Männer, Schuld und der Raum dazwischen: Nähe lernen jenseits von Status, Rolle, Bildschirm und Beifall

Was macht eine beziehungsfähige, reife und zukunftsfähige Männlichkeit aus? Vielleicht nicht der fertige Mann. Nicht der souveräne Mann. Nicht der Mann, der alles weiss, alles kann, alles schon verstanden hat. Mich interessiert immer mehr der lernende Mann. Einer, der auch im Alter, in Verantwortung, in Öffentlichkeit und in Unsicherheit sagen kann: Ich lerne immer noch.

Wolf Biermann hat mich in einer kleinen Episode über Robert Habeck berührt. Nicht, weil ich daraus eine politische Heiligenlegende machen möchte. Sondern weil Biermann, selber alt, streitbar, biografisch schwer geprägt und keineswegs bequem, bei einem anderen Mann etwas erkennt, das selten genug öffentlich gewürdigt wird: Lernbereitschaft. Die Episode ist als YouTube-Short von Bündnis 90 / Die Grünen veröffentlicht; die Berliner Zeitung berichtete darüber unter dem Titel «Wolf Biermann lobt Robert Habeck: Will immer noch lernen».

Biermann beschreibt Habeck als einen, der nicht einfach dem Beifall folgt, sondern weiter lernen will. Das berührt mich, weil darin eine andere männliche Figur sichtbar wird: nicht der Mann, der über allem steht, sondern der Mann, der sich noch verändern lässt. Einer, der nicht durch Status fertig wird. Einer, der im Alter, in Öffentlichkeit und unter Beobachtung sagen kann: Ich lerne immer noch.

Dieser Satz öffnet für mich den Kern dieses Textes.

Ein lernender Mann ist nicht einer, der nie irrt. Auch nicht einer, der immer recht hat. Sondern einer, der sich nicht vollständig mit Status, Rolle, Lager, Applaus oder Kränkung verwechselt. Einer, der sich verändern lässt, ohne sich aufzulösen. Einer, der zuhören kann, ohne sofort zu verschwinden oder zurückzuschlagen.

Die Wunde, wenn nicht gesprochen wurde

An dieser Stelle wird der Text persönlich.

Ich merke immer deutlicher, wie sehr es eine Wunde ist, wenn ein Vater nicht wirklich mit seinem Sohn geredet hat. Nicht im Sinn eines Vorwurfs. Nicht als Anklage. Sondern als Tatsache. Da war Fürsorge. Da war Arbeit. Da war Pflicht. Da war Verantwortung. Da war wohl auch Liebe. Aber Beziehung wurde nicht selbstverständlich gepflegt. Jedenfalls nicht so, dass mein Körper, mein Nervensystem und mein inneres Kind sagen könnten: Ich wurde gehört. Ich wurde gemeint. Ich wurde gefragt. Ich durfte mich zeigen.

Diese Wunde wirkt weiter.

Sie erschwert das Lernen. Sie erschwert das Verlernen. Sie sitzt nicht nur im Kopf. Sie sitzt im Körper. In der Haltung. Im Atem. In der Art, wie ich mich rechtfertige, erkläre, stark mache, klug mache oder doch wieder auf Applaus warte, obwohl ich genau das nicht will.

Ich will ein Älterer sein, der weiter lernt. Einer, der etwas zu sagen hat, ohne sich über Bedeutung zu stabilisieren. Einer, der nicht auf Beifall wartet. Einer, der nicht nur redet, sondern Beziehung pflegt. Einer, der zuhören kann, bevor er deutet. Einer, der nicht aus einem gekränkten Ich-Ego heraus spricht, sondern aus Würde, Erfahrung und Anwesenheit.

Aber genau das ist nicht einfach, wenn im eigenen Nervensystem ältere männliche Modelle weiterleben.

Wunsch, Realität und die Reizschlaufe

Die Bilder, die zu diesem Text entstanden sind, zeigen für mich diesen inneren Spalt.

