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Feminismen im Plural. Wer trägt den Care-Streik 2027? Von der Frauenbewegung zur Care-Bewegung. Und die Frage, wo Männer darin stehen

Care & Gesellschaft

Feminismen im Plural Wer trägt die Sorge?

Auf einem Platz in Brescia sehe ich Häuser und denke an die Arbeit dahinter: kochen, planen, pflegen, trösten. Die Debatte um einen Care-Streik führt mich zur Frage, wie diese oft unsichtbare Verantwortung sichtbar und fairer verteilt werden kann.

Christof Suppiger · Ursprung 19.07.2026
Überarbeitet am 28.09.2026 · ca. 8 Minuten Lesezeit

Wer trägt das alltägliche Leben – und wer entscheidet über die Bedingungen dieser Arbeit?
KI-Illustration mit fiktiven schwarz-weissen Personas zu diesem Beitrag.
KI-Illustration mit fiktiven Personas. Sie greift Motive des Beitrags auf.

Öffentliche Lesefassung · Persönliche Bezüge wurden entfernt oder in allgemeine Reflexionsfragen umgearbeitet. Dieser Beitrag enthält keine freigegebenen Einzelfalldaten aus einer Forschungserhebung. Die zwei Türen.

Care reicht weit über Erwerbsarbeit hinaus.

Menschen kochen, putzen, trösten, pflegen, erziehen, begleiten, organisieren, erinnern und hören zu. Sie kümmern sich um Kinder, alte Menschen und Menschen mit Beeinträchtigungen.

Und vieles davon erscheint in keiner Lohnabrechnung. Damit berührt der Care-Streik eine grundsätzliche politische Frage:

Was gilt in unserer Gesellschaft überhaupt als Arbeit? Und weiter:

Wer sorgt für wen – und wer trägt die Kosten dafür?

Ein Platz in Brescia und was hinter den Fenstern geschieht.

Während ich an diesem Text arbeite, sitze ich in Brescia auf der Piazza Tebaldo Brusato.

Ein grosser, von alten Bäumen beschatteter Platz. Rundherum Häuser. In der Mitte ein steinerner Bau, der in die Tiefe führt. Strassen führen hinein und wieder hinaus.

Von oben betrachtet: ein Rechteck in der Stadt. Bäume, Dächer, Strassen, ein öffentlicher Raum.

Und ich frage mich: Was geschieht eigentlich gerade hinter all diesen Fenstern – und wer trägt dort wen?

In diesen Häusern wohnen Menschen. Sie schlafen und machen Siesta. Sie stehen auf und gehen einkaufen. Sie kochen. Waschen. Putzen. Trösten. Sie begleiten ein Kind. Sorgen sich um einen alten Menschen. Rufen jemanden an, der allein ist. Hören zu. Planen Termine. Organisieren den nächsten Tag.

Vielleicht sitzt gerade jemand erschöpft auf einem Bett. Vielleicht hält jemand eine Hand.

Vielleicht streiten zwei Menschen und versuchen später, wieder zueinanderzufinden.

Vielleicht schläft jemand eine Stunde am Nachmittag – Self-Care –, um danach wieder für sich und andere da sein zu können.

All das sehe ich nicht. Und doch geschieht es.

Care ist weitgehend unsichtbar.

Der Platz wird für mich deshalb zum Bild: In der Mitte das Öffentliche. Rundherum das vermeintlich Private.

Doch beides lässt sich nicht trennen.

Ohne das Wohnen, Schlafen, Einkaufen, Kochen, Trösten, Pflegen, Zuhören und Planen hinter den Fassaden würde auch das sichtbare Leben draussen nicht funktionieren.

Vielleicht beginnt die Care-Ökonomie genau hier. Nicht erst im Pflegeheim.

Nicht erst im Spital. Sondern in den Wohnungen rund um einen Park.

Und auch bei der Self-Care: bei der Siesta, beim Rückzug, beim Atemholen – dort, wo ein Mensch für sich selbst sorgt, um überhaupt wieder in Beziehung treten und Verantwortung übernehmen zu können.

Care trägt das öffentliche Leben aus dem Unsichtbaren heraus.

Feminismen im Plural.

Die Care-Debatte bringt Menschen und Organisationen mit unterschiedlichen politischen Geschichten und Anliegen in Beziehung.

