Ein lernender Mann –
Nähe lernen jenseits von Status und Rolle

Iwan Gubler, Autor von MANN SEIN und Begleiter für Beziehung, Selbstannahme und verkörperte Regulation. Sein Impuls „Nähe ohne Raum wird Enge“ berührt einen Kern dieses Textes. Mehr unter: wiederverbunden.ch  

Was macht eine beziehungsfähige, reife und zukunftsfähige Männlichkeit aus? Ein Blogtext über Freundschaft, Nähe, psychologische Sicherheit und Gemeinschaft – inspiriert von aktueller Forschung sowie E. Fox, Scott Peck, Otto Scharmer, Barbara Küchler, Markus Theunert, Flavia Kleiner, Amy Edmondson, Thomas Gartenmann, Iwan Gubler, Bobby McFerrin, Peter Honegger und einer gelebten Vater-Sohn-Beziehung über politische Unterschiede hinweg.

Mich interessiert immer weniger das Bild vom fertigen Mann, eher der vollkommen unfertige Mann, eben ein lernender Mann.

Eine neue Studie von Emily C. Fox: "Are White Men Missing Out?" hat mich aufhorchen lassen: Nicht einfach Männer berichten die geringste Nähe in Freundschaften, sondern vor allem weisse Männer. Zugleich zeigt die Studie etwas sehr Konkretes: Freundschaftsnähe wächst besonders dort, wo Menschen häufiger kommunizieren, über Beziehungen sprechen und emotionale Unterstützung suchen. Das macht die Sache feiner und ehrlicher. Es geht nicht nur um Geschlecht, sondern auch um kulturell geformte Männlichkeit, soziale Lage und Beziehungsmuster.

Ein lernender Mann

Mich interessiert immer weniger das Bild vom fertigen Mann, eher der vollkommen unfertige Mann, eben ein lernender Mann.

Einer, der nicht vor allem etwas darstellen muss, sondern etwas lernen darf. Einer, der sich nicht hinter Wissen, Status, Beruf, Ironie oder Souveränität verschanzt. Einer, der in Beziehung bleibt, auch wenn es unsicher wird. Einer, der nicht nur handelt und entscheidet, sondern auch wahrnimmt, zuhört, innehält und sich berühren lässt.

Dass dieser Satz für mich nicht bloss Theorie ist, spüre ich auch in meinem eigenen Text Vollkommen unfertig. Dort geht es um das Kündigen des Müssen, um einen tastenden Übergang zwischen Zürich und Brescia, zwischen Pensionierung und Aufbruch, zwischen Einkommenslücke und Lebendigkeit. Dort steht auch dieser schlichte Satz: gut unterwegs, vollkommen unfertig, lebendig.

Was die Studie sichtbar macht

Die Studie zeigt nicht einfach ein pauschales Männerdefizit. Sie zeigt genauer: Die oft erzählte Lücke in der Freundschaftsnähe wird stark von weissen Männern getragen. Für mich heisst das: Vielleicht ist das Problem nicht der Mann an sich. Vielleicht ist das Problem eine Form von Männlichkeit, die Nähe zu schnell in Kontrolle, Funktion, Selbstgenügsamkeit, Statusbewusstsein oder Rückzug verwandelt.

Der folgende Text ist deshalb keine Zusammenfassung der Studie allein, sondern eine Weiterführung. Mit Stimmen und Inspirationen, die mir helfen, diese Frage nach einer beziehungsfähigen und zukunftstauglichen Männlichkeit weiterzudenken.

Scott Peck: Gemeinschaft beginnt nach der Fassade

Bei Scott Peck berührt mich seit langem, dass echte Gemeinschaft nicht auf der Oberfläche entsteht. Erst wenn Pseudogemeinschaft und Chaos nicht mehr überspielt werden, kann etwas Ehrlicheres auftauchen. Für Männer ist das oft heikel. Denn viele von uns haben gelernt, Zugehörigkeit eher über Beherrschung als über Berührbarkeit zu sichern.