Auf der einen Seite ist da mein Wunsch: Mein Vater richtet sich auf mich aus. Nicht perfekt. Nicht plötzlich ganz anders. Aber hörend. Zugewandt. Mit dem Gesicht zu mir. Mit Interesse für das, was nach ihm kommt. Für Zukunft. Für Beziehung. Für das, was zwischen uns noch gelernt werden könnte.

Auf der anderen Seite ist da die Realität: Der Bildschirm hat übernommen.

Das Medium ist zunehmend zum Beziehungsersatz geworden. Nachrichten, Politik, Sport, Börse, Abstimmungen, Bilder, Reize, Kontrolle, Ablenkung, sexuelle Fantasien, digitale Erregung – alles wird auf eine Fläche verschoben. Der Bildschirm beruhigt, besetzt, ordnet, spaltet ab. Er erlaubt Erregung ohne Gespräch. Meinung ohne Beziehung. Weltkontakt ohne Berührbarkeit. Sexualität ohne Begegnung. Kontrolle ohne Nähe.

Ich sage das nicht, um meinen Vater klein zu machen.

Ich sage es, weil ich darin ein männliches Muster erkenne, das weit über ihn hinausgeht. Mein Vater und sein Vater gehören zu aussterbenden Patriarchatsmodellen. Aber ausgestorben sind sie nicht. Sie leben in mir weiter. Anders. Moderner. Digitaler. Weniger patriarchal im Ton, aber nicht automatisch freier im Körper.

Auch ich bin nicht einfach draussen.

Ich bin der Manosphere nicht erlegen. Ich folge keinen digitalen Männergurus, die Kränkung in Hass, Frauenverachtung oder Dominanzfantasien verwandeln. Aber das heisst nicht, dass ich frei wäre von der Verführung des Bildschirms. Ich kenne die Reizschlaufe. Ich kenne den Griff zum Gerät. Ich kenne das schnelle Öffnen von News-Apps. Ich kenne das Zuviel an KI. Ich kenne die Beschleunigung durch ChatGPT. Und ich kenne auch die Verfügbarkeit pornografischer Inhalte als besonders deutliche Form digitaler Abspaltung.

Pornografie ist hier nicht einfach ein privates Laster und auch nicht nur ein moralisches Thema. Sie zeigt verdichtet, was der Bildschirm mit männlichem innerem Erleben machen kann: Er bietet sofortige Erregung ohne Beziehung, Bilder ohne Antwort, Zugriff ohne Verletzlichkeit, Intensität ohne Begegnung. Er macht aus Sehnsucht Konsum. Aus Körperlichkeit Oberfläche. Aus Einsamkeit Verfügbarkeit. Aus Sexualität eine steuerbare Fläche.

Und mit KI verschärft sich diese Bewegung noch einmal. Der Körper wird zur Maschine, die dem Körper verblüffend ähnlich sein kann. Stimme, Blick, Antwort, Bild, Fantasie, scheinbare Resonanz: Alles kann simuliert werden. Nähe wirkt verfügbar, ohne dass ein anderer Mensch wirklich da ist. Der Bildschirm wird nicht nur zum Fenster, sondern zum Gegenüber. Nicht nur zum Reiz, sondern zur Beziehungssimulation.

Das ist gefährlich, gerade weil es nicht einfach plump ist. Es kann warm wirken. Antwortend. Passend. Beruhigend. Fast zärtlich. Und gerade dadurch kann es die Seele überholen. Der Körper reagiert, als wäre Begegnung da. Aber Beziehung bleibt aus. Die Oberfläche lernt, uns zu spiegeln. Doch sie trägt uns nicht.

So wird aus Sehnsucht eine Schleife. Aus Nichtwissen eine Eingabe. Aus Einsamkeit ein Prompt. Aus Körper eine Oberfläche. Aus Beziehung eine Simulation.

Und genau hier beginnt mein eigenes Lernen.

