
Autor: Christof Suppiger · Lesezeit: etwa 10 Minuten
Auf der Leinwand stehen nur Namen. Felix Gmür. Abraham Bernstein. Nadia Mazouz. Jenny Ebermann. Anton Aschwanden. Alexandra Kaiser-Duliba. André Golliez. Christian Rutishauser. Keine akademischen Titel. Keine Ämter. Keine Rangordnung.
Dabei wäre genug davon vorhanden. Auf dem Podium im Audimax der ETH Zürich sitzen Menschen aus Theologie, Philosophie, Informatik, Sozialethik, Wikimedia und Google: drei Frauen und drei Männer, jüngere und ältere Forschende. Moderiert wird der Abend von André Golliez und Christian Rutishauser. Eine illustre Gesellschaft.
Doch bevor über Künstliche Intelligenz gesprochen wird, geschieht etwas beinahe Unscheinbares: Rang und Titel treten zurück. Die Menschen treten hervor.
Das berührt mich. Vielleicht, weil der Abend damit bereits etwas von dem verwirklicht, worüber später gesprochen werden wird. Die Veranstaltung trägt den Titel: «Die Künstliche Intelligenz entwaffnen?» Doch für einen Moment werden zuerst die Menschen entwaffnet – von ihren Statuszeichen.
Was bleibt, sind Namen, Gesichter und Körper in einem Raum.
Natürlich beseitigt diese symbolische Gleichheit keine realen Machtunterschiede. Google und Wikimedia kommen nicht mit denselben Ressourcen, Interessen und Einflussmöglichkeiten an den Tisch. Gerade deshalb ist die Geste bedeutsam – und zugleich nicht genug. Augenhöhe auf der Bühne muss sich in Regeln, Rechten und tatsächlicher Mitsprache fortsetzen.
Eine Frage öffnet den Abend (und mein Herz)
Christian Rutishauser richtet die erste Frage an Bischof Felix Gmür. In meiner Erinnerung lautet sie sinngemäss:
> Was würdest du morgen, wenn du dem Papst die Hand gibst, ihm von diesem Abend erzählen?
Felix wartet. Nicht lange, aber lange genug, dass die Stille spürbar wird. Dann kündigt er an:
> Ich kann das in einem Satz beantworten.
Puh. Welche Ansage.
Der Saal wird noch stiller. Dann kommt dieser eine Satz, so wie er in mir weiterklingt:
> Die Einladung zum Dialog wurde angenommen.
Spontaner Beifall. Freude breitet sich aus. Hoffnung. Für einen Augenblick entsteht Verbundenheit zwischen der Bühne und dem zu etwa drei Vierteln gefüllten Saal.
Dieser Moment ist mein Favorit des Abends. Nicht weil damit eine Frage gelöst wäre. Sondern weil eine Beziehung angeboten und angenommen wird.
Später scherzt einer der Professoren, wir seien schliesslich nicht als Avatare gekommen. Wir sind wirklich da. Mit unseren Körpern, Geschichten, Interessen und Widersprüchen. Mit unserer Intelligenz – und mit unserer Begrenztheit.
Keine Predigt, sondern eine öffentliche Einladung
Ausgangspunkt des Podiums ist die Enzyklika Magnifica Humanitas von Papst Leo XIV. über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Ich höre an diesem Abend keine Predigt, die der Welt eine fertige christliche Antwort überstülpt. Ich höre eine Warnung und eine Einladung an Ethik, Philosophie, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.
Die Warnung lautet: KI droht bewaffnet zu werden – nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich und kognitiv. Wo sich Daten, Rechenleistung und Deutungsmacht bei wenigen Akteuren konzentrieren, entsteht Herrschaft. Die Enzyklika will die Gleichsetzung von «technischer Macht und dem Recht zu herrschen» aufbrechen. Entwaffnen bedeutet hier nicht Technikfeindlichkeit. Es bedeutet, KI hinterfragbar, anfechtbar und lebensfreundlich zu machen.
Das ist ein starker Begriff. Er verschiebt die Frage.
Nicht: Ist KI gut oder böse?
Sondern: In welche Beziehungen, Interessen und Machtordnungen ist sie eingebettet? Wer entwickelt sie? Wer finanziert sie? Wer entscheidet über ihren Einsatz? Wer profitiert? Wer trägt die Folgen? Und wer kann widersprechen?