Darum hilft mir Peck, Männlichkeit nicht als fertige Form zu denken, sondern als Weg durch Unsicherheit hindurch. Nicht die Fassade macht uns gemeinschaftsfähig. Eher die Bereitschaft, sie nicht immer verteidigen zu müssen.

Otto Scharmer: hören, bevor man sich behauptet

Bei Otto Scharmer berührt mich die Qualität des Hörens. Die Ebenen des Zuhörens laden dazu ein, nicht schon mit der Antwort beschäftigt zu sein, nicht nur das Eigene zu bestätigen, sondern wirklich beim anderen anzukommen.

Für mich ist das eine Schule beziehungsfähiger Männlichkeit. Ein lernender Mann hört nicht nur, um klug zu wirken. Er hört, um sich verwandeln zu lassen. Er hört nicht bloss aus Gewohnheit, sondern aus Gegenwart. Vielleicht ist das schon ein Stück Zukunft: weniger Reaktion, mehr Resonanz.

Barbara Küchler: Kraft und Beziehung zugleich halten

Bei Barbara Küchler finde ich einen Punkt besonders stark: Reifung zeigt sich nicht darin, dass ich entweder wirksam oder verbunden bin. Sondern darin, dass ich beides zugleich halten kann. Einfluss, ohne Dominanz. Klarheit, ohne Kälte. Beziehung, ohne Selbstverleugnung.

Gerade darin liegt für mich psychologische Sicherheit im tieferen Sinn: nicht klein werden zu müssen, aber auch nicht in Härte flüchten zu müssen. Ein lernender Mann muss seine Kraft nicht mehr auf Kosten der Beziehung beweisen.

Markus Theunert: Männlichkeit als Lernfeld und Beitrag

Markus Theunert inspiriert mich, weil bei ihm Männlichkeit nicht als Besitzstand erscheint, sondern als Lernfeld. Nicht als letzte Bastion. Sondern als Beitrag zu gereifteren Geschlechterverhältnissen und zu einer reiferen Gesellschaft.

Das ist für mich entscheidend. Ein lernender Mann ist nicht einfach einer, der sich selber optimiert. Sondern einer, der versteht, dass seine Art zu hören, zu sprechen, zu führen, zu lieben und Konflikte zu tragen immer auch gesellschaftliche Folgen hat.

Flavia Kleiner: öffentliche Beziehungsfähigkeit

Flavia Kleiner erinnert mich daran, dass Reife nie nur privat ist. Sie hat eine öffentliche Form. Demokratie, Gleichstellung, Zivilgesellschaft und die Frage, wie wir Unterschiede aushalten, ohne einander zu entwürdigen, gehören für mich direkt zum Thema dieses Textes.

Ein lernender Mann übt Nähe nicht nur im kleinen Kreis. Er fragt auch, wie seine Haltung zu freieren, gerechteren und beziehungsfähigeren gesellschaftlichen Räumen beiträgt. Das gefällt mir an dieser Inspiration: Nähe wird nicht zum Kuschelbegriff. Sie bekommt politische Würde.

Amy Edmondson: psychologische Sicherheit und der richtige Umgang mit Fehlern

Amy Edmondson erinnert mich daran, dass psychologische Sicherheit nicht heisst, dass alles bequem wird. Sie heisst, dass Menschen sprechen, Fragen stellen, Fehler zugeben und lernen dürfen, ohne sozial beschämt zu werden.

Für meinen Text ist das zentral. Nähe, Gemeinschaft und Reifung wachsen nicht dort, wo niemand stolpern darf. Sondern dort, wo ein Fehltritt nicht gleich die Würde kostet. Vielleicht braucht der lernende Mann genau das: eine Kultur, in der Irrtum nicht Beschämung heisst, sondern Lernraum.

