
Der Care-Streik 2027 bewegt mich. Mir wurde am 14.6.26 im Kaserneareal ein Flyer mit ein paar mündlich überbrachten Calls ein Flyer zugesteckt, mit entsprechender Einladung.
Interessanterweise ist er bei mir über den VPOD angekommen – also über eine Gewerkschaft, die ich aus Bildung, öffentlichem Dienst und sozialen Berufen kenne. Andere begegnen ihm über die Unia. Pflegende vielleicht über ihren Berufsverband. Wieder andere über ein feministisches Streikkollektiv, eine politische Partei, einen Frauenverband oder eine Gleichstellungsstelle.
Schon darin zeigt sich etwas Wesentliches:
Es gibt nicht den einen Feminismus. Es gibt Feminismen.
Und vielleicht ist gerade der Care-Streik vom 14. Juni 2027 ein Ort, an dem unterschiedliche politische Geschichten, Sprachen und Interessen aufeinandertreffen.
Woher kommt der Care-Streik 2027?
Der Care-Streik 2027 ist nicht einfach eine Kampagne des VPOD oder der Unia. Er wächst aus der feministischen Streikbewegung und ihren regionalen Kollektiven heraus und verbindet sich zunehmend mit Gewerkschaften und Beschäftigten aus Care-Berufen.
Die Unia stellt dabei besonders die bezahlte Care-Arbeit ins Zentrum: Pflege und Betreuung, Arbeitsbedingungen, gesellschaftliche Anerkennung und Entlohnung.
Gleichzeitig geht Care weit über Erwerbsarbeit hinaus.
Menschen kochen, putzen, trösten, pflegen, erziehen, begleiten, organisieren, erinnern und hören zu. Sie kümmern sich um Kinder, alte Menschen und Menschen mit Beeinträchtigungen.
Und vieles davon erscheint in keiner Lohnabrechnung.
Damit berührt der Care-Streik eine grundsätzliche politische Frage:
Was gilt in unserer Gesellschaft überhaupt als Arbeit?
Und weiter:
Wer sorgt für wen – und wer trägt die Kosten dafür?
Ein Platz in Brescia – und was hinter den Fenstern geschieht
Während ich an diesem Text arbeite, sitze ich in Brescia auf der Piazza Tebaldo Brusato.
Ein grosser, von alten Bäumen beschatteter Platz. Rundherum Häuser. In der Mitte ein steinerner Bau, der in die Tiefe führt. Strassen führen hinein und wieder hinaus.
Von oben betrachtet: ein Rechteck in der Stadt. Bäume, Dächer, Strassen, ein öffentlicher Raum.
Und ich frage mich:
Was geschieht eigentlich gerade hinter all diesen Fenstern – und wer trägt dort wen?
In diesen Häusern wohnen Menschen. Sie schlafen und machen Siesta. Sie stehen auf und gehen einkaufen. Sie kochen. Waschen. Putzen. Trösten. Sie begleiten ein Kind. Sorgen sich um einen alten Menschen. Rufen jemanden an, der allein ist. Hören zu. Planen Termine. Organisieren den nächsten Tag.
Vielleicht sitzt gerade jemand erschöpft auf einem Bett.
Vielleicht hält jemand eine Hand.
Vielleicht streiten zwei Menschen und versuchen später, wieder zueinanderzufinden.
Vielleicht schläft jemand eine Stunde am Nachmittag – Selfcare –, um danach wieder für sich und andere da sein zu können.
All das sehe ich nicht.
Und doch geschieht es.
Care ist weitgehend unsichtbar.
Der Platz wird für mich deshalb zum Bild: In der Mitte das Öffentliche. Rundherum das vermeintlich Private.
Doch beides lässt sich nicht trennen.
Ohne das Wohnen, Schlafen, Einkaufen, Kochen, Trösten, Pflegen, Zuhören und Planen hinter den Fassaden würde auch das sichtbare Leben draussen nicht funktionieren.
Vielleicht beginnt die Care-Ökonomie genau hier.
Nicht erst im Pflegeheim.
Nicht erst im Spital.
Sondern in den Wohnungen rund um einen Park.
