Identität ohne Abwertung: Warum Beziehung auch in der Europadebatte beginnt

Brescia, 1. Juli 2026 - Christof Suppiger

Ich muss andere nicht kleiner machen, um Schweizer zu sein. Ich muss Europa nicht abwerten, um mich verwurzelt zu fühlen. Und ich muss einen Menschen nicht erklären, um mit ihm in Beziehung zu kommen. Vielleicht beginnt reife Identität genau dort: wo ich innehalte, bevor ich über andere spreche.

Ein Bruder und Priester auf dem Weg

Christian Rutishauser ist für mich ein wunderbarer Bruder und Priester. Nicht, weil er einfache Antworten hätte. Sondern weil er geistliche Tiefe, wissenschaftliche Genauigkeit und dialogische Verantwortung verbindet. Er steht nicht neben der Geschichte, sondern mitten in ihr: als Jesuit, Judaist, Pilger, Lehrer und Brückenbauer zwischen Christentum und Judentum.

Vatican News würdigt ihn anlässlich der Buber-Rosenzweig-Medaille 2026 als einen Menschen, für den der Dialog mit dem Judentum kein theologisches Randthema ist, sondern eine lebensnotwendige Verpflichtung der Kirche. Besonders stark ist für mich seine Frage, wie sich das Christentum positiv formulieren kann, ohne Identität auf Kosten des Judentums zu bilden. Genau hier berührt mich sein Weg. Nicht Abgrenzung macht Identität reif. Sondern Verantwortung.

Ich werde nicht klarer, indem ich dich kleiner mache.

Die Universität Luzern beschreibt jüdisch-christliche Beziehungen als Feld, in dem christlicher Antijudaismus, die «Lehre der Verachtung» und Gewalt gegenüber Jüdinnen und Juden benannt werden müssen. Dialog bedeutet dort nicht Harmonie. Dialog ist die Kompetenz, Beziehung und Interaktion zu verstehen und Begegnung heute zu gestalten.

Das ist für mich mehr als Theologie. Es ist Beziehungsschule. Es ist Erinnerung ohne Selbstentlastung. Es ist Verantwortung ohne neue Verachtung. Es ist die Frage: Wie kann ich aus meiner eigenen Tradition sprechen, ohne dich zu benutzen, um mich selbst zu erhöhen?

Europa und die Schweizer Seele

Dieses Thema gehört auch in die Europadebatte.

Ich bin Schweizer. Das ist mir nicht egal. Ich bin geprägt von dieser Landschaft, dieser direkten Demokratie, dieser Mehrsprachigkeit, dieser eigensinnigen Nüchternheit. Aber ich brauche Europa nicht kleiner zu machen, um mich als Schweizer zu fühlen. Ich muss Deutschland nicht karikieren, Italien nicht belächeln, Frankreich nicht misstrauen und Brüssel nicht zum Feindbild erklären, damit meine eigene Zugehörigkeit stabil bleibt.

Manchmal wird mir übel, wenn ich höre, wie über andere Länder gesprochen wird. Als wären sie dumm, chaotisch, korrupt, übergriffig oder minderwertig. Dann spüre ich: Hier wird nicht einfach politisch gestritten. Hier wird Identität durch Abwertung gebaut.

Ich muss andere nicht abwerten, um verwurzelt zu sein.

Eine reife Schweiz muss Europa nicht idealisieren. Sie darf widersprechen, verhandeln, Grenzen setzen, Interessen benennen. Aber sie muss andere nicht verachten, um sich selbst treu zu bleiben. Die eigentliche Europafrage lautet für mich deshalb nicht nur: Wie viel Anpassung erträgt die Schweiz? Sondern auch: Wie viel Beziehung traut sich eine Schweiz zu, die sich ihrer selbst sicher genug ist?

Beziehung als blinder Fleck

Manchmal fühle ich mich mit diesem Denken fremd in meiner Umgebung. In meinen Bubbles klingt Beziehung selbstverständlich. Aber sobald ich ausserhalb davon spreche, merke ich: Beziehung? Was soll das? Wen interessiert das?

Bei meinem Vater sehe ich das besonders deutlich. Wenn im Altersheim ein Streit mit einem Pfleger oder einer Pflegerin ausbricht, wird das Problem schnell auf anderen Ebenen erklärt: Herkunft, Hautfarbe, Bildungsstand, wie lange jemand schon in der Schweiz lebt, Bürokratie, universitäre Bildeliten, europäische Zumutungen, schweizerische Absurditäten. Alles kommt vor. Nur eines kaum: Beziehung.