Technik ist nicht einfach ein fremdes Wesen, das über uns kommt. Sie nimmt die Züge jener an, die sie gestalten und einsetzen. KI ist deshalb nicht nur ein Werkzeug. Sie wird zu einer Umwelt, in der wir wahrnehmen, arbeiten, lernen, lieben, streiten und entscheiden.
KI hat kein Gewissen – aber ihre Entscheidungen haben Folgen
Auf einer Folie steht:
> Keine Moralfähigkeit.
Maschinen besitzen weder Gewissen noch Verletzlichkeit. Sie können keine Verantwortung übernehmen. Und doch können algorithmische Systeme sortieren, bewerten, empfehlen und Zugänge eröffnen oder verschliessen. Ihre Ergebnisse wirken auf Bewerbungen, Kredite, Versicherungen, medizinische Behandlungen, Bildungschancen und politische Öffentlichkeit.
Darum reicht mir der Satz «Algorithmen fällen keine moralischen Urteile» nicht ganz. Präziser wäre:
> KI kann moralisch folgenreiche Urteile erzeugen. Sie kann dafür aber weder Verantwortung übernehmen noch Rechenschaft ablegen.
Diese Verantwortung bleibt menschlich. Doch auch das darf keine beruhigende Formel werden. Wer genau ist verantwortlich? Die Entwicklerin? Der Anbieter? Die Behörde, die ein System beschafft? Die Mitarbeitenden, die eine Empfehlung bestätigen? Die politische Instanz, die keine Regeln geschaffen hat?
Verantwortung ist verteilt. Aber sie darf sich in dieser Verteilung nicht verflüchtigen.
Ein Mensch «in der Entscheidungsschleife» genügt nicht, wenn er kaum versteht, was das System tut, keine Zeit für eine Prüfung hat oder einer Empfehlung faktisch nicht widersprechen kann. Menschliche Verantwortung braucht Wissen, Handlungsmacht, klare Rollen, Einspruchsmöglichkeiten und Haftung.
Mein Vater sitzt unsichtbar mit im Raum
Während Philosophinnen und Informatiker sprechen, ist in mir noch jemand anwesend: mein fast hundertjähriger Vater.
Das ist keine Beobachtung über das Podium. Es ist meine persönliche Resonanz.
Mein Vater vertraut einer bürgerlichen Welt, in der Leistung, Ordnung, Fortschritt und Stärke einen hohen Wert besitzen. Politisch fühlt er sich der FDP und der SVP näher als ich. Teile dieser Politik sehe ich kritisch, besonders dort, wo wirtschaftliche Freiheit, Konkurrenz und technische Machbarkeit mehr Gewicht erhalten als soziale Verletzlichkeit und Care.
In unserer Beziehung prallen unterschiedliche Vorstellungen von Stärke aufeinander. Ich erinnere mich daran, wie er mich «Sensibelchen» oder «Gutmensch» nennt. Wenn ich ausspreche, dass mich etwas verletzt, kann meine Empfindsamkeit wie ein Mangel erscheinen.
An diesem Abend taucht eine andere Möglichkeit auf: Vielleicht ist Sensibilität nicht nur Schwäche. Vielleicht ist sie auch ein Erkenntnisorgan.
Sie lässt mich spüren, wo ein Mensch unter einer Logik von Leistung, Optimierung und Unverletzbarkeit zu verschwinden droht. Sie macht meine Wahrnehmung nicht automatisch richtig. Sie gibt mir kein moralisches Übergewicht. Aber sie macht etwas sichtbar, das in einer rein technischen oder ökonomischen Betrachtung leicht verloren geht.
Die Enzyklika nennt Begrenztheit, Alter, Krankheit und Verletzlichkeit nicht bloss Fehler, die technisch behoben werden müssen. Gerade in unserer Begrenztheit öffnen wir uns für Mitgefühl, Fürsorge und Beziehung.
Plötzlich ist die Frage «Was ist der Mensch im Klammergriff der Technik?» auch eine Frage zwischen Vater und Sohn:
> Gilt Verletzlichkeit als Störung – oder als Teil unserer Würde?
Die Kirche: Hierarchie und lebendiger Dialog
Auch meine widersprüchliche Beziehung zur katholischen Kirche sitzt mit im Saal.