Thomas Gartenmann: Selbstregulation vor Selbstbehauptung

Thomas Gartenmann bringt für mich die körperliche und nervensystemische Ebene hinein. Beziehungsfähige Männlichkeit beginnt oft nicht erst beim Gespräch über Gefühle. Sie beginnt früher. Dort, wo ein Mensch sich selber genug regulieren kann, dass er nicht sofort in Härte, Rückzug, Abwehr oder Übersteuerung kippt.

Bevor ich den Raum reguliere, reguliere ich mich selbst. Diesen Satz kenne ich auch aus meinem eigenen Alltag. Wo Selbstregulation fehlt, wird aus Unsicherheit schnell Kontrolle. Wo etwas mehr innere Sicherheit da ist, werden Wahlfreiheit, Kontakt und Co-Regulation wahrscheinlicher.

Iwan Gubler: Nähe ohne Raum wird Enge

Iwan Gubler kommt für mich als weitere Inspiration genau an einem wunden und hilfreichen Punkt hinein. Sein Buch MANN SEIN wird als Weg der Selbstbefreiung und Selbstannahme beschrieben. Auf seiner Website erscheint zudem ein Ton von Beziehung, Frequenz, Klang und achtsamer Begleitung. Das Bild mit dem Satz „Nähe ohne Raum wird Enge“ bringt etwas auf den Punkt, das für den lernenden Mann zentral ist: Nähe ist nicht Verschmelzung. Nähe braucht Atem, Grenze, Eigenraum und Kontakt zugleich.

Das gefällt mir besonders, weil es den alten Gegensatz auflöst: Entweder autonom oder verbunden. Vielleicht ist reife Männlichkeit gerade darin lernend, dass sie beides besser halten kann. Nicht Rückzug statt Nähe. Nicht Enge statt Liebe. Sondern Beziehung mit Raum.

Bobby McFerrin: jede Stimme hat Platz im Kreis

Bei Bobby McFerrin liebe ich die Kreisform. Jede Stimme hat Platz. Man muss nicht dominieren. Man muss nicht glänzen. Man darf beitragen, antworten, tragen und getragen werden.

Für mich ist das mehr als Musik. Es ist ein soziales Bild von Nähe. Vielleicht ist das eine der schönsten Gegenfiguren zur gepanzerten Männlichkeit: nicht über dem Kreis stehen, sondern im Kreis mitschwingen.

Peter Honegger: der Clown als Schule entpanzerter Würde

Peter Honeggers Verbindung von Clown, Improvisation und Meditation passt für mich verblüffend gut hier hinein. Der Clown muss nicht geschniegelt sein. Er darf warten, scheitern, staunen, stolpern, zu viel sein, zu wenig sein. Gerade darin entsteht Würde.

Vielleicht erlaubt der Clown etwas, was viele Männer kaum geübt haben: lächerlich zu sein, ohne entwertet zu werden. Berührbar zu sein, ohne die Form zu verlieren. Im Spiel aufzutauchen, statt sich hinter Rolle und Status zu verstecken.

Mein Vater: eine andere Schule von Männlichkeit

Und dann ist da noch mein Vater. Im Oktober wird er hundert. Er gehört einer anderen Generation an: geprägt von Nachkriegszeit, Industrie, Pflichtgefühl, bürgerlich-freisinnigem Denken, wirtschaftlicher Verantwortung und einem langen Berufsleben. Er steht für eine andere Schule von Männlichkeit als ich.

Vielleicht wäre es zu einfach, daraus eine hübsche Geschichte zu machen: hier der alte Vater, dort der neue Sohn. So einfach ist es nicht. In politischen Fragen, etwa rund um Neutralität und Europa, liegen wir nicht einfach deckungsgleich. Und doch ist er für mich in diesem Text eine wichtige Figur. Nicht weil er meine Sicht bestätigt. Sondern weil ich an unserer Beziehung lerne, dass Verbundenheit nicht Übereinstimmung voraussetzt.

