Green Fight: Der Stamm, der mich nicht gefragt hat und die Pflanze, die ich wachsen höre.

Vielleicht beginnt der Fall des Patriarchats nicht mit einer grossen politischen Parole, sondern mit einer sehr stillen Trauer: Mein Vater hat nie mit mir über meine Zukunft gesprochen. Er hat mich versorgt. Er hat gearbeitet. Er hat entschieden. Aber er hat mich nicht gefragt. Nicht wirklich. Nicht als Sohn. Nicht als werdender Mensch. Nicht als jemand, in dem ein eigenes Leben aufsteigen wollte.

Das macht mich traurig. Immer wieder. Nicht sentimental. Nicht als schnelle Anklage. Eher körperlich. Im Nacken. In der Härte. In dieser Stelle, an der ich merke: Da ist etwas alt. Da ist etwas festgehalten worden. Da wurde nicht gesprochen. Da wurde nicht gefragt. Da wurde nicht gesorgt.

Mein Vater hat gesagt, was richtig und was falsch ist. Er hat normiert. Er hat Befehle gegeben. Er hat sich bei meiner Berufswahl durchgesetzt. Er hat mich zwar an den Informationsabend der Kunstgewerbeschule begleitet. Ich sehe ihn dort, wahrscheinlich gelangweilt, vielleicht überfordert, vielleicht innerlich längst abgewendet. Aber die Frage kam nicht.

Warum willst du das? Was interessiert dich daran? Was siehst du dort für dich? Was ruft dich? Wovor hast du Angst? Was brauchst du von mir?

Vielleicht hätte ich damals selbst keine Sprache dafür gehabt. Aber gerade deshalb hätte ich seine Frage gebraucht.

Keine Care

Das ist der harte Satz: Es war keine Care.

Nicht keine Versorgung. Die gab es. Nicht keine Pflicht. Die gab es. Nicht keine Leistung. Davon gab es viel. Aber Care im tieferen Sinn gab es nicht. Keine anteilnehmende Frage. Kein Mitgehen in meine innere Zukunft. Kein Lauschen auf das, was in mir wachsen wollte.

Er hat Existenz gesichert, aber nicht Zukunft geöffnet.

Er hat Familie ernährt, aber Beziehung vermieden.

Er hat Besitz, Zahlen, Sportresultate, Abstimmungsresultate, Geldbewegungen und Messbares gehalten, aber nicht den Raum, in dem Gefühl und Bedürfnis hätten auftauchen dürfen.

Sobald Gefühl möglich wurde, wurde es gefährlich. Dann zitterte etwas. Dann drohte Schlaflosigkeit. Dann musste das Gespräch weg. Dann wurde ausgewichen, abgewendet, gemessen, gezählt, kontrolliert.

So entsteht Absencing mitten in der Familie.

Ein Vater ist da und doch nicht da. Er sitzt am Tisch, aber sein Blick ist anderswo. Er gehört zur Familie und ist ihr zugleich abgewendet. Nicht einfach als böser Mensch. Vielleicht als Sohn eines Vaters, der selbst nicht gefragt wurde. Vielleicht als Erbe eines Systems, in dem Männer funktionieren, besitzen, befehlen, schweigen und sich innerlich abspalten.

Aber für den Sohn bleibt es trotzdem wahr: Ich wurde nicht gefragt.

Der Blick, der mich nicht sah

“We don’t see things as they are, we see them as we are.”

Dieser Satz von Anaïs Nin steht bei Nicola Zambelli über seinem Blog. Er trifft eine schmerzhafte Stelle. Vielleicht hat mein Vater mich nicht so gesehen, wie ich war. Vielleicht hat er mich gesehen, wie er selbst war. Durch seine Ordnung. Durch seine Angst. Durch seinen Auftrag. Durch seinen Begriff von Sicherheit, Anstand, Beruf, Besitz, Familie und Fortsetzung.

Er sah nicht zuerst den Sohn, der eine Zukunft suchte. Er sah eine Linie, die weitergehen sollte. Einen Namen. Eine Funktion. Eine Berufswahl. Eine materielle Absicherung. Einen Stamm.

Darum konnte er mich an einen Informationsabend der Kunstgewerbeschule begleiten und trotzdem nicht fragen, warum ich dorthin wollte. Sein Körper war da. Sein innerer Blick war anderswo.