Nicht jede Unruhe braucht eine Antwort. Nicht jede Leere braucht ein Bild. Nicht jede Frage braucht sofort ChatGPT. Nicht jede politische Unsicherheit braucht den nächsten News-Impuls. Nicht jede erotische Sehnsucht darf in Konsum verschwinden. Nicht jede innere Spannung muss sofort reguliert werden.

Manchmal ist der nächste reife Schritt sehr klein:

Die App nicht öffnen.

Den Bildschirm weglegen.

Nicht wissen.

Atmen.

Den Körper spüren.

Die Sehnsucht nicht sofort verwerten.

Den Reiz nicht bedienen.

In Beziehung zurückkehren.

Nicht als Askese. Nicht als Selbstbestrafung. Nicht als neue Reinheitsfantasie.

Sondern als Care.

Der offene Kreis

Das neue Logo von GEMEINSCHAFT WAGEN hilft mir, diese Spannung nicht nur zu denken, sondern zu sehen.

Es besteht aus zwei offenen Halbkreisen. Der untere Halbkreis steht für Presencing: Anwesenheit, Verkörperung, Zuhören, Beziehung, Care, Würde, Verantwortung, geteilten Raum. Der obere Halbkreis steht für Absencing: Abwesenheit, Verhärtung, Rückzug, Autopilot, Bildschirm-Sog, Kränkung, Spaltung, Manosphere, algorithmische Übernahme.

Zwischen beiden Halbkreisen bleibt eine Öffnung.

Diese Öffnung ist entscheidend.

Sie sagt: Der Kreis ist nicht geschlossen. Ich bin nicht festgelegt auf alte Modelle. Mein Vater ist nicht nur sein Rückzug. Ich bin nicht nur meine Reizschlaufe. Männer sind nicht nur ihre Abwehr, ihre Schuld, ihre Scham oder ihre Privilegien. Es gibt Durchgänge. Beziehung bleibt möglich. Entscheidung bleibt möglich. Entwicklung bleibt möglich.

Der Bildschirm-Sog ist Absencing. Das Wegschauen ist Absencing. Die Flucht in Meinung, Funktion, Pornografie, News, KI, Applaus oder Dauererklärung ist Absencing. Aber sobald ich merke, dass ich abwesend werde, beginnt schon ein anderer Weg.

Presencing heisst nicht, dass alles gut ist. Presencing heisst: Ich komme zurück. In den Körper. In den Atem. In die Verantwortung. In Beziehung. In einen Raum, in dem Wahrheit nicht sofort beschämt, aber auch nicht vermieden wird.

Presencing braucht Care.

Self-Care schützt Anwesenheit.

Absencing wird sichtbar, ohne die Beziehung zu übernehmen.

Der offene Kreis erinnert: Es gibt einen nächsten Schritt.

Wenn Schuld nicht isoliert bleiben muss

An dieser Stelle hilft mir die Episode «Healing the Shadow Trauma of Transgression» mit Thomas Hübl und Matthew Green im Podcast Point of Relation. Die Folge erschien als Episode 199 am 16. Juni 2026. Hübl und Green sprechen darüber, was geschieht, wenn Menschen selbst Grenzen überschreiten, gegen ihre eigene Ethik handeln oder anderen schaden — und wie Heilung, Verantwortung und Beziehung wieder möglich werden können.

Der starke Satz für meine Arbeit lautet:

Nicht nur Verletzte tragen Trauma. Auch wer verletzt, spaltet etwas in sich ab.

Das ist unbequem. Aber es ist wichtig.

Denn wenn ich gegen Beziehung, Wahrheit oder Ethik handle, geschieht nicht nur etwas mit der anderen Person. Es geschieht auch etwas in mir. Etwas wird taub. Etwas schaut weg. Etwas trennt sich ab. Etwas will nicht mehr fühlen, was eigentlich gefühlt werden müsste.

