
Selbstsorge ist nicht Rückzug ins Private. Sie ist eine Praxis der Würde. Sie beginnt dort, wo Menschen sich nicht länger demütigen, zersetzen oder permanent ablenken lassen. Und sie wird politisch, sobald wir begreifen: Wer Demokratie schützen will, muss auch die eigene Beziehung zu sich selbst schützen.
Sylvia Sasse hat auf Geschichte der Gegenwart einen wichtigen Gedanken formuliert: Autoritäre Systeme zerstören Menschen nicht nur durch Gewalt, Überwachung oder Verbote. Sie zerstören auch dadurch, dass sie Menschen dazu bringen, sich pausenlos mit sich selbst zu beschäftigen.
Nicht im Sinn von Selbstsorge.
Sondern im Sinn von Zermürbung.
Man beginnt, sich zu rechtfertigen. Man repariert Gerüchte. Man beantwortet Unterstellungen. Man analysiert Lügen. Man wehrt sich gegen Themen, die andere gesetzt haben. Man wird beschäftigt. Und irgendwann bleibt keine Kraft mehr für das, worum es eigentlich ginge: frei zu handeln, gemeinsam zu denken, Demokratie zu gestalten.
Ich merke, wie wichtig diese Unterscheidung ist.
Selbstsorge klingt heute schnell nach Wellness, Achtsamkeitsroutine, Resilienztraining oder Selbstoptimierung. Nach: Ich muss noch besser mit mir umgehen, damit ich weiter funktioniere. Damit ich noch etwas länger durchhalte. Damit ich nicht störe.
Aber das ist zu wenig. Vielleicht ist es sogar gefährlich.
Denn eine Selbstsorge, die nur dazu dient, unter schlechten Bedingungen besser zu funktionieren, kann sehr leicht Teil des Problems werden. Dann lernt der einzelne Mensch, sich an Verhältnisse anzupassen, die eigentlich verändert werden müssten. Dann wird Selbstsorge zur privaten Reparatur einer öffentlichen Zumutung.
Sasse erinnert an Foucaults Begriff der Selbsttechniken. Bei Foucault geht es nicht um narzisstische Selbstbespiegelung. Es geht um eine Praxis, in der Menschen sich zu sich selbst in Beziehung setzen, um handlungsfähig zu bleiben. Selbstsorge ist dann nicht Weltflucht. Sie ist eine Form von Freiheit unter Druck.
Ich würde es so sagen:
Selbstsorge beginnt dort, wo ich mich nicht mehr nur verwalte, sondern wieder bewohne.
Der Gegenbegriff zur Selbstsorge ist bei Sasse die erzwungene Selbstbeschäftigung.
Das ist ein scharfer Gedanke.
Die DDR-Staatssicherheit nannte eine ihrer Methoden «Zersetzung». Menschen sollten nicht einfach nur überwacht werden. Sie sollten innerlich aus der Bahn geraten. Gerüchte, soziale Verunsicherung, berufliche Misserfolge, private Konflikte, pathologisierende Zuschreibungen: All das konnte dazu dienen, Kritik und Widerstand umzulenken. Die Energie sollte nicht mehr dem System gelten, sondern der Reparatur dessen, was das System angerichtet hatte.
Das ist perfide.
Und es ist aktueller, als einem lieb ist.
Denn auch demokratische Gesellschaften können in eine solche erzwungene Selbstbeschäftigung hineingezogen werden. Nicht mehr durch einen einzelnen Geheimdienst allein, sondern durch Desinformation, Empörungsmaschinen, populistische Provokationen, Talkshow-Logiken und permanente Untergangserzählungen.
Dann diskutieren wir nicht mehr, was wir gestalten wollen.
Wir diskutieren, was Demokratiegegner:innen uns vor die Füsse werfen.
Dann geht es nicht mehr um Bildung, Care, Klima, Europa, Wohnen, Frieden, Würde, Generationen, Geschlechter, Nachbarschaft oder eine künftige Demokratie.
Dann geht es wieder um die nächste Provokation.