Ich habe sie über viele Jahre als starre, mitunter missbräuchliche Hierarchie erlebt. Machtmissbrauch, gewalttätige Kommunikation und das Beharren auf Autorität stossen mich ab. Das darf nicht durch schöne Worte über Dialog überdeckt werden.
Und gleichzeitig begegne ich Menschen, die im Dienst dieser Kirche Räume öffnen. Besonders im Umfeld des Lassalle-Hauses erlebe ich religiösen Dialog, Stille und eine Bewegung in die Mitte des Menschlichen. Christian Rutishauser gehört für mich zu diesen Menschen.
Nach der Veranstaltung hat sich um ihn eine kleine Gruppe gebildet. Ich stelle ihm eine spielerische Gegenfrage:
> Was könnte der Papst gestern zu dir gesagt haben?
Christian antwortet sinngemäss:
> Nicht schlecht, wie du das eingefädelt hast. Nicht schlecht, was du da für morgen vorbereitet hast.
So entsteht ein kleiner erzählerischer Bogen: Felix wird dem Papst vom Abend erzählen. Ein vorgestellter Papst würdigt rückwirkend den Raum, den Christian vorbereitet hat. Eine wichtige Nachricht wandert durch Fragen, Humor und imaginierte Begegnungen von Mensch zu Mensch.
Ich muss mich nicht zwischen radikaler Institutionenkritik und persönlicher Wertschätzung entscheiden. Beides kann wahr sein: Eine Institution kann Gewalt ermöglichen. Menschen innerhalb dieser Institution können Räume schaffen, in denen Macht begrenzt und Dialog lebendig wird.
Vielleicht gehört auch das zur Reife: weder zu idealisieren noch einen Menschen auf seine Institution zu reduzieren.
Wunde, Waffe, Verantwortung
«Entwaffnen» beginnt für mich nicht erst bei Raketen, Algorithmen oder Rechenzentren. Auch Worte können Waffen werden. Titel können Waffen werden. Moralische Überlegenheit kann zur Waffe werden. Ebenso kann eine eigene Wunde zur Waffe werden, wenn ich sie benutze, um andere festzuschreiben oder öffentlich anzuklagen.
Mein Vater darf in diesem Text vorkommen, weil seine Welt in mir wirkt. Aber er darf nicht zum Beweisstück für eine allgemeine Anklage gegen «die Bürgerlichen», «die Männer» oder «die Technikgläubigen» werden. Meine Verletzung ist wirklich. Meine Deutung bleibt meine Deutung. Meine Verantwortung besteht darin, beides zu unterscheiden.
Das gilt auch politisch. Kritik an Machtkonzentration ist notwendig. Doch ein Feindbild hilft nicht, eine lebensfreundliche digitale Ordnung aufzubauen.
Verantwortung beginnt dort, wo ich die Wunde weder leugne noch als Waffe verwende. Ich bringe sie in Beziehung.
Beziehungsarchitektur für eine lebensfreundliche KI
Seit einiger Zeit forsche ich an sechs R, die Gemeinschaften und Organisationen tragen können: Räume, Rollen, Rahmen, Rhythmen, Richtung und Reife. Resonanz liegt quer zu allen sechs.
Auch die KI-Debatte lässt sich damit lesen.
Räume: Wo kann über KI öffentlich gesprochen werden – nicht nur von Fachleuten und Unternehmen, sondern mit den Menschen, deren Leben sie verändert? Auf einer Folie steht: «KI braucht Wissen. Wissen braucht Menschen.» Digitale Wissensallmenden wie Wikipedia sind nicht bloss kostenlose Datenquellen. Sie sind gemeinschaftlich gepflegte Infrastrukturen einer überprüfbaren Wirklichkeit.
Rollen: Wer entwickelt, finanziert, entscheidet, kontrolliert und haftet? Wer ist betroffen? Wer darf Einspruch erheben? Verantwortung braucht Namen und Zuständigkeiten.
Rahmen: Welche Grundrechte, Grenzen und Rechtsmittel schützen Menschen vor automatisierter Willkür? Transparenz allein genügt nicht. Eine Entscheidung muss anfechtbar und korrigierbar sein.
Rhythmen: Technische Entwicklung folgt dem Takt des Wettbewerbs: schneller, grösser, leistungsfähiger. Menschliche und demokratische Urteilsbildung braucht dagegen Pausen, Prüfung, Wiederholung und die Möglichkeit, eine Entscheidung zurückzunehmen.