Hier berührt mich Nicola Zambellis Text L’orologio. Ein Vater schenkt seinem Sohn zu Weihnachten eine Uhr, die vom Grossvater stammt. Aus diesem Gegenstand öffnet sich eine Meditation über Zeit, Erbe, Ordnung, Dinge, Erinnerung und darüber, wie Objekte nicht nur uns gehören, sondern uns auch formen.

Auch in meiner Vatergeschichte gibt es solche Uhren. Nicht nur als Gegenstände. Als innere Taktgeber.

Was zählt? Was ist richtig? Was ist nützlich? Was ist sicher? Was kann man messen? Was bleibt? Was wird vererbt?

Aber wer fragt: Was lebt in dir?

Vielleicht ist das Patriarchat auch eine Uhr, die weiter tickt, lange nachdem niemand mehr weiss, wer sie aufgezogen hat. Grossväter, Väter, Söhne. Ein Takt aus Pflicht, Besitz, Beruf, Name, Ordnung, Schweigen. Und jeder denkt, er müsse nur weitermachen, weil die Uhr ja läuft.

Mein Green Fight beginnt dort, wo ich diese Uhr nicht mehr einfach aufziehe.

Ich will nicht länger nur im Takt einer Ordnung leben, die mich nicht gefragt hat. Ich will nicht mehr Stammhalter eines Blicks sein, der mich nicht sah. Ich will die Zeit nicht nur messen, verwalten, sichern und vererben. Ich will sie bewohnen. Mit Körper. Mit Beziehung. Mit Trauer. Mit Freude. Mit Care.

Vielleicht ist das mein eigentlicher innerer Fall: aus der gemessenen Zeit in die gelebte Zeit.

Aus dem Erbe als Auftrag in das Erbe als Frage.

Was nehme ich mit? Was lasse ich liegen? Was darf endlich aufhören? Was will durch mich neu beginnen?

Der Stammhalter in mir

Dazu kommt diese Stammhaltergeschichte. Sie ist nicht nur ein privater Gedanke. Sie gehört zu einem alten patriarchalen Stammbaum. Einer trägt den Namen weiter. Einer hält die Linie. Einer sichert Besitz, Ordnung, Ansehen, Familie, Fortsetzung.

Vielleicht war diese Erwartung nie klar ausgesprochen. Vielleicht musste sie das gar nicht. Solche Aufträge wirken oft gerade deshalb stark, weil sie nicht ausgesprochen werden. Sie stehen im Raum wie Möbel, über die niemand spricht. Alle gehen darum herum. Alle kennen sie. Niemand fragt, ob sie noch stimmen.

Ich bin nicht Vater geworden.

Auch das berührt diese alte Schicht. Nicht als Schuld. Nicht als Versagen. Nicht als Diagnose. Sondern als verdeckte Frage: Habe ich den Stamm nicht gehalten? Oder habe ich vielleicht begonnen, eine andere Art von Samen zu setzen?

Ich will daraus keine endgültige Erklärung machen. Ich will mich nicht nachträglich vermessen. Aber ich spüre, dass dieses Thema in mir eine alte Ordnung berührt: den Sohn, der nicht gefragt wurde; den Mann, der nicht Vater wurde; den Stamm, der vielleicht nicht weitergeht wie vorgesehen.

Und genau hier beginnt Green Fight.

Nicht als Kampf gegen meinen Vater. Nicht als Kampf gegen Männer. Nicht als Kampf gegen mich.

Sondern als Kampf für das Lebendige, das unter diesem alten Stamm noch immer wachsen will.

Shaking the Tree

Peter Gabriel und Youssou N’Dour haben mit Shaking the Tree ein Lied geschaffen, das oft als Lied weiblicher Befreiung gehört wird. Auf Gabriels offizieller Seite erscheint es als Zusammenarbeit mit Youssou N’Dour; der Song wurde später auch Titelstück von Gabriels Sammlung Shaking the Tree.

Ich höre dieses Lied heute auch als Einladung an Männer.

Nicht: Jetzt werden Männer besiegt. Sondern: Jetzt darf der alte Baum endlich wackeln.

Der Baum des Patriarchats ist nicht nur draussen. Er steht auch in mir. Er steht dort, wo ich meine Zukunft nicht spüren durfte. Er steht dort, wo ich mich über Leistung, Sprache, Kontrolle, Analyse und Durchhalten rette. Er steht dort, wo ich Beziehung will und doch in Verhärtung gehe. Er steht dort, wo ich Care fordere und gleichzeitig Mühe habe, Selfcare wirklich zu leben. Er steht dort, wo ich alles allein tragen möchte und dann erschöpft, enttäuscht oder ungeduldig werde.