Die nächste Lüge.
Den nächsten Skandal.
Die nächste «besorgte» Frage, die in Wahrheit nicht fragt, sondern vergiftet.
Das ist heikel, weil Demokratien Kritik brauchen.
Ohne Kritik wird Demokratie hohl. Ohne Widerspruch wird sie autoritär. Ohne Selbstprüfung verliert sie ihre Lernfähigkeit.
Aber nicht jede Kritik dient der Klärung. Manche Kritik ist als Kritik verkleidete Zersetzung. Sie will nicht verbessern. Sie will lähmen. Sie will nicht Verantwortung übernehmen. Sie will Verantwortung verdächtig machen. Sie will nicht demokratisch streiten. Sie will Demokratie dazu bringen, an sich selbst zu zweifeln.
Hier liegt eine der grossen Zumutungen unserer Zeit: Wir müssen unterscheiden lernen.
Nicht jede Sorge ist Sorge.
Nicht jede Frage ist offen.
Nicht jede Provokation verdient unsere beste Kraft.
Nicht jede Unterstellung muss beantwortet werden.
Und nicht jedes Thema, das laut ist, ist deshalb wichtig.
Demokratische Selbstsorge heisst deshalb auch: die eigene Aufmerksamkeit schützen. Nicht aus Bequemlichkeit. Nicht aus Konfliktscheu. Sondern weil Aufmerksamkeit eine demokratische Ressource ist.
Was wir anschauen, wächst.
Was wir dauernd beantworten, bekommt Raum.
Was wir ständig entlarven, bestimmt den Takt.
Mich berührt an Sasses Text besonders der Zusammenhang von Selbstsorge, Selbstachtung und Würde.
Sie verweist auf die Ukraine, auf den Euromaidan als Revolution der Würde, und auf Belarus, wo die friedliche Revolution 2020 trotz Niederschlagung auch als Akt der Selbstsorge verstanden werden kann: als Liebe zu sich selbst, als Weigerung, sich weiter demütigen zu lassen.
Das ist stark.
Würde ist hier nicht Pose. Nicht Moral. Nicht Pathos.
Würde ist die Erfahrung: Ich bin nicht nur Objekt. Ich bin nicht nur ausgeliefert. Ich kann handeln. Wir können handeln. Wir müssen uns nicht klein machen lassen.
Autoritäre, imperiale und patriarchale Regime arbeiten genau dagegen. Sie wollen Menschen in die Erfahrung drücken, nicht handlungsfähig zu sein. Man soll sich schämen. Man soll sich ohnmächtig fühlen. Man soll sich anpassen. Man soll funktionieren. Man soll den eigenen inneren Widerstand irgendwann selbst als naiv, lächerlich oder gefährlich erleben.
Deshalb ist demokratische Selbstsorge mehr als eine private Tugend.
Sie ist eine Gegenbewegung.
Sie sagt: Ich lasse mich nicht in die Selbstverachtung treiben.
Und: Wir lassen uns nicht dauernd die Themen diktieren.
Ich nehme daraus etwas sehr Konkretes mit.
Wenn ich mich permanent mit Populist:innen, Demokratiegegner:innen, autoritären Figuren oder destruktiven Stimmen beschäftige, verliere ich leicht den Kontakt zu dem, was ich eigentlich aufbauen will. Dann schreibe ich gegen etwas an, statt aus etwas heraus zu sprechen.
Das kenne ich.
Ich kann sehr schnell in Analyse gehen. Ich kann entlarven, einordnen, differenzieren, reagieren. Das ist nicht falsch. Aber es kann zu viel werden. Und wenn es zu viel wird, ist es keine Selbstsorge mehr. Dann wird es Selbstzersetzung im Namen der Wachheit.
Darum brauche ich eine andere Frage:
Nicht nur: Worauf muss ich reagieren?
Sondern: Was will ich nähren?
Nicht nur: Welche Lüge muss entlarvt werden?
Sondern: Welcher Raum muss entstehen?
Nicht nur: Wer gefährdet Demokratie?