Richtung: Welche Digitalisierung wollen wir? Digitale Souveränität bedeutet für mich nicht Abschottung. Sie bedeutet Gestaltungs- und Handlungsfähigkeit: die eigenen Werte klären, Abhängigkeiten erkennen und einen gesellschaftlichen Nordstern entwickeln. Die Swiss Data Alliance versteht Souveränität ebenfalls als aktives Gestalten und als Fähigkeit des Staates, bei systemischen Fragen handlungsfähig zu bleiben.
Reife: Können wir die Möglichkeiten von KI nutzen, ohne ihr unsere Urteilskraft zu überlassen? Können wir Ambivalenz aushalten – Begeisterung und Sorge, Innovation und Begrenzung, Nutzen und Macht?
Resonanz fragt in jeder dieser Dimensionen: Wer wird gehört? Wer bleibt unsichtbar? Was antwortet, was ich technisch in die Welt setze? Und bin ich bereit, mich von dieser Antwort verändern zu lassen?
Meine Leitformel lautet:
> **Beziehung trägt Entscheidung. Entscheidung schützt Beziehung.**
Für KI heisst das: Eine Entscheidung muss in einer verantwortbaren Beziehung zu den betroffenen Menschen bleiben. Und sie muss diese Beziehung vor Willkür, Manipulation und Machtmissbrauch schützen.
Die Veranstaltung als Mikropraxis des Entwaffnens
Das Podium hat KI nicht entwaffnet. Es hat keine neuen Gesetze beschlossen und keine Monopole aufgelöst. Aber es hat im Kleinen eine andere Ordnung erprobt:
● Namen statt Titel
● Frauen und Männer, jüngere und ältere Stimmen
● Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Unternehmen und Kirche in einem Raum
● eine Pause statt der sofortigen Antwort
● Humor statt Verhärtung
● Dialog statt abschliessender Verkündigung
● körperliche Anwesenheit statt Avatar
Das ist nicht nichts.
Strukturen entstehen auch aus Mikropraxen: aus der Art, wie wir einander vorstellen, wie lange wir auf eine Antwort warten, wer sprechen darf, wer widersprechen kann und ob ein Raum nach einer Veranstaltung wieder geschlossen wird oder Beziehungen weiterträgt.
Am Schluss wurden drei Kontaktadressen eingeblendet. Die Einladung zum Dialog blieb damit nicht nur ein schöner Satz. Sie erhielt eine mögliche Fortsetzung.
Vielleicht beginnt das Entwaffnen von KI genau hier: nicht mit der Illusion, Technik lasse sich durch gute Absichten zähmen, sondern mit Menschen, die Verantwortung in Räume, Rollen, Rahmen und Beziehungen übersetzen.
Wir sind nicht als Avatare gekommen.
Wir sind da – mit grössten Herausforderungen an unsere Menschlichkeit.
Und die Einladung zum Dialog wurde angenommen.
Innehalten
Bevor ich weiterlese, diskutiere oder schon wieder eine Lösung formuliere, halte ich einen Moment inne.
Ich spüre den Körper auf dem Stuhl. Den Atem. Vielleicht auch die Ungeduld, die nach einer klaren Position verlangt.
Ich frage mich nicht zuerst, ob ich für oder gegen KI bin.
Ich frage: Wo wird etwas in mir hart? Wo werde ich neugierig? Wo fühle ich mich ohnmächtig? Und welche Verantwortung kann ich tatsächlich übernehmen – ohne mich zum Retter zu machen?
Quellen und Hinweise
● Papst Leo XIV.: Magnifica Humanitas – Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, 15. Mai 2026, besonders Abschnitte 9–15, 108–114 und 170–172.
● Podiumsdiskussion «Die Künstliche Intelligenz ‹entwaffnen›?», ETH Zürich, 17. August 2026.
● Swiss Data Alliance: Digitale Souveränität – die digitale Zukunft der Schweiz gestalten.
● Eigene Beobachtungen, Erinnerungen und Fotografien vom Anlass. Wiedergegebene Wortlaute aus dem Gespräch sind, wo bezeichnet, sinngemäss aus meiner Erinnerung rekonstruiert.