Green Fight heisst für mich: Ich schüttle diesen Baum nicht mit Hass. Ich schüttle ihn mit Trauer, Freude, Körper, Atem und Entscheidung.

Denn manche Früchte müssen fallen.

Die Frucht des Stammhalter-Auftrags. Die Frucht des ungefragten Sohnes. Die Frucht der männlichen Abspaltung. Die Frucht der Besitzmacht. Die Frucht des Schweigens. Die Frucht der Care-Verweigerung. Die Frucht der Angst vor Bedürftigkeit.

Und dann wird darunter Erde sichtbar.

Der innere Fall

Vielleicht ist das der Kern dieses Artikels: Ich freue mich auf meinen inneren Fall.

Das klingt zuerst seltsam. Aber ich meine nicht Zusammenbruch. Ich meine nicht Selbstbeschuldigung. Ich meine nicht Drama.

Ich meine den Fall aus der alten Höhe.

Aus der Höhe des Stammhalters. Aus der Höhe des richtigen Sohnes. Aus der Höhe des Mannes, der alles verstehen muss. Aus der Höhe des Mannes, der nicht bedürftig sein darf. Aus der Höhe des Mannes, der sich selbst und andere mit Sprache rettet. Aus der Höhe des Mannes, der immer noch beweisen möchte, dass er doch genügt.

Ich will fallen aus dieser alten Höhe in eine neue Nähe.

Zu mir. Zu meinem Körper. Zu meiner Trauer. Zu anderen Männern. Zu Frauen, die nicht nochmals alles halten sollen. Zu Menschen, die Beziehung nicht als Schwäche verstehen. Zu einer Männlichkeit, die fragt, lernt, liebt und sich korrigieren lässt.

Das ist für mich Presencing: wieder anwesend werden, wo ich abwesend geworden bin. Der untere Halbkreis. Die Schale. Der Boden. Die Erde. Der Raum, der hält.

Absencing ist der obere Bogen der Abwendung: Bildschirm, Zahlen, Resultate, Besitz, Rechthaben, Verhärtung.

Dazwischen bleibt ein Durchgang. Nicht alles ist verloren. Beziehung ist möglich.

Samen für neue Männlichkeit

Ich will nicht einfach ein besserer Mann werden. Das wäre mir zu optimiert. Zu brav. Zu sehr Kursprogramm.

Ich will Samen setzen.

Samen für Männer, die ihre Söhne und Töchter fragen. Samen für Männer, die nicht nur versorgen, sondern sorgen. Samen für Männer, die Verantwortung nicht als Kontrolle missverstehen. Samen für Männer, die ihre Trauer nicht an andere delegieren. Samen für Männer, die nicht erst zusammenbrechen müssen, bevor sie sprechen. Samen für Männer, die Care nicht romantisieren, sondern praktisch teilen. Samen für Männer, die Selfcare nicht als Rückzug gegen andere verwenden, sondern als Voraussetzung für Beziehung.

Hier berührt sich meine persönliche Vatergeschichte mit GEMEINSCHAFT WAGEN.

Ein öffentliches Wohnzimmer ist kein nettes Zusatzangebot. Es ist ein Gegenentwurf zur abgewendeten Familie. Ein Ort, an dem gefragt wird. Ein Ort, an dem Rollen sichtbar werden. Ein Ort, an dem Verantwortung nicht still erwartet wird. Ein Ort, an dem Beziehung Entscheidung trägt und Entscheidung Beziehung schützt.

Männer im Kontakt gehört genau hier hinein. Nicht als Männerinsel. Nicht als neue Selbstbespiegelung. Sondern als Übungsraum: Wie bleibt ein Mann ansprechbar, wenn es eng wird? Wie spricht er über Zukunft, ohne zu befehlen? Wie hört er Trauer, ohne sofort zu flüchten? Wie übernimmt er Verantwortung, ohne wieder alles zu besetzen?

männer.ch beschreibt seine Arbeit als Verbindung von Männern mit sich, mit anderen und mit ihrer Sehnsucht nach gerechten Geschlechterverhältnissen. MenCare Schweiz setzt beim väterlichen Engagement und bei männlichen Care-Beiträgen an. Das ist die gesellschaftliche Spur, in die meine persönliche Wunde nicht privat eingeschlossen bleiben muss.

Freude ist keine Verharmlosung

Ich will diesen Text nicht in Bitterkeit enden lassen. Das wäre zu wenig.