Und auch bei der Selfcare: bei der Siesta, beim Rückzug, beim Atemholen – dort, wo ein Mensch für sich selbst sorgt, um überhaupt wieder in Beziehung treten und Verantwortung übernehmen zu können.
Care trägt das öffentliche Leben aus dem Unsichtbaren heraus.
Vom Frauenstreik zum Care-Streik
Der Care-Streik 2027 steht in der Schweiz in einer längeren Geschichte.
1991 gingen Hunderttausende Frauen für Gleichstellung auf die Strasse und legten ihre Arbeit nieder. Die Verbindung von Frauenbewegung, Arbeiterinnen und Gewerkschaften spielte dabei eine zentrale Rolle.
2019 wurde der 14. Juni erneut zu einem historischen feministischen Mobilisierungstag.
Und nun verschiebt sich die Perspektive nochmals:
Vom Frauenstreik zum feministischen Streik zum Care-Streik.
Das ist mehr als eine sprachliche Veränderung.
Denn Care verbindet Erwerbsarbeit und Privatleben, Krankenhaus und Kinderzimmer, Schule und Altersheim, Spitex und Küchentisch.
Care stellt eine unbequeme wirtschaftspolitische Frage:
Wer ermöglicht eigentlich das Leben, auf dem unsere Wirtschaft aufbaut?
Feminismen im Plural
Der Care-Streik bringt Menschen und Organisationen zusammen, die politisch keineswegs dasselbe denken.
Eine Gewerkschaft ist keine Frauenorganisation.
Ein Berufsverband ist kein Streikkollektiv.
Eine staatliche Gleichstellungsstelle ist keine soziale Bewegung.
Und alliance F ist nicht der VPOD.
Trotzdem können sich ihre Anliegen berühren.
Vielleicht braucht eine demokratische Gesellschaft genau solche unterschiedlichen Zugänge.
Die feministischen Streikkollektive organisieren sich weitgehend von unten. Sie mobilisieren, demonstrieren, experimentieren mit Streikformen und fragen nach Patriarchat, Kapitalismus, Rassismus, Migration und gesellschaftlicher Macht.
VPOD, Unia und andere Gewerkschaften kommen aus einer anderen Tradition. Ihre Sprache ist die Sprache der Arbeit: Lohn, Arbeitszeit, Personalschlüssel, Gesamtarbeitsvertrag, Mitbestimmung, Streikrecht.
Berufsverbände wiederum fragen zunächst: Wie muss professionelle Pflege organisiert sein, damit Menschen gut versorgt werden können und Pflegende ihren Beruf langfristig ausüben können?
alliance F macht eine andere Art von Politik. Hier geht es stärker um parlamentarische Mehrheiten, Gesetzgebung, politische Repräsentation, Vereinbarkeit und wirtschaftliche Teilhabe.
Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann wiederum handelt im staatlichen Auftrag.
Was soziale Bewegungen einst gegen grosse Widerstände verlangten, wird irgendwann teilweise zu Verfassung, Gesetz und Institution.
Bewegung wird Gesetz. Protest wird Institution.
Und Institutionen werden wiederum von neuen Bewegungen daran erinnert, dass formale Gleichberechtigung noch keine tatsächliche Gleichstellung bedeutet.
Auch die alten Frauenbewegungen gehören dazu
Eine Geschichte der Feminismen sollte ihre Vorfahrinnen nicht vergessen.
Emilie Lieberherr gehört dazu.
Christiane Brunner gehört dazu.
Und auch Alice Schwarzer gehört in eine Geschichte des deutschsprachigen Feminismus – selbst dort, wo heutige Feminist:innen ihre Positionen scharf kritisieren.
Denn Feminismen im Plural bedeutet nicht, Unterschiede zuzudecken.
Im Gegenteil.
Es bedeutet, die Konflikte sichtbar zu halten: zwischen Gleichheits- und Differenzfeminismus, zwischen liberalem und sozialistischem Feminismus, zwischen autonomer Frauenbewegung und institutioneller Politik, zwischen einem Feminismus, der von Frauen als politischer Kategorie ausgeht, und intersektionalen oder queeren Feminismen, die diese Kategorie erweitern oder grundsätzlich befragen.