Eine Gewerkschaft ist keine Frauenorganisation. Ein Berufsverband ist kein Streikkollektiv.

Eine staatliche Gleichstellungsstelle ist keine soziale Bewegung. Und alliance F ist nicht der VPOD.

Trotzdem können sich ihre Anliegen berühren. Vielleicht braucht eine demokratische Gesellschaft genau solche unterschiedlichen Zugänge.

Die feministischen Streikkollektive organisieren sich weitgehend von unten. Sie mobilisieren, demonstrieren, experimentieren mit Streikformen und fragen nach Patriarchat, Kapitalismus, Rassismus, Migration und gesellschaftlicher Macht.

VPOD, Unia und andere Gewerkschaften kommen aus einer anderen Tradition. Ihre Sprache ist die Sprache der Arbeit: Lohn, Arbeitszeit, Personalschlüssel, Gesamtarbeitsvertrag, Mitbestimmung, Streikrecht.

Berufsverbände wiederum fragen zunächst: Wie muss professionelle Pflege organisiert sein, damit Menschen gut versorgt werden können und Pflegende ihren Beruf langfristig ausüben können?

alliance F macht eine andere Art von Politik. Hier geht es stärker um parlamentarische Mehrheiten, Gesetzgebung, politische Repräsentation, Vereinbarkeit und wirtschaftliche Teilhabe.

Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann wiederum handelt im staatlichen Auftrag.

Was soziale Bewegungen einst gegen grosse Widerstände verlangten, wird irgendwann teilweise zu Verfassung, Gesetz und Institution.

Bewegung wird Gesetz. Protest wird Institution.

Und Institutionen werden wiederum von neuen Bewegungen daran erinnert, dass formale Gleichberechtigung noch keine tatsächliche Gleichstellung bedeutet.

Care, Teilhabe und Intersektionalität.

Neuere feministische Bewegungen stellen stärker die Frage, ob die Kategorie „Frau“ allein genügt.

Denn eine gut verdienende Schweizer Akademikerin erlebt andere Bedingungen als eine migrantische Pflegehelferin ohne sicheren Aufenthaltsstatus.

Care ist deshalb auch eine Frage von Klasse, Herkunft, Migration, Behinderung, Aufenthaltsrechten, sexueller und geschlechtlicher Identität – und von politischer Teilhabe.

Hier berührt sich die Care-Debatte für mich mit einer erweiterten Vorstellung von:

Care-Verantwortung (für Kinder, alte Menschen, Menschen mit Beeinträchtigungen sowie Menschen mit ungleichen Teilhaberechten).

Denn Menschen brauchen nicht nur Versorgung. Sie brauchen Stimme. Zugehörigkeit. Rechte.

Und die Möglichkeit, über die Bedingungen ihres Lebens mitzuentscheiden. Und überall taucht dieselbe schwierige Frage auf:

Wie kann Care überhaupt bestreikt werden?

Eine Fabrik kann stillstehen. Ein Büro kann geschlossen bleiben.

Aber kann eine Mutter ihr Kleinkind bestreiken? Kann ein Sohn seinen pflegebedürftigen Vater bestreiken?

Kann eine Pflegefachperson ihre Patient:innen allein lassen? Natürlich nicht einfach.

Gerade deshalb zwingt der Care-Streik dazu, den Begriff des Streiks neu zu denken.

Vielleicht braucht es Betreuungsinseln, Stellvertretungen, gemeinschaftliche Sorge, symbolische Arbeitsniederlegungen und neue Formen gegenseitiger Absicherung.

Ein Care-Streik wirft damit auch eine praktische Frage auf:

Wie können Menschen für bessere Care-Bedingungen kämpfen, ohne diejenigen im Stich zu lassen, die auf Care angewiesen sind?

Und die Männer?

Hier beginnt für mich die persönliche Frage. Wo stehe ich als Mann in dieser Bewegung?

Bin ich solidarischer Zuschauer? Unterstützer?

Oder bin ich selbst gemeint? Ich glaube: Wir Männer sind gemeint.

Nicht zuerst als Schuldige. Aber als Verantwortliche.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur: Was fordern Frauen?

Sondern auch:

Welche Care-Arbeit leisten Männer – und welche lassen wir weiterhin andere für uns leisten?

