Eine Einladung zum feministischen Frauenstreik erreicht mich. Sie freut mich. Und sie macht mir Angst. Nicht, weil ich nicht hingehen möchte. Sondern weil ich spüre: Dieser Ort berührt nicht nur Politik. Er berührt Familie, Männerrollen, alte Sätze, Scham, Zugehörigkeit und die Frage, wie ich als Mann da sein kann, ohne mich wichtig zu machen.

Gestern erreicht mich eine Einladung. Ob ich am Sonntag mitkomme aufs Kasernenareal. An den feministischen Frauenstreik. Vielleicht später noch an ein Konzert. Noch sei kein Ticket gekauft. Man könne sich treiben lassen.

Ich lese die Nachricht und merke sofort: Ja. Das freut mich.

Und: Oh.

Da ist diese kleine Erschütterung im Körper. Nicht dramatisch. Nicht panisch. Eher ein inneres Zusammenziehen. Eine Mischung aus Neugier, Respekt, Unsicherheit und dem alten männlichen Wunsch, bitte nicht falsch dazustehen.

Ich antworte zuerst spielerisch. Mit Herz, Rose und roter Nase. Aber unter der Leichtigkeit liegt etwas Echtes: Ich weiss nicht genau, wie ich mich fühlen werde an einem Ort, an dem Feminismen im Plural sichtbar werden. Nicht als Theorie. Nicht als Text. Sondern als Körper, Stimmen, Blicke, Forderungen, Wut, Müdigkeit, Musik, Care-Arbeit, Verletzungsgeschichte und Hoffnung.

Der alte Satz

In mir taucht ein alter Familiensatz auf.

Er lautet sinngemäss: Seit der Einführung des Frauenstimmrechts sei es in der Politik abwärts gegangen. Seit Frauen mitbestimmen, sei alles schlimmer geworden. Frauen seien sowieso eher links.

Ich schreibe das anonymisiert, weil es mir nicht darum geht, einen Menschen blosszustellen. Der Satz gehört nicht nur einer Person. Er gehört zu einer Generation, zu einem Milieu, zu einer politischen Prägung, zu einer Geschichte, in der Demokratie lange als Männerraum verstanden wurde.

Und gleichzeitig trifft mich dieser Satz. Denn er sagt nicht einfach: Ich habe eine andere politische Meinung.

Er sagt: Als Frauen politisch voll sichtbar wurden, begann der Niedergang.

Das ist ein harter Satz.

Vielleicht war er nicht so hart gemeint, wie ich ihn heute höre. Vielleicht war es eine Mischung aus politischer Enttäuschung, Weltverlust, Alter, bürgerlicher Prägung und der Erfahrung, dass nach 1971 vieles komplizierter wurde. Mehr Stimmen. Mehr Rechte. Mehr Ansprüche. Mehr Widerspruch. Mehr Umweltfragen. Mehr Gleichstellung. Mehr soziale Bewegungen. Mehr Zumutung an alte Selbstverständlichkeiten.

Aber genau darin liegt der Punkt.

Vielleicht wurde die Politik nicht schlechter, seit Frauen mitbestimmen. Vielleicht wurde sie wirklicher.

Mehr Wirklichkeit durfte sprechen.

Frauen, die links sind – ausser sie gehören zu uns

In meiner Familiengeschichte gibt es dazu eine interessante Bewegung. Abstrakt sind „die Frauen“ politisch schnell verdächtig. Sie gelten dann als links, fordernd, moralisch, störend, überempfindlich oder ideologisch. Aber sobald eine konkrete Frau aus dem eigenen Umfeld bürgerlich politisiert, beruflich angesehen ist, ein öffentliches Amt innehat, angeheiratet, verwandt oder irgendwie zugehörig ist, verändert sich der Blick.

Dann ist sie plötzlich interessant.

Dann ist sie nicht mehr „die linke Frau“.

Dann ist sie eine von uns.

Mich beschäftigt dieser Mechanismus. Nicht, weil ich über einzelne Frauen urteilen möchte. Sondern weil darin ein Muster sichtbar wird: Frau-Sein wird leichter akzeptiert, wenn es die vertraute Ordnung nicht zu stark infrage stellt.

