
Viele Männer suchen Orientierung. Manche finden sie im Gespräch. Manche im Körper. Manche in Freundschaft, Care, Arbeit, Musik, Therapie oder politischer Verantwortung. Und manche finden sie zuerst auf dem Bildschirm. Dort wartet nicht nur Ablenkung. Dort warten auch einfache Antworten: Werde härter. Werde stärker. Werde unberührbar. Genau hier beginnt die Frage: Wer spricht mit Männern, bevor der Bildschirm das Gespräch übernimmt?
Der Bildschirm ist schnell. Er fragt nicht lange nach. Er hört nicht wirklich zu, aber er antwortet. Er bietet Zugehörigkeit ohne Zumutung. Stärke ohne Verletzlichkeit. Erklärung ohne Beziehung. Er bietet Männerbilder, die scheinbar Ordnung schaffen: Alpha, Gewinner, Opfer, Kämpfer, Ernährer, Verachtender, Unverletzbarer.
Ich glaube nicht, dass Männer zuerst Belehrung brauchen. Auch keine neue Erlaubnis zur Dominanz. Und sicher keinen Schutzraum vor Kritik. Was sie brauchen, sind Räume, in denen sie ansprechbar bleiben können, bevor Scham in Wut kippt, Einsamkeit in Ideologie, Kränkung in Verachtung und Sehnsucht in Kontrolle.
Der Bildschirm übernimmt dort, wo Beziehung zu spät kommt.
Der vierte Mann steht nicht auf der Bühne
In meinem Stück NICHT PEINLICH. NICHT CRINGE. stehen drei Männer im Vorraum der Verantwortung: Livio Liberali, Ronny Racker und Seppi Sonderfall. Sie sind komisch, überfordert, berührbar, widersprüchlich. Sie wollen nicht böse sein. Sie wollen gesehen werden. Sie wollen nicht peinlich sein. Und genau darum werden sie manchmal peinlich.
Aber der gefährlichste Mann steht nicht auf der Bühne.
Er leuchtet vom Bildschirm.
Er sitzt im Algorithmus, in der Manosphere, in kurzen Clips, in Kommentaren, in Trainingsversprechen, in vermeintlich klaren Rollenbildern. Er sagt: Du bist nicht verwirrt, du wurdest betrogen. Du bist nicht traurig, du bist entmachtet. Du musst nicht fühlen, du musst gewinnen. Du musst nicht zuhören, du musst dich durchsetzen.
Das Problem ist nicht nur, dass solche Botschaften frauenfeindlich, queerfeindlich oder gewaltverherrlichend werden können. Das Problem ist auch: Sie geben Männern eine Sprache, bevor andere Räume es tun. Die SRF-Podcastserie Alpha Boys zeigt, wie junge Männer in den Sog der Manosphere geraten können, wo Selbstoptimierung, Dominanzfantasien und Frauenhass ineinander kippen.
Die Manosphere ist nicht nur Ideologie. Sie ist auch ein Symptom verpasster Gespräche.
Was Männern oft fehlt, ist nicht Meinung, sondern Sprache
Viele Männer haben Meinungen. Manche haben sehr viele Meinungen. Aber Meinung ist nicht dasselbe wie Sprache.
Sprache wäre: Ich bin beschämt. Ich fühle mich überflüssig. Ich weiss nicht, wie ich begehren kann, ohne zu nehmen. Ich weiss nicht, wie ich Nähe zulassen kann, ohne mich abhängig zu fühlen. Ich weiss nicht, wie ich stark sein kann, ohne hart zu werden. Ich weiss nicht, wie ich mit Frauen in Beziehung sein kann, ohne mich entweder kleinzumachen oder aufzublasen.
Kambez Nuri, Co-Leiter der Fachstelle OH BOY*, arbeitet mit jungen Männern und spricht im SRF-«Focus» genau über diese Suche: junge Männer zwischen stark wirken, keine Schwäche zeigen, über Gefühle reden, Grenzen respektieren und doch Orientierung finden. OH BOY* versteht sich als Drehscheibe und Know-how-Hub für Fachpersonen, die mit Jungs, männlichen Jugendlichen und jungen Männern unterwegs sind.
Das ist wichtig. Denn wer keine Sprache für Verletzlichkeit lernt, findet oft eine Sprache der Abwehr. Wer keine Sprache für Trauer hat, redet vielleicht von Verachtung. Wer keine Sprache für Scham hat, redet vielleicht von Ehre. Wer keine Sprache für Bedürftigkeit hat, redet vielleicht von Anspruch.