Vielleicht ist das auch eine Form des lernenden Mannes: nicht nur Nähe mit Gleichgesinnten zu suchen, sondern Unterschied tragen zu lernen. Mit Respekt. Mit Humor. Mit offenem Ohr. Mein Vater erinnert mich daran, dass Verlässlichkeit, Pflichtgefühl und Lebensleistung nicht einfach alte Werte sind, die entsorgt gehören. Und ich hoffe, dass ich für ihn manchmal verkörpere, dass Zuhören, Verletzlichkeit und Gemeinschaft keine Schwäche sind.

Vielleicht liegt zwischen uns nicht immer Konsens. Aber eine Beziehung. Und manchmal ist genau das schon viel.

Eine Männlichkeit für Zukunft und Gemeinschaft

Was mich interessiert, ist darum immer weniger die Frage, wie ein Mann sein sollte. Mich interessiert die Frage, wie ein Mann so da sein kann, dass Nähe möglich wird. In Freundschaft. In Gruppen. In Gemeinschaft. Im Älterwerden. In Unsicherheit. Im Wandel.

Vielleicht ist zukunftsfähige Männlichkeit genau das:
nicht unabhängig von allen sein zu wollen,
sondern unabhängig genug von Status und Rolle zu werden,
dass echte Beziehung wieder Platz bekommt.

Dann wäre Männlichkeit kein Schutzanzug mehr.
Sondern eine Form von Anwesenheit.
Klar. Lernend. Berührbar.
Und gemeinschaftsfähig.


Fragen zur Weiterfahrt

  • Was in meinem Leben ist noch Rolle – und was ist schon Beziehung?
  • Wo sichere ich Zugehörigkeit noch über Funktion statt über Präsenz?
  • Wann werde ich hart, ironisch oder distanziert, obwohl ich mich eigentlich nach Nähe sehne?
  • Welche Form von Männlichkeit, Weiblichkeit oder Menschlichkeit habe ich gelernt – und welche möchte ich heute weiterentwickeln?
  • Wo erlebe ich psychologische Sicherheit: dort, wo ich leisten muss, oder dort, wo ich ehrlich sein darf?
  • Welche Freundschaften in meinem Leben erlauben Rat, Verletzlichkeit, Humor und echtes Zuhören?
  • Was verändert sich in Gruppen, wenn weniger repariert und mehr wahrgenommen wird?
  • Wie kann ich selber zu einem Menschen werden, der Nähe nicht kontrolliert, sondern ermöglicht?
  • Was lerne ich von Menschen, die politisch, generationell oder weltanschaulich anders geprägt sind als ich?
  • Wo kann Verbundenheit bestehen bleiben, auch wenn keine Einigkeit erreicht wird?


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Quellen

Emily C. Fox: Are White Men Missing Out?: Differences in Friendship Closeness by Gender and Ethnoracial Identity, Sex Roles.

Christof Suppiger: Vollkommen unfertig: Erfahrungen eines jungen Pensionärs mit Zahn- und Einkommenslücke.

M. Scott Peck: Gemeinschaftsbildung und die Phasen von Pseudogemeinschaft, Chaos, Leere und Gemeinschaft.

Otto Scharmer / Presencing Institute: Ebenen des Zuhörens, Theory U.

Barbara Küchler / Stufenentwicklung: innere Entwicklung, Reifung und Führung. "Weil es so nicht weiter geht (2025)

Markus Theunert / männer.ch: Männlichkeit, Geschlechterverhältnisse, gesellschaftliche Verantwortung.

Flavia Kleiner / alliance F / Operation Libero: Gleichstellung, Demokratie, öffentliche Verantwortung.

Amy Edmondson: The Right Kind of Wrong; psychologische Sicherheit.

Thomas Gartenmann: Selbstregulation, Nervensystem, Führung.

Iwan Gubler: MANN SEIN; Begleitung zu Beziehung, Selbstannahme und verkörperter Männlichkeit.

Bobby McFerrin / Circlesongs: Kreis, Stimme, Improvisation, gemeinsames Tragen.

Peter Honegger: Clown, Improvisation, Meditation.

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