Eine Frau darf führen, solange sie nicht zu viel verändert. Sie darf politisch sein, solange sie nicht zu feministisch wird. Sie darf sichtbar werden, solange sie die eigene Welt nicht beschämt.

Das ist zugespitzt. Und doch erkenne ich darin etwas.

Auch in mir.

Wovor ich mich fürchte

Ich fürchte mich nicht vor Frauen.

Ich fürchte mich auch nicht vor Feminismus.

Ich fürchte mich eher davor, dass alte Sätze in mir sichtbar werden könnten. Dass ich irgendwo in mir doch noch Zustimmung suche: Bin ich einer von den Guten? Darf ich hier sein? Muss ich mich erklären? Muss ich beweisen, dass ich Care ernst nehme? Muss ich zeigen, dass ich anders bin als die Männer, gegen die sich manche Wut richtet?

Und schon bin ich wieder in der männlichen Hauptrolle.

Das ist die feine Falle.

Ich komme an einen Ort, an dem es um unbezahlte Care-Arbeit, Erschöpfung, Gleichstellung, Gewalt, Körper, Zeit, Geld, Arbeit, Würde und gerechte Verteilung geht – und plötzlich kreist mein Inneres um die Frage, wie ich angeschaut werde.

Auch das ist nicht moralisch falsch. Es ist menschlich. Aber es ist nicht der Mittelpunkt.

Vielleicht ist meine Aufgabe dort einfacher und schwieriger zugleich: da sein, zuhören, nicht erklären, nicht sofort einordnen, nicht den alten Satz verteidigen, nicht die Frauen retten, nicht mich selbst freisprechen.

Care ist politisch

Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Der Satz auf dem Beitragsbild stimmt.

Care ist politisch.

Am Küchentisch. In der Nachbarschaft.
Im Parlament. In der Regierung.

Care-Arbeit beginnt oft im Unsichtbaren. Jemand denkt mit. Jemand erinnert. Jemand merkt, dass die Stimmung kippt. Jemand räumt auf, bevor andere merken, dass Unordnung da war. Jemand plant, tröstet, organisiert, kocht, pflegt, telefoniert, vermittelt, hält aus, bleibt erreichbar. Vieles davon erscheint erst dann als Arbeit, wenn es nicht mehr getan wird.

Vielleicht lässt sich die Grundfrage des Streiks ganz einfach zusammenfassen:

Was bisher selbstverständlich geschah, soll sichtbar werden.
Was bisher „irgendwie“ gemacht wurde, soll benannt werden.
Was bisher an einzelnen Personen hängen blieb, soll gemeinsam getragen werden.

Sichtbar machen heisst für mich nicht: alles verrechnen. Es heisst zuerst: wahrnehmen, benennen, würdigen. Fragen: Wer trägt hier was? Wer denkt für wen mit? Wer hat Zeit, Kraft, Geld, Körper, Beziehung und Nerven investiert? Wer wird dafür gesehen – und wer nicht?

Verantwortung zuordnen heisst nicht, Liebe zu bürokratisieren. Es heisst, stille Erwartungen in klare Absprachen zu verwandeln. Nicht mehr hoffen, dass „jemand“ es schon macht. Sondern fragen: Was braucht es? Wer übernimmt? Bis wann? Mit welcher Unterstützung? Und wer darf auch Nein sagen, bevor Erschöpfung zur einzigen Grenze wird?

Care wird gerechter, wenn sie sichtbar wird. Care wird tragfähiger, wenn Verantwortung teilbar wird. Care wird menschlicher, wenn Selfcare nicht als Egoismus gilt, sondern als Bedingung dafür, dass Sorge nicht ausbrennt.

Männer für Gleichstellung. Familienzeit jetzt.

Was mir an diesem Sonntag ebenfalls gefällt: Er muss nicht nur als linker Aktivismus gelesen werden. Es gibt Brücken.

Eine Brücke heisst für mich: Männer für Gleichstellung.

Ich finde es stimmig, dass auf dem Beitragsbild auch ein Mann sichtbar ist, der ein Plakat trägt. Nicht als Held. Nicht als Vordergrund-Mann, der nun die Bühne übernimmt. Sondern als einer, der verstanden hat: Gleichstellung ist nicht „Frauenthema“, sondern eine Frage gerechter Beziehungen, gerechter Arbeitsteilung und gemeinsamer Verantwortung.