Die Frage, ob ein Konflikt auch etwas mit mir zu tun haben könnte, mit meinem Ton, meiner Kränkung, meiner Angst, meiner Abhängigkeit, meiner Scham oder meinem Bedürfnis nach Kontrolle, liegt weit ausserhalb dieser Vorstellungskraft.

Das ist nicht nur persönlich. Es ist politisch. Denn genau so entsteht Abwertung: Dort, wo ich den anderen erkläre, bevor ich wahrnehme, was zwischen uns geschieht. Dort, wo ich Zugehörigkeit über Distanz herstelle. Dort, wo ich mich selbst nicht befragen muss, weil der andere schon als Problem markiert ist.

Dort, wo ich den anderen erkläre, bevor ich wahrnehme, was zwischen uns geschieht, beginnt Abwertung.

Vielleicht beginnt Beziehungspolitik genau an dieser unscheinbaren Stelle: nicht zuerst bei grossen Programmen, sondern bei der Fähigkeit, in einem Konflikt nicht sofort über Herkunft, Status oder Gruppe zu sprechen, sondern über das, was gerade zwischen Menschen passiert.

Auch im Kreis kann Abwertung geschehen

Ich würde noch weitergehen: Diese Muster passieren nicht nur bei meinem Vater, nicht nur in nationalen oder politischen Debatten, nicht nur dort, wo grob über Herkunft, Hautfarbe, Bildung oder Bürokratie gesprochen wird. Sie passieren auch in meinen Bubbles. Auch im Community Building. Auch in Gemeinschaftskreisen. Auch dort, wo wir von Beziehung, Präsenz, Resonanz und Verantwortung sprechen.

Auch dort kann ich den anderen erklären, statt ihm zu begegnen. Auch dort kann ich über einen Menschen sprechen und dabei grösser werden. Ich deute, diagnostiziere, ordne ein, beschreibe Muster, erkenne Projektionen und merke vielleicht zu spät, dass ich selbst gerade projiziere.

Das ist eine feine Form der Abwertung: Ich mache mich grösser, wenn ich über dich spreche, ohne wahrzunehmen, was zwischen uns geschieht. Ich mache dich kleiner, wenn ich deine Wirklichkeit erkläre, bevor ich meine eigene Beteiligung spüre. Ich verlasse Beziehung, wenn ich über dich klug werde, aber nicht mehr mit dir anwesend bin.

Ich mache dich kleiner, wenn ich deine Wirklichkeit erkläre, bevor ich meine eigene Beteiligung spüre.

Welche Gnade nehme ich gerade wahr? Dass ich diese Fähigkeit entwickeln durfte: innezuhalten, wenn ich über einen Gegenstand, über einen Menschen, zu einem Menschen oder über einen Menschen spreche. Zu merken: Das, was ich gerade sage, ist nicht einfach die Realität. Es ist auch mein Zustand. Meine Deutung. Meine Regulation oder Unregulation. Mein Versuch, Sicherheit zu gewinnen. Vielleicht auch mein Versuch, mich über den anderen zu stellen.

Beziehung beginnt dann nicht mit der besseren Erklärung. Beziehung beginnt mit der Frage: Wie betrete ich gerade den Raum? Bin ich reguliert genug, um wieder in Kontakt zu kommen? Oder benutze ich Sprache, Wissen und Deutung, um mich zu schützen und den anderen kleiner zu machen?

Innehalten, bevor ich wieder spreche

Innehalten ist nicht passiv. Es ist eine Handlung. Vielleicht sogar eine der politischsten Handlungen, die mir zur Verfügung steht. Ich unterbreche nicht den anderen, sondern zuerst meinen eigenen Automatismus.

Ich halte inne, bevor ich erkläre.

Ich halte inne, bevor ich eine Gruppe verantwortlich mache.

Ich halte inne, bevor ich mein Unbehagen in eine Theorie verwandle.

Ich halte inne, bevor ich Beziehung verlasse und Recht bekomme.

Innehalten heisst: Ich trete nicht sofort über dich. Ich komme zuerst zu mir zurück.