Hübl und Green beschreiben diese Bewegung als «shadow trauma»: eine innere Abwesenheit nach der eigenen Grenzüberschreitung. Auf der offiziellen Podcastseite wird der Weg von Isolation und Verdrängung hin zu sicheren Heilungsräumen beschrieben, in denen fragmentierte Schattenanteile reintegriert, Beziehungen repariert und Verbindung zum eigenen Selbst wiederhergestellt werden können.

Für meine Sprache heisst das:

Absencing: Ich schaue weg, werde taub, schiebe Schuld, Scham oder Verantwortung ab.

Presencing: Ich halte aus, was ich getan, unterlassen oder nicht gefühlt habe — nicht allein, sondern in einem tragfähigen Raum.

Das ist der entscheidende Punkt.

Scham heilt nicht in Isolation. Schuld verwandelt sich nicht durch Selbsthass. Verantwortung entsteht nicht, wenn Menschen nur beschämt, ausgeschlossen oder moralisch erledigt werden. Manchmal braucht es Schutz. Manchmal braucht es klare Grenzen. Manchmal braucht es Entscheidung.

Aber wenn Beziehung wieder möglich werden soll, braucht es auch Räume, in denen Wahrheit gehalten werden kann.

Nicht billig.

Nicht entschuldigend.

Nicht weichgespült.

Sondern verantwortbar.

Beziehung trägt Entscheidung

Hier berührt Hübls Friedensbegriff direkt den Kern von GEMEINSCHAFT WAGEN. Frieden ist nicht einfach Harmonie. Frieden ist Beziehungskapazität. Die Fähigkeit, Konflikt zu halten, ohne die Beziehung zu verlieren.

Genau darum geht es mir mit dem Satz:

Beziehung trägt Entscheidung. Entscheidung schützt Beziehung.

Beziehung trägt Entscheidung heisst: Wir entscheiden nicht aus Abspaltung, Rechthaben, Beschämung oder Flucht. Wir entscheiden so, dass Menschen nicht kleiner werden müssen, um dazuzugehören.

Entscheidung schützt Beziehung heisst: Beziehung ist keine Ausrede, um alles offen, diffus und unklar zu lassen. Beziehung braucht Grenzen, Rollen, Rahmen, Rhythmen, Richtung und Reife. Sie braucht manchmal ein Nein. Sie braucht manchmal Abstand. Sie braucht manchmal Schutz.

Aber das Ziel bleibt nicht Bestrafung.

Das Ziel ist mehr Beziehungskapazität.

Für Männer im Kontakt ist das zentral. Viele Männer tragen nicht nur Verletzungen. Viele Männer tragen auch abgespaltene Schuld, unterlassene Verantwortung, alte Beschämung, unintegrierte Sexualität, Machtreflexe, Care-Blindheit, Verdienstprivilegien und Körperlosigkeit. Vieles davon wird nicht böse gemeint. Aber es wirkt.

Und was wirkt, gehört in Verantwortung.

Care beginnt beim Tempo

Care- und Verdienstprivilegien zu verlernen heisst nicht, sich selbst zu verachten. Es heisst, genauer zu spüren, wo ich selbstverständlich getragen werde, wo ich trage, wo ich mich über das Tragen wichtig mache und wo ich Beziehung durch Funktion ersetze.

Und heute muss ich ergänzen: Es heisst auch, zu spüren, wo ich Beziehung durch Bildschirm ersetze.

Wo ich statt eines Gesprächs eine App öffne. Wo ich statt eines Körpers einen Reiz suche. Wo ich statt Trauer eine Analyse produziere. Wo ich statt Nichtwissen einen Prompt schreibe. Wo ich statt Stille Nachrichten konsumiere. Wo ich statt Nähe Tempo mache.

Das ist keine kleine Nebensache. Es ist eine seelische und politische Frage.

Denn eine Gesellschaft, die dauernd beschleunigt, erschöpft nicht nur Arbeitskräfte. Sie erschöpft Beziehungsfähigkeit. Sie macht Körper unruhig, Gespräche flach, Aufmerksamkeit käuflich und Einsamkeit verwertbar.

