielleicht nie wirklich gehört worden sind.

Mein eigenes Wie weiter begann nicht mit einem Konzeptpapier. Nicht mit einer Mediation. Nicht mit einem grossen Versöhnungsformat. Sondern mit einem kleinen Nachbartisch im Aussenraum der oberen Winterthurstrasse. Ein Blumenstrauss auf dem Tisch. Etwas Zeit. Ein paar mir bekannte, zufällig ausgewählte Nachbarinnen und Nachbarn. Kein offizieller Anlass. Keine Traktanden. Kein Vorstandstisch. Kein Mikrofon. Kein Saal, in dem man schon beim Eintreten weiss, wer vermutlich wieder auf welcher Seite sitzt.

Der Blumenstrauss als kleinste Genossenschaftsreform

Am Tisch sass unter anderem Signor Balkonino Gegenüber. Seit fünfzehn Jahren wohnt er in derselben Siedlung wie Signora Sempre-Austausch. Ihre Balkone zeigen aufeinander. Fünfzehn Jahre. Fünfzehn Generalversammlungen. Mehr als fünftausend Tage. Und trotzdem hatten sie sich nie wirklich persönlich kennengelernt.

Das ist für mich eine fast unglaubliche Beobachtung. Menschen sehen sich jahrelang. Sie wissen vielleicht, wann jemand die Pflanzen giesst, wann jemand die Storen herunterlässt, wann jemand Besuch bekommt oder spät nach Hause kommt. Aber sie kennen einander nicht. Und dann begegnen sie sich plötzlich an einer Generalversammlung. Nicht als Nachbarinnen und Nachbarn, sondern als Stimmen. Als Lager. Als Meinung. Als Störung. Als Problem.

Signora Sempre-Austausch sagte einen einfachen Satz: «Austausch ist immer gut.» Der Satz klingt fast zu schlicht. Aber je länger ich über ihn nachdenke, desto tragfähiger wird er. Austausch ist nicht automatisch Harmonie. Austausch bedeutet nicht, dass alle gleicher Meinung werden. Austausch heisst zuerst: Ich nehme wahr, dass du auch da bist. Nicht nur als Stimme im Saal. Nicht nur als Gegenposition. Sondern als Mensch.

Signor Balkonino Gegenüber erzählte, dass sich in der Genossenschaft über Jahre Lager gebildet hätten. Lange Fehden. Wiederkehrende Spannungen. Er gehe an die Generalversammlung, weil man das eben mache. Weil es dazugehöre. Weil es anständig sei. Ich hörte darin auch eine Form von Pflichtgefühl. Vielleicht sogar Anpassung. Man geht hin, gibt seine Stimme ab, hält etwas aus, geht wieder nach Hause. Und wenn es zu viel wird, kommt man im nächsten Jahr vielleicht nicht mehr. Oder man kommt doch wieder. Mit noch mehr Druck im Gepäck.

Zuhören, bevor es knallt

Ein anderer Nachbar, nennen wir ihn Signor Jedes-Jahr-Bumm, hatte mir sinngemäss gesagt: Es ist immer dasselbe Spiel. Jedes Jahr gibt es an der Generalversammlung eine Explosion. Dabei könnte man doch während des Jahres miteinander reden. Reflexionsgruppen bilden. Kleine Räume schaffen, in denen man hört, was sich aufstaut, bevor es im Saal detoniert.

Dieser Satz hat mich sehr berührt. Weil er genau das ausdrückt, was ich mit Stammtischen meine. Nicht als Ersatz für demokratische Verfahren. Nicht als Parallelregierung im Schatten der Traktandenliste. Sondern als Beziehungsraum zwischen den Entscheidungen.

Zuhören, bevor es knallt. Und bleiben, wenn es geknallt hat.

Dieses Bleiben ist anspruchsvoll. Denn wenn die Bombe detoniert ist, geschieht oft etwas Zweites. Die einen laufen innerlich oder äusserlich davon. Andere greifen sofort therapeutisch, theologisch oder aggressiv belehrend ein. Es wird diagnostiziert, repariert, beruhigt, erklärt, moralisiert. Manchmal ist dieses schnelle Reparieren selbst ein Teil des Problems. Es verhindert, dass wirklich gehört wird, was sichtbar geworden ist.

