PURA VITA – Vom Selbstkontakt zur Berührung. Von der Berührung zur Verantwortung.

Vertrauen und Berührung

Vom Selbstkontakt zur Care-Verantwortung – Forschungsfragen für „Männer im Kontakt“ auf dem Weg zum Care Strike 2027

Vertrauen wächst manchmal in Mikroschritten.

Berührung beginnt vielleicht noch früher. Nicht erst dort, wo eine Hand einen Körper berührt. Sondern dort, wo ich überhaupt wahrnehme: Da ist etwas in mir. Eine Freude. Eine Sehnsucht. Lust. Scham. Angst. Einsamkeit. Eine Wunde.

Und ein Bedürfnis.

In diesen Tagen begegnen mir unterschiedliche Menschen, Texte und Erfahrungsräume, die mich auf eine gemeinsame Spur führen. Da ist die Beschäftigung mit Verletzlichkeit und der Frage, ob alte Wunden wirklich heilen müssen, damit ein gutes Leben möglich wird. Da ist die Erfahrung von Körperarbeit und die Beschreibung einer Frau, die ihre Arbeit schlicht und kraftvoll so benennt: „Ich bin Berührerin.“ Da ist die Auseinandersetzung mit einem Erotic-Embodiment-Training, das Sexualität, Nervensystem, Körperwahrnehmung, Selbstregulation und Autoerotik miteinander verbindet.

Und da ist meine eigene Forschung als Mann.

Was bedeutet es, meinen Körper nicht nur zu benutzen, sondern ihn wahrzunehmen?

Was geschieht mit Sexualität, wenn sie weniger mit Leistung und Funktionieren und mehr mit Präsenz, Lust und Selbstkontakt verbunden ist?

Was verändert sich, wenn ich Verantwortung für meine eigene Lust übernehme?

Und was hat all das mit Care zu tun?

Vom Marsch zum Swing

Bei „Männer im Kontakt – Vom Marsch zum Swing“ interessiert mich zunehmend genau diese Bewegung.

Viele Männer haben gelernt zu funktionieren. Ziele zu verfolgen. Durchzuhalten. Probleme zu lösen. Verantwortung wird dabei häufig mit Leistung und Entscheidung verbunden.

Der Marsch hat eine Richtung.

Der Swing braucht Beziehung.

Swing entsteht, wenn ich meinen eigenen Rhythmus wahrnehme und gleichzeitig die anderen höre. Wenn ich führen und folgen kann. Wenn ich mich zeigen kann, ohne den anderen zu überrollen. Wenn ich mich berühren lasse, ohne mich selbst zu verlieren.

Vielleicht beginnt Care genau hier.

Nicht erst beim Windelwechseln, beim Begleiten eines alten Menschen oder beim Organisieren eines Familienalltags. Sondern bei einer elementaren menschlichen Fähigkeit:

Kann ich wahrnehmen, was gerade geschieht – in mir, in dir und zwischen uns?

Körper, Lust und Selbstkontakt

Das Erotic Embodiment Training von Sebastian Tal und Noa Michael Spindler interessiert mich in diesem Zusammenhang als Inspirationsquelle.

Der Ansatz führt über Körperwahrnehmung, Nervensystem, Selbstregulation, Selbstmitgefühl und Sexualität. Besonders interessant finde ich die Bedeutung der Autoerotik.

Autoerotik – als Velofahrer musste ich das Wort erst einmal richtig einordnen.

Aber hinter dem kleinen Scherz liegt eine ernsthafte Frage.

Was geschieht, wenn Sexualität nicht erst dort beginnt, wo ein anderer Mensch meine Bedürfnisse erfüllt?

Kann ich meinen eigenen Körper kennenlernen?

Kann ich Lust wahrnehmen, ohne sie sofort steigern, beweisen oder entladen zu müssen?

Kann ich Verantwortung für meine Erregung und meine Grenzen übernehmen?

Kann Sexualität ein Ort des Selbstkontakts sein?

Diese Fragen reichen für mich über Sexualität hinaus.

Denn vielleicht übe ich dabei etwas, das auch für Beziehung und Care wesentlich ist: wahrnehmen, regulieren, geniessen, Grenzen spüren, Bedürfnisse erkennen und Verantwortung dafür übernehmen.

Gefühle brauchen keine Gebrauchsanweisung

Unter männlichen Verhaltensweisen liegen Gefühle.

Scham.

Angst.

Einsamkeit.

Wut.

Ohnmacht.