Verletzlichkeit ist nicht Schwäche.
Sie ist die Tür, durch die Stärke beziehungsfähig wird.
Faktor M: Wenn Männlichkeit zur Bedrohungserzählung wird
Die Universität Zürich hat 2026 zusammen mit männer.ch die Studie Männlichkeit im Wandel veröffentlicht. Darin wird der sogenannte Faktor M beschrieben: ein Bündel restriktiver, dominanter Männlichkeitsvorstellungen, verbunden mit der Vorstellung, «echte Männlichkeit» sei bedroht. Laut UZH gehen hohe Faktor-M-Werte unter anderem mit männlichen Überlegenheitsansprüchen, Gewaltbereitschaft, Frauenfeindlichkeit, Verachtung sexueller Minderheiten und Ablehnung von Gleichstellung einher.
Besonders deutlich wird die Dringlichkeit bei jungen Männern. SRF fasst die Studie so zusammen: Fast jeder dritte junge Mann in der Schweiz zeigt problematische Männlichkeitsbilder; rund die Hälfte der jungen Männer befürchtet, «echte Männlichkeit» werde zunehmend verdrängt.
Ich lese solche Zahlen nicht als Einladung zur Panik. Und auch nicht als Einladung, Männer pauschal unter Verdacht zu stellen. Ich lese sie als Aufforderung, genauer hinzuschauen.
Wo lernen Jungen und Männer, dass sie nicht kleiner werden, wenn sie zuhören?
Wo lernen sie, dass Fürsorge keine weibliche Nebenaufgabe ist?
Wo lernen sie, dass Sexualität nicht Besitz bedeutet?
Wo lernen sie, dass Grenzen nicht Kränkung sind?
Wo lernen sie, dass Gleichstellung ihnen nicht die Würde nimmt?
Wenn diese Fragen nicht in Familien, Schulen, Männergruppen, Freundschaften, Sportvereinen, Beratungsstellen, Nachbarschaften und öffentlichen Wohnzimmern verhandelt werden, dann werden sie anderswo beantwortet. Oft schneller. Oft lauter. Oft gefährlicher.
Männer im Kontakt: Kein Heldenprogramm
Männer im Kontakt bedeutet für mich nicht: Männer retten.
Es bedeutet auch nicht: Männer ins Zentrum stellen, während Frauen wieder zuhören, halten, übersetzen und emotionale Arbeit leisten.
Männer im Kontakt bedeutet: Männer üben Verantwortung, bevor sie eskalieren. Männer lernen, ansprechbar zu bleiben. Männer lernen, mit Scham, Begehren, Wut, Trauer, Einsamkeit und Zärtlichkeit umzugehen, ohne daraus Anspruch, Rückzug oder Angriff zu machen.
Das kann in einer Männergruppe geschehen. In Beratung. Im Yoga. In einer GFK-Übungsgruppe. Im Community Building. Im Gespräch mit einem Freund. In einer Theaterprobe. Im Vater-Sohn-Gespräch. In einer Schule. In einem Kreis. Im Treppenhaus. Am Küchentisch.
Es braucht keine perfekte Methode. Aber es braucht Räume, Rollen, Rahmen und Rhythmen.
Und es braucht eine klare Grenze: Ein Männerraum ist kein Ort, um Frauen die Schuld zu geben. Kein Ort, um Feminismus abzuwehren. Kein Ort, um alte Dominanz mit neuer Sprache zu schmücken. Ein Männerraum wird erst dann tragfähig, wenn er Verantwortung nicht simuliert, sondern übt.
Care beginnt auch dort, wo ein Mann lernt, nicht sofort zu flüchten, zu erklären, zu verführen, zu kämpfen oder zu verschwinden.
Beratung ist kein Scheitern
Manchmal reicht ein Gespräch unter Freunden nicht. Manchmal braucht es professionelle Hilfe. Das ist kein Scheitern. Es ist Verantwortung.
Das mannebüro züri beschreibt sich als Beratungs- und Informationsstelle für Männer. Schwerpunkte sind unter anderem häusliche Gewalt, Krisensituationen, Konflikte, die Rolle als Mann und männliche Sexualität. Das Angebot richtet sich an Männer, aber auch an Fachpersonen und Medienschaffende.
Ich finde diesen Satz wichtig: Sprechen, bevor etwas geschieht. Sprechen, bevor Gewalt geschieht. Sprechen, bevor Beziehung zerstört wird. Sprechen, bevor der Bildschirm der einzige Ort wird, an dem ein Mann sich verstanden fühlt.