Auch diese Auseinandersetzungen gehören zur Geschichte.
Care, Teilhabe und Intersektionalität
Neuere feministische Bewegungen stellen stärker die Frage, ob die Kategorie „Frau“ allein genügt.
Denn eine gut verdienende Schweizer Akademikerin erlebt andere Bedingungen als eine migrantische Pflegehelferin ohne sicheren Aufenthaltsstatus.
Care ist deshalb auch eine Frage von Klasse, Herkunft, Migration, Behinderung, Aufenthaltsrechten, sexueller und geschlechtlicher Identität – und von politischer Teilhabe.
Hier berührt sich die Care-Debatte für mich mit einer erweiterten Vorstellung von:
Care-Verantwortung (für Kinder, alte Menschen, Menschen mit Beeinträchtigungen sowie Menschen mit ungleichen Teilhaberechten).
Denn Menschen brauchen nicht nur Versorgung.
Sie brauchen Stimme.
Zugehörigkeit.
Rechte.
Und die Möglichkeit, über die Bedingungen ihres Lebens mitzuentscheiden.
Care ist internationale Politik
Der Care-Streik 2027 ist eine Schweizer Mobilisierung – aber seine Fragen sind international.
Die Internationale Arbeitsorganisation ILO behandelt Care längst als Frage von Arbeit, Gleichstellung und sozialer Gerechtigkeit.
Parallel entstehen internationale Bewegungsnetzwerke. Das Netzwerk Care Revolution arbeitet ebenfalls auf einen feministischen Streik- und Aktionstag 2027 hin.
Historisch führt eine Linie zum isländischen Frauenstreik von 1975 und weiter zu den transnationalen feministischen Streikbewegungen der vergangenen Jahrzehnte.
Es gibt dabei offenbar kein internationales Hauptquartier des Care-Streiks.
Eher entsteht eine Bewegungsfamilie.
Menschen lernen voneinander.
Ideen wandern über Grenzen.
Und überall taucht dieselbe schwierige Frage auf:
Wie kann Care überhaupt bestreikt werden?
Eine Fabrik kann stillstehen.
Ein Büro kann geschlossen bleiben.
Aber kann eine Mutter ihr Kleinkind bestreiken?
Kann ein Sohn seinen pflegebedürftigen Vater bestreiken?
Kann eine Pflegefachperson ihre Patient:innen allein lassen?
Natürlich nicht einfach.
Gerade deshalb zwingt der Care-Streik dazu, den Begriff des Streiks neu zu denken.
Vielleicht braucht es Betreuungsinseln, Stellvertretungen, gemeinschaftliche Sorge, symbolische Arbeitsniederlegungen und neue Formen gegenseitiger Absicherung.
Der Care-Streik könnte damit selbst zu einem gesellschaftlichen Labor werden:
Wie können Menschen für bessere Care-Bedingungen kämpfen, ohne diejenigen im Stich zu lassen, die auf Care angewiesen sind?
Und die Männer?
Hier beginnt für mich die persönliche Frage.
Wo stehe ich als Mann in dieser Bewegung?
Bin ich solidarischer Zuschauer?
Unterstützer?
Oder bin ich selbst gemeint?
Ich glaube: Wir Männer sind gemeint.
Nicht zuerst als Schuldige.
Aber als Verantwortliche.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur:
Was fordern Frauen?
Sondern auch:
Welche Care-Arbeit leisten Männer – und welche lassen wir weiterhin andere für uns leisten?
Wer fragt zu Hause:
Care beginnt möglicherweise lange vor dem Pflegeheim.
Vielleicht beginnt sie mit Aufmerksamkeit.
Und genau dort berührt der Care-Streik mein Projekt Männer im Kontakt.
Ein Mann, der Verantwortung übernimmt, muss nicht zum besseren Helden werden.
Vielleicht muss er zunächst lernen, anwesend zu sein.
Zuzuhören.
Sich berühren zu lassen.
Zu fragen.
Care zu übernehmen, ohne dafür besonders gelobt werden zu müssen.