Was ich von Männer.ch mitnehme, ist genau diese Bewegung: Männer nicht gegen den Feminismus in Stellung bringen, sondern sie als Mitverantwortliche ansprechbar machen. Zuhören. Mitdenken. Mitarbeiten. Care-Arbeit übernehmen. Nicht als moralisches Gütesiegel, sondern als Praxis.

Die zweite Brücke heisst: Familienzeit jetzt.

Auch das ist kein Nebenthema. Wenn Elternschaft strukturell gerechter geteilt wird, wenn Zeit nicht automatisch entlang alter Geschlechterrollen verteilt wird, dann verändert das etwas Grundsätzliches. Dann wird Care nicht einfach privates Schicksal der Frau, sondern gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe.

Ich mag darum den Satz: She cares, he cares – yes we care.

Nicht, weil Englisch alles besser macht. Sondern weil darin etwas Einfaches steckt: Care wird nicht gerechter, wenn wir sie nur bewundern. Sie wird gerechter, wenn wir sie teilen.

Geteilte Führung statt stille Erwartungen

Vielleicht ist das der politische Kern, den ich aus diesem Frauenstreik mitnehme:

"Geteilte Führung statt stille Erwartungen."

Gleichberechtigung entsteht nicht nur durch gute Absichten. Sie braucht eine Beziehungsarchitektur. Eine strukturelle Liebe, die nicht romantisch, sondern konkret wird. Ich nenne das gern die vier R:

Räume. Rollen. Rhythmen. Rahmen.

Räume, in denen Menschen nicht kleiner werden müssen, um dazuzugehören.
Rollen, die Verantwortung sichtbar und ansprechbar machen.
Rhythmen, die Verlässlichkeit statt Dauerimprovisation schaffen.
Rahmen, die Würde schützen und Überforderung begrenzen.

Vielleicht beginnt genau dort auch mein politisches Lernen: nicht nur auf Missstände zeigen, sondern kleine tragfähige Strukturen mitbauen. Nicht nur sagen, Care sei wichtig, sondern Bedingungen schaffen, in denen sie nicht an denselben Schultern hängen bleibt.

GEMEINSCHAFT WAGEN als Caring Community

Darum berührt mich dieser Sonntag auch in Bezug auf GEMEINSCHAFT WAGEN.

Ich sehe darin keinen fremden Planeten. Ich sehe eine Resonanz.

Ein öffentliches Wohnzimmer mit geteilter Verantwortung. Care und Selfcare im Gleichgewicht. Beziehung vor Entscheidung. Verantwortung ohne stille Erwartungen.

Genau dort will ich weiterlernen. Nicht als Theorie. Sondern als Praxis. Als Caring Community. Als würdesensible Beziehungsarchitektur im Kleinen. Als Ort, an dem aus Zuhören Beziehung wird, aus Beziehung Verantwortung und aus Verantwortung vielleicht irgendwann tragfähige Gemeinschaft.

Wenn ich ehrlich bin, dann merke ich auch: Ich schreibe viel. Manchmal vielleicht zu viel. Ich kann in Sprache Verantwortung retten wollen, statt sie sichtbar, teilbar und verkörpert zu leben. Dann wird der Text zur Flucht aus der konkreten Care-Arbeit.

Vielleicht ist dieser Sonntag darum auch eine kleine Prüfung.

Nicht im Sinne von bestehen oder scheitern.

Eher im Sinne von: Kann ich anwesend bleiben, wenn es konkret wird?

Der alte Satz und die neue Tür

Der alte Satz sagt: Seit Frauen mitbestimmen, ist es schlechter geworden.

Die neue Tür sagt: Seit mehr Menschen mitsprechen, wird sichtbar, was vorher unsichtbar getragen wurde.

Das ist nicht bequemer. Es ist nicht harmonischer. Es ist nicht einfacher. Aber es ist demokratischer. Und vielleicht auch ehrlicher.

Ich merke: In meiner Familiengeschichte liegt ein Stück Schweizer Geschichte. Eine Geschichte von verspäteter Gleichstellung, bürgerlicher Selbstverständlichkeit, patriarchaler Ordnung, Zugehörigkeit über politische Linie und der langsamen Zumutung, dass auch andere Erfahrungen Wirklichkeit sind.