Ja, da ist Trauer. Ja, da ist Wut. Ja, da ist ein Nacken, der hart wird. Ja, da ist der Sohn, der nie gefragt wurde. Ja, da ist der Mann, der nicht Vater wurde. Ja, da ist der Stammhalterauftrag, der in mir weiterklang, auch wenn niemand ihn sauber benannte.

Aber darunter liegt Freude.

Nicht oberflächliche Freude. Nicht Wellness-Freude. Nicht “alles ist gut”. Sondern die Freude, dass ich nicht mehr dasselbe weitergeben muss.

Ich muss den Stamm nicht halten. Ich darf Erde werden. Ich darf Samen setzen.

Peter Gabriels spätere Baum- und Naturbilder, besonders in Olive Tree, verbinden für mich Boden, Samen, Wasser, Wachwerden, Verbindung und neue Lebendigkeit. Gabriel beschreibt den Song selbst als Lied über Verbindung: mit Natur, anderen Spezies und einer grösseren Sensibilität für menschliche Erfahrung.

Das passt zu meiner kommenden Zeit. Ich will nicht nur analysieren, was patriarchal war. Ich will üben, was lebendig wird.

Care und Selfcare im Gleichgewicht. Männer im Kontakt. Väterliche Fragen, auch wenn ich selbst nicht Vater wurde. Brüderlichkeit ohne Verbrüderung gegen andere. Würde vor Rechthaben. Humor statt Verhärtung. Körper vor Konzept. Beziehung statt Befehl. Verantwortung ohne stille Erwartungen.

Für Männer heisst das nicht: am Rand stehen und zustimmen. Es heisst: die eigene Care-Geschichte anschauen. Die eigene Abwesenheit anschauen. Die eigene Verhärtung anschauen. Und dann konkret werden.

Wen frage ich heute wirklich? Wo sorge ich, ohne zu kontrollieren? Wo teile ich Verantwortung sichtbar? Wo höre ich auf, eine Linie zu retten, die mich selbst nicht gefragt hat? Wo beginne ich, neue Männlichkeit zu säen?

Weiterlesen und Weiterhören

Nicola Zambelli: L’orologio — ein Text über eine Uhr als Geschenk des Vaters, über den Grossvater, über Zeit, Erbe, Dinge und die Frage, wie Gegenstände uns nicht nur gehören, sondern uns formen.

Anaïs Nin: “We don’t see things as they are, we see them as we are.” — als Blickachse für die Frage, ob ein Vater den Sohn sieht oder vor allem durch seine eigene Ordnung auf ihn schaut. Das Zitat steht auch als Motto über Zambellis Blog.

Peter Gabriel & Youssou N’Dour: Shaking the Tree — als musikalische Resonanz auf Befreiung, Bewegung und das Schütteln einer alten Ordnung.

Peter Gabriel: Olive Tree und i/o — als Resonanzraum für Samen, Erde, Austausch, Verbindung und neue Lebendigkeit.

männer.ch / MenCare Schweiz — für Männer in Verbindung, väterliches Engagement, männliche Care-Beiträge und gerechte Geschlechterverhältnisse.

KI-Transparenz

Dieser Text ist im Gespräch mit KI entstanden. Die Verantwortung, die biografische Wahrheit, die Auswahl der Bilder und die Haltung liegen bei mir. KI ist Werkzeug; die Unterschrift ist meine. Algoretto sitzt mit im Kreis, aber er führt ihn nicht.

Green Fight heisst für mich: Ich halte den alten Stamm nicht länger künstlich aufrecht. Ich trauere um das, was fehlte. Und ich säe, was ich selbst gebraucht hätte: fragende, liebende, lernende Männlichkeit.

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Fragen, mit denen ich gerne ins Gespräch komme

☐ Wo wurde ich in meiner Zukunft nicht gefragt?

☐ Welchen Stammhalter-Auftrag trage ich noch in mir, obwohl ich ihn nicht mehr erfüllen will?

☐ Wo verwechsle ich Versorgung mit Care?

☐ Wo werde ich abwesend, sobald Gefühl, Bedürfnis oder Trauer auftauchen?

☐ Was müsste in mir fallen, damit ich ansprechbarer werde?

☐ Welche Samen neuer Männlichkeit setze ich heute konkret?

☐ Wie kommen Care und Selfcare in meinem Leben wieder ins Gleichgewicht?

☐ Wo braucht es Männer im Kontakt, statt Männer im Rückzug?

 

 

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