Gemeinschaft beginnt vielleicht dort, wo wir nach der Explosion nicht sofort flüchten, nicht missionieren, nicht diagnostizieren und nicht die Scherben wegmoderieren. Sondern zuerst bleiben. Atmen. Schauen, wer noch da ist. Und dann vorsichtig fragen: Was ist hier eigentlich sichtbar geworden?

Maria würde an dieser Stelle vielleicht sagen: «Gianni, du musst nicht jede Bombe entschärfen. Manchmal musst du zuerst merken, wer nach dem Knall noch zittert.» Und Gianni würde antworten: «Aber dafür braucht es doch ein Verfahren.» Maria würde nicken: «Ja. Aber zuerst braucht es einen Stuhl, einen Schattenplatz und vielleicht etwas zu trinken.»

Kleine Baustellen zwischen den Balkonen

Während des Nachbartisches war ich gleichzeitig mit einer kleinen Baustelle beschäftigt. Zwischen meiner Wohnung und dem Stammtisch entsteht ein Eidechsenbalkon. Ich hatte die Erlaubnis bekommen, dort mit Steinen, Pickel und Schaufel etwas Kleines zu bauen, damit Leben auch für andere Wesen Platz findet.

Von oben rief Signora Grabesblick vom Balkon herunter: «Für wen schaufelst du da ein Grab?» Ich rief zurück: «Natürlich für dich. Bist du bereit?» Wir lachten beide. Eine kleine Battuta. Ein kurzer Schlagabtausch. Nicht perfekt. Nicht pädagogisch. Aber lebendig.

Später kam sie herunter. Wir sprachen. Sie erzählte, dass sie nach der Generalversammlung schlecht geschlafen habe. Dass sie die Spannungen beschäftigt hätten. Und plötzlich wurde mir wieder klar: Vielleicht entstehen tragfähige Nachbarschaften nicht nur durch bessere Statuten, sondern durch solche kleinen Zwischenräume. Durch Humor. Durch Foodwaste-Geschenke. Durch kurze Gespräche über den Balkon. Durch einen Tisch im Aussenraum. Durch die Bereitschaft, sich nicht nur als Funktion, Stimme oder Gegnerin zu begegnen.

Natürlich öffnen sich dabei auch Unterschiede. Signor Balkonino Gegenüber und ich bewegen uns politisch und weltanschaulich nicht einfach im selben Raum. Zwischen seiner Weltdeutung und meiner kann es durchaus knistern. Vielleicht liegt darin sogar die kleine Explosion, die zwischen den Versammlungen stattfinden darf. Nicht als Zerstörung, sondern als Übung. Können wir Unterschiedlichkeit bewohnen, ohne sofort Fronten zu bilden? Können wir einander widersprechen, ohne einander aus der Nachbarschaft zu entlassen?

Das ist für mich Care und Selfcare zugleich. Care heisst: Ich stelle meine Zeit zur Verfügung, ich öffne einen Tisch, ich höre zu, ich bringe etwas in Beziehung. Selfcare heisst: Ich muss nicht alles retten, nicht alle Konflikte lösen, nicht alle Lager versöhnen. Ich darf einen Raum anbieten. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Räume, Rollen, Rahmen, Rhythmen – und Richtung

Wenn ich mit den 4R auf diesen kleinen Nachmittag schaue, wird etwas sichtbar. Der Raum war nicht der Saal der Generalversammlung, sondern ein Tisch im Aussenraum. Die Rollen waren nicht Vorstand, Mitglied, Gegnerin, Antragsteller oder Störenfried, sondern Gastgeber, Nachbarin, Zuhörer, Balkonstimme, Baustellenclown, Foodwaste-Bote. Der Rahmen war einfach: freiwillig kommen, reden dürfen, nicht entscheiden müssen, nicht gewinnen müssen. Der Rhythmus ist noch nicht da, aber er klopft bereits an: Wann ist das nächste Mal?

Und die Richtung? Vielleicht führt sie nicht sofort zu mehr Einigkeit. Vielleicht führt sie zuerst zu mehr Ansprechbarkeit. Zu etwas weniger Sprachlosigkeit zwischen den Explosionen. Zu etwas mehr Vertrauen, dass Unterschiedlichkeit nicht automatisch Bruch bedeuten muss.

Eine Genossenschaft braucht Verfahren, Abstimmungen, Protokolle und Verantwortlichkeiten. Aber sie braucht auch Rhythmen der Begegnung. Orte, an denen man nicht gewinnen muss. Orte, an denen man sich kennenlernt, bevor man sich widerspricht. Orte, an denen mehr als eine Stimme Platz hat.