Sondern: Wie üben wir Demokratie so, dass Menschen wieder handlungsfähig werden?
Das führt mich zurück zu Gemeinschaft, Rollen, Räumen, Rhythmen. Zu Gesprächsformen, in denen Menschen nicht kleiner werden müssen. Zu Care und Selfcare im Gleichgewicht. Zu öffentlicher Freundlichkeit, die nicht naiv ist. Zu einer Demokratie, die nicht bloss Abwehr ist, sondern Praxis.
Demokratische Selbstsorge könnte dann ganz schlicht beginnen.
Ich prüfe, ob ich gerade aus Angst reagiere oder aus Verantwortung handle.
Ich unterscheide zwischen Kritik, die klärt, und Kritik, die lähmt.
Ich lasse mich nicht zwingen, jedes Thema mitzuspielen.
Ich suche Räume, in denen Würde nicht behauptet, sondern erlebt wird.
Ich achte darauf, ob ich durch meine eigene Kritik Demokratie stärke oder sie ungewollt in die Hände ihrer Feinde spiele.
Ich frage nicht nur, was falsch läuft, sondern auch, welche künftige Demokratie wir bauen wollen.
Das ist nicht weich.
Das ist anspruchsvoll.
Denn Demokratie braucht nicht nur Empörung. Sie braucht Nerven. Sie braucht Urteilskraft. Sie braucht Körper, die nicht dauernd im Alarm sind. Sie braucht Menschen, die noch zuhören können, ohne sich zu unterwerfen. Sie braucht Streit, der nicht zerstört. Sie braucht Selbstachtung, die nicht in Rechthaberei kippt.
Und sie braucht eine Sorge um sich selbst, die nie vergisst, dass das eigene Leben mit dem Zustand der Demokratie verbunden ist.
☐ Wo lasse ich mich gerade in Themen hineinziehen, die mir von anderen aufgezwungen werden?
☐ Welche Kritik stärkt meine Handlungsfähigkeit – und welche macht mich nur müde?
☐ Wo verwechsle ich Selbstsorge mit besserem Funktionieren?
☐ Welche demokratischen Räume geben mir Würde zurück?
☐ Was müsste ich weniger beantworten, damit ich mehr gestalten kann?
☐ Welche künftige Demokratie möchte ich nicht nur verteidigen, sondern üben?
Das Beitragsbild zeigt einen Kreis von Menschen im Gespräch. Links drängt dunkles Medienrauschen in den Raum: Megafon, Bildschirm, Splitter, Lärm. Rechts öffnet sich eine Landschaft: Weg, Licht, Bäume, Menschen in Bewegung. In der Mitte sitzt eine Gruppe, nicht flüchtend und nicht verhärtet, sondern aufmerksam. Eine Person hält die Hand am Herzen. Selbstsorge nicht als Rückzug, sondern als demokratische Sammlung.
Sylvia Sasse: Demokratische Selbstsorge?, Geschichte der Gegenwart, 25. Mai 2026. Grundlage dieses Blogartikels und Quelle der zentralen Gedanken zu Foucault, Jürgen Fuchs, Zersetzung, Desinformation, demokratischer Selbstsorge, Ukraine, Belarus und Würde. (Geschichte der Gegenwart)
Michel Foucault: Selbsttechniken / Technologien des Selbst. Hintergrund zum Begriff der Selbsttechniken und zur Idee, dass Menschen durch Praktiken der Selbstreflexion an ihrer Beziehung zu sich selbst arbeiten. (Bauhaus-Universität Weimar)
Jacques Derrida: Schurken. Zwei Essays über die Vernunft. Von Sasse herangezogen für das Motiv der demokratischen Autoimmunität und der «künftigen Demokratie». (Geschichte der Gegenwart)
Amadeu Antonio Stiftung: Analysen zu rechten Anfragen und zur Strategie, zivilgesellschaftliche Arbeit durch scheinbare Kontrolle zu lähmen. Von Sasse als Beispiel für demokratiefeindliche Beschäftigungspolitik erwähnt. (Geschichte der Gegenwart)
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