Darum ist mein Lernen nicht nur: ein besserer Mann werden.

Mein Lernen ist auch: langsamer werden. Reizärmer werden. Verkörperter werden. Nicht alles wissen müssen. Nicht alles sofort beantworten. Nicht immer senden. Nicht immer reagieren. Nicht immer konsumieren.

Vielleicht ist ein lernender Mann heute einer, der auch sagen kann:

Ich weiss es gerade nicht.

Ich öffne die App jetzt nicht.

Ich bleibe einen Moment hier.

Ich warte nicht auf Applaus.

Ich kehre in Beziehung zurück.

Mein Vater als Schule der Unterschiedlichkeit

Im Oktober wird mein Vater hundert. Er gehört einer anderen Generation an: geprägt von Nachkriegszeit, Industrie, Pflichtgefühl, bürgerlich-freisinnigem Denken, wirtschaftlicher Verantwortung und einem langen Berufsleben. Er steht für eine andere Schule von Männlichkeit als ich.

Es wäre zu einfach, daraus eine hübsche Geschichte zu machen: hier der alte Vater, dort der neue Sohn. So einfach ist es nicht. In politischen Fragen, etwa rund um Neutralität, Europa oder gesellschaftlichen Wandel, liegen wir nicht einfach deckungsgleich.

Und doch ist er für mich in diesem Text eine wichtige Figur. Nicht, weil er meine Sicht bestätigt. Sondern weil ich an unserer Beziehung lerne, dass Verbundenheit nicht Übereinstimmung voraussetzt.

Vielleicht ist auch das eine Form des lernenden Mannes: nicht nur Nähe mit Gleichgesinnten zu suchen, sondern Unterschied tragen zu lernen. Mit Respekt. Mit Humor. Mit offenem Ohr. Mein Vater erinnert mich daran, dass Verlässlichkeit, Pflichtgefühl und Lebensleistung nicht einfach alte Werte sind, die entsorgt gehören. Und ich hoffe, dass ich für ihn manchmal verkörpere, dass Zuhören, Verletzlichkeit und Gemeinschaft keine Schwäche sind.

Zwischen uns liegt nicht immer Konsens.

Aber Beziehung.

Und manchmal ist genau das schon viel.

Männer im Kontakt

Männer im Kontakt darf darum kein Raum werden, in dem Männer sich nur besser fühlen. Auch kein Raum, in dem Männer sich gegenseitig schonen, therapieren oder entschuldigen. Und auch kein Raum, in dem Männer öffentlich korrekt sprechen, aber innerlich unverändert bleiben.

Mich interessiert ein anderer Raum.

Ein Raum, in dem Männer lernen können, ohne Applaus.

Ein Raum, in dem Scham nicht isoliert bleibt.

Ein Raum, in dem Schuld nicht sofort in Selbsthass kippt.

Ein Raum, in dem Verletzung ernst genommen wird.

Ein Raum, in dem Verantwortung nicht gegen Beziehung ausgespielt wird.

Ein Raum, in dem Care und Self-Care nicht als weiche Nebenthemen behandelt werden, sondern als Kern von Reife.

Gerade im Blick auf den Care Strike 2027, auf alliance F, auf männer.ch und auf all die gesellschaftlichen Debatten um Gleichstellung, Gewalt, Einsamkeit, Väter, Sorgearbeit und männliche Radikalisierung geht es nicht um ein neues Männerimage. Es geht um mehr Beziehungskapazität.

Nicht perfekt.

Nicht unschuldig.

Nicht überlegen.

Lernend.

Männlichkeit als Anwesenheit

Was mich interessiert, ist darum immer weniger die Frage, wie ein Mann sein sollte. Mich interessiert die Frage, wie ein Mann so da sein kann, dass Nähe möglich wird.