Sehnsucht.

Freude.

Lust.

Und unter Gefühlen liegen häufig Bedürfnisse: nach Sicherheit, Zugehörigkeit, Anerkennung, Berührung, Autonomie, Resonanz, Spiel, Würde und Verbundenheit.

Was geschieht, wenn Männer dafür kaum Sprache haben?

Vielleicht wird aus Sehnsucht Rückzug.

Aus Scham wird Abwertung.

Aus Angst wird Kontrolle.

Aus Einsamkeit wird Härte.

Aus dem Bedürfnis nach Anerkennung wird Leistung.

Das sind keine zwangsläufigen Entwicklungen. Aber sie sind eine Forschungsrichtung, die mich für „Männer im Kontakt“ interessiert.

Denn die Alternative kann nicht darin bestehen, Männern einfach zu sagen, sie müssten fürsorglicher werden.

Care lässt sich nicht verordnen.

Care muss auch erfahren, gelernt und verkörpert werden.

Die Vaterlinie

Damit komme ich zu einer meiner persönlichsten Forschungsfragen:

Hätte mein Vater doch mit mir gesprochen.

Was haben Männer als Jungen gebraucht?

Wer hat sie getröstet?

Wer hat sie berührt?

Wer hat nach ihrer Angst gefragt?

Mit wem konnten sie über Scham sprechen?

Wer hat ihnen Sexualität erklärt?

Wer hat ihnen gezeigt, wie ein Mann für einen anderen Menschen sorgt?

Und wer hat die Care-Arbeit in ihren Familien tatsächlich geleistet?

Die Vaterlinie ist deshalb für mich keine historische Nebenfrage.

Was wir als Kinder erlebt oder vermisst haben, kann in unseren heutigen Beziehungen weiterwirken.

Ein Mann kann sich nach Nähe sehnen und gleichzeitig davor zurückschrecken.

Er kann Berührung brauchen und Abhängigkeit fürchten.

Er kann Anerkennung suchen und seine Verletzlichkeit verstecken.

Er kann Care empfangen haben, ohne je gelernt zu haben, sie selbst zu leisten.

Die Frage lautet deshalb nicht nur:

Was hat mir gefehlt?

Sondern auch:

Was mache ich heute mit dem, was mir gefehlt hat?

Von der Wunde zur Verantwortung

Vielleicht bleiben manche Wunden.

Vielleicht besteht Entwicklung nicht darin, ein neues Land zu betreten und das alte hinter sich zu lassen.

Vielleicht geht es darum, mit der eigenen Wunde leben zu lernen, ohne sie zur Waffe zu machen.

Das beschäftigt mich persönlich.

Kann ich meine Verletzlichkeit zeigen, ohne einen anderen Menschen für ihre Heilung verantwortlich zu machen?

Kann ich meine Bedürfnisse wahrnehmen, ohne ihre Erfüllung stillschweigend von anderen zu erwarten?

Kann ich sagen, was ich brauche?

Kann ich hören, was du brauchst?

Kann ich ein Nein aushalten?

Kann ich bleiben, wenn es schwierig wird?

Hier berühren sich für mich Körperarbeit, Sexualität, Männerarbeit und Care.

Vom Selbstkontakt zur Care-Verantwortung

Mit Blick auf den Care Strike 2027 wird daraus eine politische Frage.

Care-Verantwortung (für Kinder, alte Menschen, Menschen mit Beeinträchtigungen sowie Menschen mit ungleichen Teilhaberechten) ist ungleich verteilt.

Doch bevor Männer mehr Care übernehmen können, lohnt es sich möglicherweise zu fragen, welche inneren und zwischenmenschlichen Fähigkeiten Care überhaupt voraussetzt.

Daraus ergeben sich für „Männer im Kontakt“ Forschungsfragen:

Wie lernen Männer, ihren Körper, ihre Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, bevor Überforderung, Rückzug oder Härte entstehen?

Wie verändert sich männliche Sexualität, wenn sie weniger von Leistung, Kontrolle und Bestätigung geprägt ist und stärker von Selbstkontakt, Präsenz, Lust und Selbstmitgefühl?

Welche Rolle kann Autoerotik dabei spielen, Verantwortung für die eigene Lust und Regulation zu übernehmen, statt Nähe und Erfüllung vor allem im Aussen zu suchen?

Was brauchen Männer, um Verletzlichkeit, Scham, Sehnsucht und das Bedürfnis nach Berührung zeigen zu können, ohne sich entwertet oder „unmännlich“ zu fühlen?