Und gesellschaftliche Strukturen zu unterstützen, die Care nicht länger als private Aufgabe einzelner Frauen behandeln.
Vielleicht liegt hier eine gemeinsame politische Bewegung
Der Care-Streik 2027 könnte mehr sein als ein Frauenstreik unter einem neuen Namen.
Er könnte eine gesellschaftliche Verhandlung darüber werden, wie wir miteinander leben wollen.
Die Gewerkschafterin fragt nach Lohn und Arbeitszeit.
Die Pflegefachperson nach Qualität und genügend Personal.
Die Mutter nach Entlastung.
Der Vater nach seiner Verantwortung.
Die Migrantin nach Arbeits- und Aufenthaltsrechten.
Die autonome Feministin nach Patriarchat und Kapitalismus.
Die liberale Feministin nach Selbstbestimmung und gleichen Chancen.
alliance F sucht parlamentarische Mehrheiten.
Das EBG arbeitet am staatlichen Gleichstellungsauftrag.
Intersektionale Feminismen fragen, wer innerhalb unserer Kategorien erneut unsichtbar wird.
Und Männer könnten beginnen zu fragen:
Was hat Care mit mir zu tun?
Vielleicht brauchen wir dafür tatsächlich den Plural.
Feminismen.
Nicht als beliebige Sammlung von Meinungen.
Sondern als demokratischen Raum, in dem unterschiedliche Geschichten, Interessen und Konflikte sichtbar bleiben dürfen.
Der Care-Streik 2027 könnte ein solcher Raum werden.
Nicht alle müssen dasselbe denken.
Aber vielleicht können viele gemeinsam eine einfache Wahrheit sichtbar machen:
Ohne Care steht nicht nur die Wirtschaft still. Ohne Care gibt es keine Gesellschaft.
Und während ich auf der Piazza Tebaldo Brusato unter den Bäumen sitze, denke ich noch einmal an die Häuser rundherum.
An all das, was ich nicht sehe.
An Menschen, die schlafen, einkaufen, kochen, planen, pflegen, trösten und füreinander da sind.
Vielleicht beginnt Politik manchmal genau dort, wo wir anfangen, das Unsichtbare zu sehen.
Bildstrecke: Piazza Tebaldo Brusato, Brescia, Juli 2026. Eigene Fotografien. Der öffentliche Platz und die Häuser rundherum als Ausgangspunkt einer persönlichen Reflexion über sichtbare und unsichtbare Care-Arbeit.
Dieser Text entstand im Dialog mit KI. Die Recherche nach aktuellen Quellen und die Strukturierung wurden durch KI unterstützt. Die persönliche Perspektive, die Fotografien, Fragestellungen und die inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Fragen, mit denen ich gerne mit dir in Kontakt komme
☐ Was bedeutet Care für dich persönlich – jenseits von Beruf und Familie?
☐ Welche Care-Arbeit leistest du selbst, welche wird für dich geleistet?
☐ Wo wird Care in deinem Alltag sichtbar – und wo bleibt sie unsichtbar?
☐ Was bedeutet es konkret, unbezahlte Care-Arbeit zu bestreiken?
☐ Wer kann streiken – und wer kann es sich nicht leisten?
☐ Wie schützen wir während eines Care-Streiks Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind?
☐ Werden migrantische Care-Arbeiter:innen tatsächlich mitentscheiden können – oder wird wieder über sie gesprochen?
☐ Welche Feminismen findest du in dieser Bewegung wieder – und wo spürst du Widerspruch?
☐ Was bedeutet Selfcare für dich – und wann wird Selbstsorge zum Privileg?
☐ Was wäre ein Care-Streik, bei dem Männer nicht nur solidarisch danebenstehen, sondern ihren eigenen Anteil an Care, Macht und Verantwortung untersuchen und konkret Care übernehmen, damit andere streiken können?
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A) Für das Gelingen des Workshops ist es erforderlich, dass TeilnehmerInnen von Beginn bis Ende anwesend sind. Sollte Dir dies nicht möglich sein, wende Dich bitte vor der Anmeldung an die Veranstalter.
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