In Freundschaft. In Gruppen. In Gemeinschaft. Im Älterwerden. In politischer Unterschiedlichkeit. Im Scheitern. Im Beifall. Im Widerspruch. Im Blick auf den Vater. Im Blick auf den Bildschirm. Im Blick auf Schuld, Scham und die patriarchalen Modelle, die aussterben und doch in uns weiterleben.

Der offene Kreis erinnert mich: Männlichkeit entscheidet sich nicht ein für alle Mal. Sie bewegt sich zwischen Absencing und Presencing. Zwischen Rückzug und Anwesenheit. Zwischen Abwehr und Verantwortung. Zwischen Bildschirm-Sog und Verkörperung. Zwischen alter Rolle und neuem Raum.

Vielleicht ist zukunftsfähige Männlichkeit genau das: nicht unabhängig von allen sein zu wollen, sondern unabhängig genug von Status, Rolle, Reiz und Applaus zu werden, dass echte Beziehung wieder Platz bekommt.

Dann wäre Männlichkeit kein Schutzanzug mehr.

Sondern eine Form von Anwesenheit.

Klar. Lernend. Berührbar.

Und gemeinschaftsfähig.

Der Kreis bleibt offen.

Es gibt einen nächsten Schritt.

Weiterlesen / Quellen

Thomas Hübl und Matthew Green: Healing the Shadow Trauma of Transgression, Point of Relation Podcast, Episode 199, 16. Juni 2026.

YouTube-Fassung der Episode: Healing the Shadow Trauma of Transgression with Thomas Hübl & Matthew Green.

Wolf Biermann über Robert Habeck, Lernen und Aún aprendo.

Christof Suppiger: Ein lernender Mann – Nähe lernen jenseits von Status und Rolle.

Fragen, mit denen ich gerne ins Gespräch komme

☐ Wo wurde in meiner Herkunftsfamilie Beziehung gepflegt – und wo wurde sie durch Pflicht, Arbeit oder Funktion ersetzt?

☐ Welche Wunde trage ich, weil ein Vater, eine Mutter oder eine wichtige Bezugsperson nicht wirklich mit mir gesprochen hat?

☐ Wo sitzt diese Wunde nicht nur im Denken, sondern im Körper, im Atem, im Nervensystem?

☐ Wo verwechsle ich Rolle noch mit Beziehung?

☐ Wo sichere ich Zugehörigkeit über Funktion, Leistung, Verdienen oder Klugheit?

☐ Wo wird ein Bildschirm, ein Medium, eine Meinung oder ein Reiz zum Beziehungsersatz?

☐ Welche patriarchalen Modelle leben in mir weiter, obwohl ich sie längst hinter mir lassen möchte?

☐ Wo bin ich im Presencing: anwesend, verkörpert, hörend, verantwortlich?

☐ Wo bin ich im Absencing: abwesend, verhärtet, beschleunigt, reizgetrieben oder im Bildschirm-Sog?

☐ Wo wird der obere Halbkreis stärker als der untere?

☐ Welche Care-Praxis hilft mir, in Anwesenheit zurückzukehren?

☐ Welche Self-Care schützt meine Beziehungskapazität?

☐ Wo habe ich selbst weggeschaut, geschwiegen, abgespalten oder Verantwortung vermieden?

☐ Wo darf Scham nicht länger allein getragen werden?

☐ Was wäre ein sicherer Raum, in dem Wahrheit möglich wird, ohne dass Beschämung übernimmt?

☐ Wo folge ich dem Applaus, obwohl etwas in mir widerspricht?

☐ Wo kann ich Care- und Verdienstprivilegien verlernen, ohne mich selbst zu verachten?

☐ Wo brauche ich mehr Raum, damit Nähe nicht eng wird?

☐ Wo brauche ich mehr Kontakt, damit Raum nicht Rückzug wird?

☐ Was lerne ich von Männern, die anders geprägt sind als ich?

☐ Wo gibt es noch einen Durchgang, obwohl ich innerlich schon abgeschlossen habe?

☐ Wo kann Verbundenheit bestehen bleiben, auch wenn keine Einigkeit erreicht wird?

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