Mit oder ohne Nase: Über Clown, Französisch, Verletzlichkeit und die Sehnsucht nach Paris

Der Clown-Sonntag im Hottingersaal steht bevor.

Ich freue mich.

Nicht nur auf das Spielen, sondern auf diesen Moment am Ende, wenn wir im Kreis sitzen und zurückschauen.

Vielleicht sage ich dann:

«Wow. Ich bin einfach glücklich, mit euch hier zu sein.»

Und vielleicht folgt gleich die Frage:

«Wann ist das nächste Mal. Hoffentlich bald?»

Der Clown hinter der Nase

In den letzten Jahren habe ich etwas entdeckt:

Clownspielen ist auch ohne rote Nase möglich.

Die Nase kann helfen. Aber sie ist nicht das Wesentliche.

Das Wesentliche ist die Bereitschaft, verletzlich zu werden, zu scheitern, nicht alles im Griff zu haben und sich zeigen zu lassen.

Vielleicht berührt mich deshalb die Arbeit von Marta Zoboli und Gianluca De Angelis so sehr.

Man lacht. Und plötzlich merkt man:

Es geht gar nicht um den Witz.

Es geht um den Menschen.

Marta sagt in einem ihrer Stücke immer wieder:

«J’aime la France.»

Natürlich ist das komisch. Übertrieben. Zärtlich. Kindlich.

Und genau darin liegt etwas, das ich am Clown liebe:

Er hat keine Angst, sich zu zeigen.

Eine rote Spur im Asphalt

Vor ein paar Tagen sah ich am Strassenrand eine Pflanze zwischen Asphalt und Beton.

Daneben lag etwas Rotes.

Ein Stück Plastik vielleicht.

Und doch sah es für mich aus wie eine verlorene Clownsnase.

Mitten im Alltag.

Als würde sie sagen:

«Je suis toujours là.»

Ich bin immer noch da.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft der roten Nase:

Nicht Flucht aus dem Leben.

Sondern Erinnerung ans Leben.

Vom Drahtschmidli nach Paris

Diese Spur begleitet mich seit meiner Jugend.

Als Siebzehnjähriger spielte ich im Drahtschmidli in Zürich Pantomime bei Serge Gautschi.

Heute erkenne ich darin eine Linie:

Nicht Perfektion.

Nicht Darstellung.

Sondern Präsenz.

Begegnung.

Menschlichkeit.

Viele Jahre später begegnen mir dieselben Fragen wieder in der Clownarbeit, im Community Building nach Scott Peck und in GEMEINSCHAFT WAGEN.

Immer wieder geht es um dieselbe Bewegung:

Weg von der Rolle.

Hin zum Menschen.

Französisch war mein Glücksfach

Französisch war für mich früh eine Ressource.

Eine Sprache, die mir leicht fiel.

Eine Sprache, in der ich Erfolg hatte.

Sogar in einer Schulzeit, in der vieles schwierig war.

Ich erinnere mich an den Mauger.

Ein Lehrmittel aus einer anderen Zeit.

Für mich war es eine Tür.

Ich hatte im Tessin bereits Französisch gelernt. Ich konnte anknüpfen, verstehen, glänzen.

Während andere Fächer oft mit Mühe verbunden waren, erlebte ich hier:

Freude.

Leichtigkeit.

Erfolg.

Les mots pour le dire

Französisch öffnete mir eine Welt.

Marie Cardinal.

Marcel Pagnol.

Marius. Fanny. César.

Diese südfranzösischen Figuren.

Diese Mischung aus Komik, Sehnsucht, Familie und Alltag.

Sprache ist mehr als Grammatik.

Sprache ist Musik.

Sprache ist Körper.

Sprache ist Heimat auf Zeit.

Französisch ist für mich nahe beim Italienischen.

Und Italienisch ist meine erste Herzenssprache.

Vielleicht liegt genau dort ein Teil meiner Clownsehnsucht:

im Zwischenraum aus Französisch, Italienisch, Körper, Spiel und Musik.

Die Menschlichkeit hinter den Masken

Vor Kurzem hörte ich bei Pioneers of Change einen Gedanken, der mich berührt hat:

Menschlichkeit beginnt dort zu blühen, wo Masken fallen.

Genau das beschreibt auch Scott Peck.

Echte Gemeinschaft beginnt oft dort, wo Fassaden bröckeln.

Wo unter Meinungen Menschen sichtbar werden.

Wo unter Positionen Bedürfnisse auftauchen.

Wo unter Masken Gesichter erscheinen.

Vielleicht liebe ich deshalb die Clownarbeit so sehr.

Der Clown kommt nicht als Experte.

Nicht als Held.

Nicht als Sieger.

Er kommt mit Unsicherheit, Sehnsucht und manchmal mit Scheitern.

Gerade darin liegt seine Würde.

Innehalten

Welche Maske trage ich gerade?

Welche Rolle ist mir vertraut geworden?