Innehalten

Ein kurzes Innehalten.

Achte auf den Atem.

Spüre, wie und wo du deinen Körper wahrnimmst.

Vielleicht bei der Erinnerung an eine Versammlung, die geknallt hat. Vielleicht bei einer Nachbarin, die du oft siehst, aber kaum kennst. Vielleicht bei einer Stimme, der du ausweichst. Vielleicht bei der Frage, ob du selber eher flüchtest, reparierst, belehrst oder bleibst.

Die Tür: NachBarInn

Vielleicht war der kleine Nachbartisch keine Lösung. Vielleicht war er eher ein Anfang. Ein Blumenstrauss als Einladung. Ein Tisch als Versuch. Ein Schwatz als Brücke. Ein Eidechsenbalkon als kleine Baustelle für mehr Leben. Eine Battuta als Türöffner. Ein Foodwaste-Geschenk als Beziehungspflege. Ein Satz wie «Austausch ist immer gut» als demokratische Minimalpoesie.

Die eigentliche Frage nach einer geplatzten Generalversammlung lautet für mich deshalb nicht nur: Wie verhindern wir, dass es nächstes Jahr wieder knallt?

Die bessere Frage könnte lauten: Wo treffen wir uns zwischen den Explosionen?

Nicht damit alles nett wird. Nicht damit Konflikte verschwinden. Nicht damit Lager über Nacht zu Freundschaften werden. Sondern damit Menschen einander nicht erst dann begegnen, wenn der Saal schon geladen ist.

Vielleicht ist NachBarInn genau so eine Tür ins öffentliche Wohnzimmer. Nicht gross. Nicht perfekt. Aber wiederholbar. Und vielleicht beginnt Gemeinschaft manchmal tatsächlich so schlicht: mit einem Blumenstrauss auf dem Tisch, mit jemandem, der Zeit zur Verfügung stellt, und mit der Bereitschaft, nach dem Knall nicht auseinanderzulaufen.

Fragen, mit denen ich gerne ins Gespräch komme

Wo erleben wir in unserer Nachbarschaft Explosionen, die sich lange vorher angekündigt haben?

Welche Gespräche müssten während des Jahres stattfinden, damit die Generalversammlung nicht zum einzigen Ort der Entladung wird?

Wen sehe ich seit Jahren, ohne ihn oder sie wirklich zu kennen?

Wo neige ich dazu, nach Konflikten zu flüchten, zu reparieren, zu belehren oder zu moralisieren?

Welcher kleine wiederkehrende Tisch könnte bei uns entstehen?

Beitragsbild

Quadratisches Aquarellbild in Petrol, Teal, Moosgrün, Creme und warmem Gold. Im Vordergrund ein einfacher Gartentisch im Aussenraum einer Genossenschaftssiedlung, darauf ein Blumenstrauss, Gläser und kleine Teller. Darum herum anonyme, sympathische Anthrazit-Silhouetten verschiedener Nachbarinnen und Nachbarn: sitzend, stehend, zuhörend, eine Person mit Schaufel bei einer kleinen Steinbaustelle für Eidechsen. Im Hintergrund gegenüberliegende Balkone, auf denen weitere Silhouetten sichtbar sind. Zwischen Tisch, Balkonen und Baustelle feine goldene Resonanzkreise. Stimmung: menschlich, leicht humorvoll, nachbarschaftlich, wach, nicht idyllisch verkitscht. Keine erkennbaren Gesichter. Keine Logos. Keine Fotorealistik. Papierstruktur.

Quellen und Querverweise

Für diesen Abschnitt müssten die passenden internen Links auf christofsuppiger.org noch verifiziert werden, insbesondere zu GEMEINSCHAFT WAGEN, NachBarInn, Resonanzraum und Öffentliches Wohnzimmer.

KI-Transparenz

KI ist Werkzeug – die Unterschrift ist meine. Für sprachliche Verdichtung, Struktur und Varianten nutze ich punktuell KI als Gegenüber. Die KI schlägt Sprache vor. Ich entscheide, ob sie stimmt. Verantwortung, Auswahl und Endfassung liegen bei mir. Wichtig ist mir ein macht-, beziehungs- und gewaltbewusster Umgang damit.

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