KI-Transparenz
Dieser Artikel entstand aus meinen eigenen Beobachtungen, Fotografien und biografischen Resonanzen. Eine KI half mir, das Material zu strukturieren, Formulierungen zu verdichten, Beobachtung und Deutung deutlicher zu trennen sowie öffentlich zugängliche Quellen zu prüfen. Auswahl, persönliche Aussagen, Wertungen und Verantwortung für den veröffentlichten Text liegen bei mir.
☐ Welche meiner menschlichen Wahrheiten braucht Sprache – und welche braucht zunächst Zeit?
☐ Wie würde meine Position vom Platz des Gegenübers aussehen?
☐ Welche kleine Veränderung an Raum, Rolle, Rahmen oder Rhythmus könnte eine festgefahrene Beziehung entlasten?.
...
Fragen, mit denen ich gern mit dir ins Gespräch komme
1. Ich: Wo nutze ich KI bereits – und was geschieht dabei mit meiner Aufmerksamkeit, Urteilskraft und Verletzlichkeit?
2. Du: Welche Menschen sind von meinen technischen Entscheidungen betroffen, ohne dass ich ihnen begegne?
3. Wir: Welche Räume und Rhythmen brauchen wir, damit Widerspruch nicht als Störung, sondern als Schutz verstanden wird?
4. Struktur: Wer verfügt über Daten, Rechenleistung, Regeln und Rechtsmittel – und wer trägt die Folgen?
5. Richtung: Woran würden wir erkennen, dass eine KI nicht nur effizienter, sondern lebensfreundlicher geworden ist?
Möchtest du mit mir in Kontakt kommen und mit diesen Fragen unterwegs sein?
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3 Tage später Nachklang pWir sind als verbundene Menschen gegangen
Nach der Veranstaltung standen wir beim Apéro in der lauten ETH-Halle: ein paar Menschen aus dem Lassalle-Kreis, mit Christian Rutishuser in ein fröhlich-intellektuelles Gespräch vertieft. Da rief jemand von aussen laut in unsere Runde:
«Tschau, Christian!»
Er ging jedoch zuerst auf mich zu – auf einen, der auch einfach im Kreis dastand – und reichte mir die Hand. Dann Sam, Rahel, Vincenzo und schliesslich Christian.
Es war Felix. Der Bischof. Nicht ausserhalb unseres Kreises, nicht über uns, sondern einer von uns: von Hand zu Hand mit allen verbunden.
Diese Begegnung berührte in mir eine alte Erinnerung. Als Kind empfing ich in Chiasso, in der Parrocchia am Corso San Gottardo, am selben Tag die Erstkommunion und die Firmung. Von diesem Tag gibt es schöne Fotografien. Der Bischof legte mir zwei Finger an die Wange und gab mir den kleinen, damals üblichen Backenstreich. Wir Kinder nannten die Firmung deshalb auch die «Bischofsohrfeige». Für mich verkörperte sie das Versprechen: Du gehörst dazu.
Nun begegnete ich zum zweiten Mal in meinem Leben einem Bischof von Angesicht zu Angesicht. Diesmal war es keine Hand an meiner Wange, sondern eine Hand in meiner Hand. Und doch fühlte es sich an wie eine zweite Bischofsohrfeige – eine, die mein Herz öffnete.
Eine Berührung, die mich an die christliche Liebe erinnerte und sogleich folgte die buddhistische Metta-Bewegung: die Liebe im eigenen Herzen wahrnehmen und sie ausströmen zu lassen – zu allen anwesenden und abwesenden fühlenden Wesen.
Geschmolzene Hierarchie.
Eine dargereichte Hand, die unser Herz meint. Felix, Christof und alle hier. Im Kreis vereint. Glücklich.
Sag dem Leo: Wir sind verbunden.
Entwaffnet.
Die Einladung angenommen.
Wir sind nicht als Avatare gekommen.
Wir sind als verbundene Menschen gegangen.
A) Für das Gelingen des Workshops ist es erforderlich, dass TeilnehmerInnen von Beginn bis Ende anwesend sind. Sollte Dir dies nicht möglich sein, wende Dich bitte vor der Anmeldung an die Veranstalter.
B) Der Workshop dient der Persönlichkeitsbildung und bietet intensive Lernerfahrungen. Das kann unter Umständen emotional herausfordernd sein. Solltest Du in psychotherapeutischer Behandlung sein, bitten wir Dich, mit uns Kontakt aufzunehmen.