Wer fragt zu Hause:

Wie geht es dir?
Was brauchst du?
Was kann ich übernehmen?
Wer organisiert die Termine?
Wer bemerkt, dass jemand erschöpft ist?
Wer pflegt die Beziehungen?
Wer kümmert sich um Kinder und alte Eltern?
Wer hält den Kontakt?
Wer tröstet?

Care beginnt möglicherweise lange vor dem Pflegeheim. Vielleicht beginnt sie mit Aufmerksamkeit.

Und genau dort berührt der Care-Streik mein Projekt Männer im Kontakt. Ein Mann, der Verantwortung übernimmt, muss nicht zum besseren Helden werden.

Vielleicht muss er zunächst lernen, anwesend zu sein. Zuzuhören.

Sich berühren zu lassen. Zu fragen.

Care zu übernehmen, ohne dafür besonders gelobt werden zu müssen.

Und gesellschaftliche Strukturen zu unterstützen, die Care nicht länger als private Aufgabe einzelner Frauen behandeln.

Vielleicht liegt hier eine gemeinsame politische Bewegung.

Die Diskussion über einen Care-Streik könnte über die Mobilisierung an einem einzelnen Tag hinausreichen.

Sie könnte zu einer gesellschaftlichen Verhandlung darüber beitragen, wie wir miteinander leben wollen.

Die Gewerkschafterin fragt nach Lohn und Arbeitszeit. Die Pflegefachperson nach Qualität und genügend Personal.

Die Mutter nach Entlastung. Der Vater nach seiner Verantwortung.

Die Migrantin nach Arbeits- und Aufenthaltsrechten. Die autonome Feministin nach Patriarchat und Kapitalismus.

Die liberale Feministin nach Selbstbestimmung und gleichen Chancen. alliance F sucht parlamentarische Mehrheiten.

Das EBG arbeitet am staatlichen Gleichstellungsauftrag.

Intersektionale Feminismen fragen, wer innerhalb unserer Kategorien erneut unsichtbar wird.

Und Männer könnten beginnen zu fragen: Was hat Care mit mir zu tun?

Vielleicht brauchen wir dafür tatsächlich den Plural. Feminismen.

Nicht als beliebige Sammlung von Meinungen.

Sondern als demokratischen Raum, in dem unterschiedliche Geschichten, Interessen und Konflikte sichtbar bleiben dürfen.

Die Auseinandersetzung um Care könnte ein solcher Raum werden. Nicht alle müssen dasselbe denken.

Aber vielleicht können viele gemeinsam eine einfache Wahrheit sichtbar machen: Ohne Care steht nicht nur die Wirtschaft still. Ohne Care gibt es keine Gesellschaft.

Und während ich auf der Piazza Tebaldo Brusato unter den Bäumen sitze, denke ich noch einmal an die Häuser rundherum.

An all das, was ich nicht sehe.

An Menschen, die schlafen, einkaufen, kochen, planen, pflegen, trösten und füreinander da sind.

Vielleicht beginnt Politik manchmal genau dort, wo wir anfangen, das Unsichtbare zu sehen.

FAZIT · HEUTIGER FORSCHUNGSSTAND

Was das für Gemeinschaft wagen bedeutet.

Care ist eine Frage von Rollen, Rang und Rahmen. Gute Absichten reichen nicht, wenn Zeit, Geld und Mitentscheidung ungleich verteilt bleiben. Stimme und Selbstbestimmung beziehen auch jene ein, die Unterstützung erhalten. Eine Caring Community fragt deshalb nicht nur, wer hilft, sondern wer gehört wird und wer selbst entscheiden kann.

Aktuelle Grundlage · 28.09.2026: 8R Tragfähigkeit · 5S Sicherheit · Care & Self-Care · Resonanz.

AUF DEM WEG ZU EHRLICHER GEMEINSCHAFT

Vier Perspektiven auf diesen Artikel.

Wo stehen wir – in unseren Beziehungen, in der Nachbarschaft und als Gesellschaft? Sicherheit, Tragfähigkeit, Resonanz und gesellschaftliche Verantwortung gehören zusammen.

5S · Wie sicher ist dieser Raum heute?

Schutz · Stimme · Stopp · Stabilität · Selbstbestimmung

Sicherheit betrifft Sorgende und Menschen, die Sorge empfangen. Beide brauchen Schutz, Stimme und Selbstbestimmung. Ein Stopp muss möglich sein, ohne notwendige Unterstützung unbedacht abbrechen zu lassen. Stabilität verlangt gemeinsam geklärte Vertretungen und verlässliche Zuständigkeiten.