Welche unerfüllten Bedürfnisse aus Kindheit, Vaterlinie und männlicher Sozialisation wirken in Freundschaft, Partnerschaft, Sexualität und Care-Verantwortung weiter?

Wie gelingt der Schritt vom Selbstkontakt zum Beziehungskontakt – vom Spüren zum Benennen, vom Gefühl zum Bedürfnis, vom Bedürfnis zur Bitte und von der Verletzlichkeit zur verantwortlichen Beziehung?

Und schliesslich:

Was müssen Männer innerlich und miteinander lernen, damit Care nicht länger delegiert, erwartet oder unsichtbar konsumiert wird, sondern als eigene Beziehungspraxis, Verantwortung und gesellschaftliche Aufgabe verstanden wird?

Männer im Kontakt

„Männer im Kontakt“ möchte darauf keine fertigen Antworten geben.

Der Raum selbst soll Teil der Forschung sein.

Über Körper.

Atem.

Stimme.

Bewegung.

Stille.

Humor.

Über die Vaterlinie.

Über Scham und Verletzlichkeit.

Über Kontakt statt Feindbild.

Und über die Erfahrung, dass ein Mann einen anderen Mann vielleicht nicht reparieren muss.

Vielleicht reicht es manchmal, da zu sein.

Zuzuhören.

Nachzufragen.

Sich berühren zu lassen.

Und Verantwortung zu übernehmen.

Die Bewegung könnte dann so aussehen:

Vom Körper zum Gefühl.
Vom Gefühl zum Bedürfnis.
Vom Bedürfnis zur Sprache.
Vom Selbstkontakt zum Beziehungskontakt.
Vom Ich zum Du und zum Wir.
Vom Kontakt zur Care-Verantwortung.

Die Forschungsfrage

Auf dem Weg zum Care Strike 2027 verdichtet sich meine Frage deshalb:

Was brauchen Männer, um sich selbst, andere und Beziehungen wahrzunehmen und Verantwortung zu übernehmen – damit Care-Verantwortung (für Kinder, alte Menschen, Menschen mit Beeinträchtigungen sowie Menschen mit ungleichen Teilhaberechten) nicht weiterhin überwiegend anderen, insbesondere Frauen, überlassen bleibt?

Vielleicht beginnt gesellschaftliche Veränderung an einem überraschend persönlichen Ort:

Kann ich spüren, was ich brauche?

Kann ich hören, was du brauchst?

Kann ich mich berühren lassen?

Und bin ich bereit, daraus Verantwortung entstehen zu lassen?

Vertrauen und Berührung.

Vielleicht sind sie keine weichen Nebenthemen gesellschaftlicher Veränderung.

Vielleicht gehören sie zu ihren Voraussetzungen.

Fragen an dich

  • Wo hast du als Mann gelernt, Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen – und wo nicht?
  • Welche Rolle spielen Berührung, Sexualität und Selbstkontakt in deinem Verständnis von Männlichkeit?
  • Welche Care-Verantwortung übernimmst du heute selbstverständlich – und welche übernehmen noch immer andere für dich?
  • Was hätte dein Vater dir zeigen oder sagen können, das dir heute im Kontakt mit anderen Menschen hilft?
  • Und was möchtest du der nächsten Generation von Männern anders weitergeben?

Transparenz und Inspirationsquellen

Dieser Text ist aus meiner persönlichen Forschungs- und Schreibarbeit für „Männer im Kontakt – Vom Marsch zum Swing“ entstanden. Eingeflossen sind eigene biografische Erfahrungen und aktuelle Gespräche über Verletzlichkeit, Vertrauen, Berührung und Körperarbeit sowie meine Auseinandersetzung mit Ansätzen aus Embodiment, körperorientierter Arbeit, Nervensystemregulation, Männerarbeit und Care.

Eine konkrete Inspirationsquelle ist die öffentlich zugängliche Beschreibung des Erotic Embodiment Trainings von Sebastian Tal und Noa Michael Spindler. Die Darstellung und Bewertung der daraus abgeleiteten Fragen sowie die Verbindung zu „Männer im Kontakt“ und Care Strike 2027 liegen bei mir.

Bei der Strukturierung, Verdichtung und sprachlichen Ausarbeitung dieses Artikels wurde KI unterstützend eingesetzt. Die persönlichen Erfahrungen, Forschungsfragen, Perspektiven und Wertungen stammen vom Autor.

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