Ich muss den alten Satz nicht verachten.

Ich muss ihm aber auch nicht mehr glauben.

Ich kann seine Herkunft achten, seine Wirkung erkennen – und anders weitergehen.

Vielleicht genau deshalb nehme ich die Einladung an.

Nicht als mutiger feministischer Held. Nicht als Mann mit moralisch sauberer Weste. Sondern als einer, der merkt: Da ist Angst. Da ist Freude. Da ist Familiengeschichte. Da ist Lernstoff.

Und da ist ein Sonntag, an dem ich nicht alles verstehen muss, bevor ich hingehe.

Innehalten

Bevor ich antworte, halte ich kurz inne.

Ich lege die Hand auf den Körper.

Ich spüre: Freude.
Ich spüre: Scheu.
Ich spüre: alte Loyalität.
Ich spüre: den Wunsch, dazuzugehören, ohne mich zu verbiegen.

Und dann wird es einfach.

Ich darf gehen.
Ich darf zuhören.
Ich darf unsicher sein.
Ich darf lernen.

Meine Antwort

Oh, vielen Dank.

Deine Einladung freut und ehrt mich sehr.

Und ja, sie lässt mich auch ein bisschen erschaudern.

Ich komme gern mit. Mit offener Nase, offenem Herzen und dem Vorsatz, nicht zu erklären, sondern wahrzunehmen. Feminismen im Plural werden wohl die Realität sein – und genau das interessiert mich.

Lass uns am Sonntag treiben lassen.

Kaserne.
Care.
Vielleicht Demo.
Vielleicht Konzert.
Vielleicht einfach ein Gespräch, das noch niemand geplant hat.

🌹❤️ Einladung angenommen.

Fragen, mit denen ich gerne ins Gespräch komme

  • Welcher alte Familiensatz wirkt in mir weiter, obwohl ich ihm längst nicht mehr zustimmen möchte?
  • Wo suche ich als Mann Anerkennung dafür, dass ich „anders“ bin – statt einfach Verantwortung zu übernehmen?
  • Welche Care-Arbeit sehe ich erst, wenn sie nicht mehr gemacht wird?
  • Was verändert sich, wenn ich Feminismus nicht als Meinung, sondern als Erfahrungsraum höre?
  • Wo beginnt für mich Beziehung vor Entscheidung, wenn ich politisch verunsichert bin?
  • Welche stille Erwartung könnte ich heute in eine klare, faire Absprache verwandeln?
  • Was wäre mein nächster kleiner Care-Akt – nicht als Geste, sondern als übernommene Verantwortung? 

Weiterlesen

GEMEINSCHAFT WAGEN – Projektseite Juni 2026

Weitere interne Links zu GEMEINSCHAFT WAGEN, Männer im Kontakt, Kein Kurs. Zum Glück. und Care / Selfcare würde ich erst dann setzen, wenn die Zielseiten geprüft und eindeutig zugeordnet sind.

Quellen

Feministischer Streik Zürich: Aufruf und Programm zum 14. Juni 2026
Eventfrog: PANDORAS DREAM – After the noise, 14. Juni 2026, Kraftwerk Zürich
ch.ch: Frauenstimmrecht in der Schweiz
Historisches Lexikon der Schweiz: Frauenstreik 1991
Watson / Männer.ch: Was können Männer für Feminismus tun?
Männer.ch: Geschichte / Familienzeit-Initiative
Alliance F: Familienzeit-Initiative
Alliance F: Nein zur Chaos-Initiative

KI-Transparenz

KI ist Werkzeug – die Unterschrift ist meine. Für sprachliche Verdichtung und Struktur nutze ich punktuell KI als Werkzeug. Verantwortung, Auswahl und Endfassung liegen bei mir. Wichtig ist mir ein macht- und gewaltbewusster Umgang damit.

KI schlägt Sprache vor, ich entscheide, ob sie stimmt. KI verdichtet, ich prüfe, ob mein Körper Ja sagt. KI ersetzt keine Beziehung. Ich nutze sie nicht, um Verantwortung abzugeben. KI soll kein Spüren delegieren. Sie dient mir vor allem dazu, Sprache zu finden.

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