8R · Was trägt unser Miteinander?

Räume · Rollen · Rahmen · Rhythmen · Richtung · Reife · Rang · Reinfall

Sorge braucht zugängliche Räume, klare Rollen, faire Rahmen und tragbare Rhythmen. Richtung fragt nach dem guten Leben für alle Beteiligten. Reife lässt Interessenkonflikte sichtbar werden. Rang prüft, wer entscheiden darf; Reinfall macht Überlastung und Fehlverteilungen besprechbar.

Resonanz · Was kommt zwischen uns an?

Querdimension durch alle acht R und den gemeinsamen Erfahrungsraum. Resonanz bleibt unverfügbar.

Wird die Erfahrung sorgender Menschen tatsächlich gehört? Dürfen auch Menschen, die Unterstützung erhalten, widersprechen? Resonanz bedeutet, ihre Antworten nicht in eine vorgefertigte Erzählung einzupassen, sondern die eigene Planung davon verändern zu lassen.

Gesellschaft · Wie wollen wir zusammenleben?

Friedliche Koexistenz · gegenseitige Fürsorge · Zugehörigkeit · gemeinsame Verantwortung

Hier liegt die gesellschaftliche Perspektive im Zentrum: Care verbindet Haushalt, Nachbarschaft, Erwerbsarbeit und Politik. Friedliche Koexistenz braucht faire Lebensbedingungen. Eine integrale Sicht verbindet Selbstsorge, soziale Gerechtigkeit und den sorgsamen Umgang mit ökologischen Lebensgrundlagen; sie fragt auch, wer die Kosten trägt.

INNEHALTEN

BEI MIR ANKOMMEN.

Ich denke an den heutigen Tag. Wer hat etwas vorbereitet, an mich gedacht, aufgeräumt, zugehört oder einen Termin im Blick behalten? Was habe ich selbst beigetragen? Ich nehme diese Arbeit wahr, ohne daraus sofort eine Rechnung zwischen Menschen zu machen.

Ein Moment genügt. Du kannst diese Pause auch überspringen.

VOM LESEN INS LEBEN

Ein kleiner Alltagsversuch.

Macht eine Sorgeaufgabe sichtbar: Wer bemerkt sie, plant sie, führt sie aus und denkt danach weiter? Klärt gemeinsam, ob die Verteilung passt. Wer etwas übernimmt, übernimmt nach Absprache auch die Verantwortung dafür – nicht nur einen einzelnen Handgriff.

OFFEN WEITERFRAGEN

Was klingt bei dir an?

Eine Frage reicht. Auch eine andere Erfahrung oder ein Widerspruch ist willkommen.

  1. Welche Sorgearbeit bleibt in deinem Umfeld weitgehend unsichtbar?
  2. Was erleichtert dir Selbstsorge – und was erschwert sie?
  3. Wer hat bei der Verteilung von Care zu wenig Mitsprache?
  4. Welche Erfahrung von Sorgearbeit wird bisher zu wenig gehört?
  5. Wie könnten persönliche Selbstsorge, faire Sorgearbeit und ökologische Verantwortung gemeinsam Platz finden?

Ich freue mich auf deine Perspektive.

Was hat dich berührt, irritiert oder zum Nachdenken gebracht? Du kannst mir dazu schreiben. Ob daraus ein Gespräch wird und welcher Rahmen dafür passt, klären wir gemeinsam.

Vertrauensvolle Tür · persönlichen Kontakt klären

Der Link führt zuerst zur vertrauensvollen Tür. Eine Nachricht ist keine Forschungseinwilligung und keine Freigabe zur Veröffentlichung.

Herkunft und Einordnung.

Ausgangspunkt ist der Essay vom 19. Juli 2026 zum Care-Streik 2027. Die Neufassung konzentriert sich auf die bleibenden Fragen der Sorgeverteilung. Sie ist keine aktuelle Termin- oder Organisationsauskunft zum Streik.

Persönliche Beobachtung, Deutung und Forschungsfragen sind als solche zu lesen. Ältere Ausgangsfassungen werden hier zum Schutz persönlicher Bezüge nicht verlinkt.

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KI-Transparenz: KI ist Werkzeug — die Unterschrift ist meine.

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