Nicht jeder Mann ist gefährlich. Aber jeder Mann kann lernen, früher ansprechbar zu werden.
Care 2027: Männer gehören nicht ins Zentrum, aber in die Verantwortung
Der kommende Care-Streik 2027 ist für mich ein entscheidender Resonanzhorizont. Das Feministische Streikkollektiv Zürich weist darauf hin, dass schweizweit ein Care-Streik am 14. Juni 2027 ausgerufen wurde und dass Care-Arbeit alle angeht.
Das ist der Punkt.
Männer gehören in dieser Bewegung nicht ins Zentrum. Aber sie gehören in die Verantwortung.
Care ist nicht nur nett sein. Care ist nicht nur helfen, wenn es gerade passt. Care ist auch: mittragen, zuhören, organisieren, kochen, putzen, pflegen, Termine halten, Kinder begleiten, Alte besuchen, Konflikte bearbeiten, emotionale Arbeit sichtbar machen, bezahlte und unbezahlte Arbeit neu bewerten.
Die Initiative Wirtschaft ist Care sagt es klar: Care-Arbeit ist das Rückgrat unserer Wirtschaft. Wenn Männer Care abwerten, delegieren oder romantisieren, bleibt die Gleichstellung an der Oberfläche. Wenn Männer Care lernen, verändert sich nicht nur ihr Privatleben. Es verändert sich auch Demokratie.
Denn eine Gesellschaft, in der Sorgearbeit unsichtbar bleibt, produziert harte Männer und erschöpfte Frauen. Und eine Gesellschaft, in der Männer nicht über ihre Verletzlichkeit sprechen lernen, produziert Bildschirme, die ihnen Härte verkaufen.
Der Bildschirm soll nicht verschwinden. Aber er darf nicht führen.
Ich bin nicht gegen Bildschirme. Ich schreibe mit digitalen Werkzeugen. Ich recherchiere online. Ich arbeite mit KI. Ich weiss, dass auch der Bildschirm verbinden kann.
Aber der Bildschirm darf nicht der erste, letzte und einzige Gesprächspartner werden.
Er darf nicht Vater, Freund, Lehrer, Coach, Liebespartnerin, politischer Raum und Beichtstuhl zugleich ersetzen.
Männer brauchen echte Resonanz. Keine perfekte. Aber echte. Einen Blick. Einen Kreis. Einen Körper im Raum. Eine Nachfrage. Einen Widerspruch. Ein Schweigen, das nicht strafend ist. Einen anderen Mann, der sagt: Ich kenne das. Und ich gehe nicht mit dir in die Verachtung.
Beziehung trägt Entscheidung.
Entscheidung schützt Beziehung.
Vielleicht beginnt genau hier eine andere Männlichkeit. Nicht gross. Nicht laut. Nicht als neues Ideal. Sondern als Praxis.
Ein Mann hebt den Blick vom Bildschirm.
Ein anderer bleibt sitzen.
Ein leerer Stuhl steht bereit.
Das Gespräch beginnt.
Weiterlesen / Quellen
Universität Zürich: Dominante Männlichkeitsvorstellungen sind bei jungen Männern weit verbreitet. Medienmitteilung zur Studie Männlichkeit im Wandel, Juni 2026.
SRF: Studie der Universität Zürich – Dominante Männlichkeitsbilder sind in der Schweiz weit verbreitet, Juni 2026.
SRF Focus: Kambez Nuri, Sozialpädagoge: Wonach suchen junge Männer?, Juni 2026.
OH BOY*: Fachstelle für geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungs.
SRF: Alpha Boys – Willkommen in der Manosphere, Podcastserie über junge Männer und Manosphere.
mannebüro züri: Beratungs- und Informationsstelle für Männer.
Feministisches Streikkollektiv Zürich: Care-Streik 2027.
Wirtschaft ist Care: Care-Arbeit ist das Rückgrat unserer Wirtschaft.
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Fragen, mit denen ich gerne ins Gespräch komme
Wo hast du als Junge oder Mann gelernt, über Scham, Angst, Begehren, Wut oder Einsamkeit zu sprechen?
Wer spricht mit jungen Männern, bevor der Bildschirm schneller ist?
Welche Männer haben dir gezeigt, dass Verletzlichkeit nicht Schwäche ist?
Wo verwechselst du Stärke mit Härte?
Welche Care-Arbeit leistest du sichtbar, zuverlässig und ohne Applaus?
Was müsste ein Männerraum können, damit er nicht zur Abwehr von Feminismus wird, sondern zur Einübung von Verantwortung?
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