Wo spiele ich Sicherheit, obwohl ich eigentlich Verbindung suche?

Wo wäre ich gerne weniger perfekt und etwas mehr anwesend?

Vielleicht beginnt Gemeinschaft genau dort:

bei einem ehrlichen Satz.

Die kleinste Maske der Welt

Seit vielen Jahren begleitet mich ein Satz, der Jacques Lecoq zugeschrieben wird:

«Le nez rouge, c’est pour ceux qui n’ont pas le courage de jouer sans.»

Die rote Nase ist für jene, die nicht den Mut haben, ohne sie zu spielen.

Ich weiss nicht, ob Lecoq ihn wirklich gesagt hat.

Aber er berührt mich.

Nicht weil er gegen die Nase spricht.

Sondern weil er für den Mut spricht.

Wer bin ich, wenn ich sie abnehme?

Was bleibt vom Clown?

Was bleibt vom Menschen?

Vielleicht ist die rote Nase die kleinste Maske der Welt.

Sie versteckt nicht.

Sie zeigt.

Einfach Paris

Und dann ist da diese Sehnsucht.

Wieder einmal nach Paris zu gehen.

Nicht um etwas zu beweisen.

Nicht um eine Methode zu lernen.

Einfach, um in Paris zu sein.

Durch die Strassen zu gehen.

In einem Café zu sitzen.

Französisch zu hören.

Menschen zu beobachten.

Vielleicht nur zu spüren:

Diese Spur gehört zu mir.

Mit Nase.

Ohne Nase.

Als LUNGO SILENZIO.

Als Christof.

Als Mensch.

Vielleicht fahre ich nicht nach Paris, um Clown zu werden.

Vielleicht fahre ich nach Paris, um mich daran zu erinnern, dass die rote Nase nie das Ziel war.

Sondern die Freiheit, Mensch zu sein.

Wozu ich bereit bin

Ich bin bereit, in dieser Spur weiterzugehen.

Nicht perfekt.

Nicht immer mutig.

Aber anklingelbar.

Ansprechbar.

Und manchmal auch umarmbar.

Freiwillig umarmbar.

Mit oder ohne Nase.

Mit oder ohne Paris.

Aber hoffentlich mit etwas mehr Mut, uns zu zeigen.

Fragen zum Vertiefen

  • Welche Sprache war für dich einmal ein Glücksfach?
  • Wo hast du erlebt, dass Lernen leicht sein kann?
  • Welche Maske schützt dich?
  • Welche Maske trennt dich?
  • Welche Maske hilft dir, dich verletzlich zu zeigen?
  • Wann hast du dich zuletzt unperfekt gezeigt und bist trotzdem geblieben?
  • Wo spiele ich Sicherheit, obwohl ich eigentlich Verbindung suche?
  • Was bedeutet für dich eine freiwillige Umarmung?
  • Wo würdest du gerne wieder einmal einfach hingehen, ohne etwas leisten zu müssen?
  • Welche Spur in deinem Leben begleitet dich schon länger, als du es damals ahntest?

Zum Vertiefen / Quellen

Mein Clownprofil

GEMEINSCHAFT WAGEN

Peter Honegger – Clownarbeit, Spiel, Scheitern, Präsenz und die Kunst, Probleme nicht sofort zu lösen, sondern sie spielend zu bewohnen.

Philippe Gaulier – Clownschule, Lust am Spiel, Scheitern, Bühne und die Provokation, sich wirklich zeigen zu lassen.

Marta Zoboli & Gianluca De Angelis – zeitgenössische Clownkunst zwischen Körper, Beziehung, Humor, Musik, Sprache und Gesellschaft.

Jacques Lecoq – Körpertheater, Maske, Bewegung, Spiel und die europäische Linie, in der Clown nicht nur Figur, sondern Forschungsweg ist.

ClowNexus-Dokumentarfilm This is where we meet – über Healthcare Clowning, Verbindung, Humor und menschliche Resonanz:
https://clownexus.eu/contact/documentary/

KI-Transparenz

KI ist Werkzeug – die Unterschrift ist meine.

Für sprachliche Verdichtung und Struktur nutze ich punktuell KI als Werkzeug. KI schlägt Sprache vor, ich entscheide, ob sie stimmt. Verantwortung, Auswahl und Endfassung liegen bei mir. KI ersetzt keine Beziehung, kein Spüren und keine Erfahrung. Sie hilft mir vor allem dabei, Sprache für etwas zu finden, das bereits da ist.

terschrift ist meine. Für sprachliche Verdichtung und Struktur nutze ich punktuell KI als Werkzeug. KI schlägt Sprache vor; ich entscheide, ob sie stimmt. KI verdichtet; ich prüfe, ob mein Körper Ja sagt. KI ersetzt keine Beziehung, kein Spüren und keine Verantwortung. Auswahl, Haltung und Endfassung liegen bei mir.

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