Das ist nicht bequem. Manchmal ist es ernüchternd. Ich merke, wie schnell ich in Sprache flüchte. Wie schnell ich eine Szene deuten kann. Wie schnell ich über einen Menschen klug werde. Und wie langsam es manchmal geht, einfach da zu bleiben: bei meinem Atem, meiner Kränkung, meiner Unsicherheit, meiner Mitverantwortung.

Vielleicht ist genau das Care. Nicht als weiche Dekoration. Sondern als Unterbruch. Als Selbstregulation. Als Schutz des gemeinsamen Raums. Als Entscheidung, nicht sofort weiterzugeben, was in mir eng, verletzt oder überlegen geworden ist.

Beziehung trägt Entscheidung. Entscheidung schützt Beziehung. Aber vor jeder tragfähigen Entscheidung braucht es manchmal diesen kleinen, kaum sichtbaren Moment: Ich halte inne. Ich merke, wie ich den Raum betrete. Ich frage mich, ob ich gerade wirklich in Kontakt komme oder ob ich mich über den anderen erhebe.

Eine kleine Battuta

Gianni Tacci Battuta sitzt im Kreis, hört lange zu und sagt dann:

«Ich habe heute sehr viel über Projektion gelernt. Vor allem bei den anderen.»

Alle lachen.

Dann wird es still.

Und genau in dieser Stille beginnt vielleicht die Arbeit.

Worum es mir geht

Ich schreibe das nicht, weil ich weiter bin. Ich schreibe es, weil ich diesen Mechanismus kenne. In mir. In meiner Familie. In politischen Gesprächen. In spirituellen Kreisen. In der Schweiz. In Europa. In Beziehung.

Identität ohne Abwertung ist kein moralisch schöner Satz. Es ist eine tägliche Übung. Ich kann Schweizer sein, ohne Europa klein zu machen. Ich kann Christ sein, ohne das Judentum abzuwerten. Ich kann Vater, Sohn, Bruder, Bürger, Gastgeber oder Suchender sein, ohne den anderen erklären zu müssen, bevor ich mich selbst befrage.

Vielleicht beginnt Frieden nicht dort, wo alle einander verstehen. Vielleicht beginnt Frieden dort, wo ich bemerke, dass ich gerade über dich spreche, um nicht zu spüren, was zwischen uns geschieht.

Ich werde nicht kleiner, wenn ich meine Beteiligung wahrnehme. Ich werde beziehungsfähiger.

Weiterlesen / Quellen

Christian Rutishauser SJ wird 2026 mit der Buber-Rosenzweig-Medaille für seinen Einsatz in der Verständigung zwischen Christ und Jüd geehrt. Vatican News hebt besonders hervor, dass jüdisch-christlicher Dialog für ihn kein Randthema ist, sondern eine lebensnotwendige Verpflichtung der Kirche.
Zum Artikel bei Vatican News

Die Universität Luzern beschreibt im Studienangebot «Jüdisch-Christliche Beziehungen» den christlichen Antijudaismus, die «Lehre der Verachtung» und Gewalt gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücklich als Teil der Geschichte, die im Dialog verstanden und bearbeitet werden muss.
Zum Studienangebot der Universität Luzern

Die Jesuiten stellen Christian Rutishauser SJ als Jesuiten, Judaisten und Professor für Judaistik und Theologie an der Universität Luzern vor; dazu gehören seine Studien in Jerusalem, New York und Luzern sowie seine langjährige Mitarbeit in jüdisch-katholischen Gesprächskommissionen.
Zum Porträt bei den Jesuiten

Im Auszug aus «Zu Fuss nach Jerusalem» beschreibt Rutishauser den Pilgerweg vom Lassalle-Haus bei Zug nach Jerusalem, sein Ringen um das Gespräch mit Juden und Muslimen und den Willen, zu Frieden und sozialer Gerechtigkeit beizutragen.
Zum PDF-Auszug beim Patmos Verlag


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Fragen, mit denen ich gerne ins Gespräch komme

Wo erkläre ich andere Menschen, bevor ich wahrnehme, was zwischen uns geschieht?

Wann mache ich mich grösser, indem ich über andere spreche?

Welche Gruppen, Länder, Milieus oder Personen benutze ich, um meine eigene Identität zu stabilisieren?

Wie betrete ich den Raum, wenn ich verletzt, beschämt, überfordert oder überlegen bin?

Was wäre mein nächster kleiner Care-Akt, bevor ich wieder spreche?

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