
"Gli uomini di una volta non ci sono più. Gli uomini del futuro non ci sono ancora."
Dieser Satz bleibt mir nach einer Begegnung an einem Festival.
Er passt zu einem T-Shirt, auf dem kämpferisch vom Fall des Patriarchats die Rede ist. Er passt auch zu einem Foto, auf dem dieses Kämpferische nicht hart, sondern fröhlich aufgenommen wird: zwei Männer, ein Blick, ein Lächeln, ein gegenseitiges Zuschicken von etwas, das in diesem Moment wie Verbundenheit aussieht.
Und dann kippt etwas.
Nicht dramatisch. Nicht endgültig. Aber spürbar.
Wir begegnen uns an einer feministischen Bühne. Es ist laut. Die Musik übertönt vieles. Die Inhalte sind nicht immer ganz zu verstehen, akustisch schon gar nicht. Eine Männergruppe verkauft T-Shirts. Ich komme ins Gespräch. Ich bin interessiert. Ich bin offen. Ich bin nicht neutral, aber zugewandt.
Und doch entstehen Missverständnisse.
Vielleicht ging es um ein T-Shirt. Vielleicht um einen Button. Vielleicht um eine Geste, die anders gemeint war, als sie angekommen ist. Vielleicht auch um etwas Tieferes: um Misstrauen, um Gruppenschutz, um männliche Härte, die gerade dort auftaucht, wo eigentlich ein neues Männerbild behauptet wird.
Ich weiss nicht genau, was im anderen Mann vorgegangen ist. Ich kann es nur von meiner Seite erzählen. Was ich wahrgenommen habe: Die anfängliche Sympathie fiel sehr schnell in Distanz. Aus Kontakt wurde Abwehr. Aus einem offenen Blick wurde ein geschlossenes System.
Am nächsten Tag erfuhr ich, dass sich dieser Mann über mich beklagt hatte. Nicht bei mir. Sondern über mich.
Das traf mich.
Nicht, weil jemand eine Grenze setzt. Grenzen sind wichtig. Nicht, weil jemand mich falsch versteht. Missverständnisse gehören zu Begegnungen. Sondern weil die Beziehung abgebrochen wurde, bevor sie überhaupt klären konnte, was geschehen war.
Für mich wurde damit eine Grenze erreicht. Ich wollte diese unwürdige Behandlung nicht einfach schlucken. Ich wollte nicht schweigend akzeptieren, dass Männer, die für das Ende des Patriarchats stehen wollen, in einem schwierigen Moment nicht mehr in den Kontakt gehen.
Also schrieb ich. Nicht an eine Drittperson als Schiedsrichterin. Nicht als Anklage. Nicht als Waffe aus der Wunde heraus. Sondern mit der Frage, ob es eine ruhige Minute für ein Gespräch gebe.
Ich wartete. Dann erinnerte ich nochmals.
Die Antwort kam geschlossen. Formal sauber, vielleicht sogar korrekt. Sie ging von einer Beobachtung aus. Aber mein Gefühl, mein Bedürfnis und meine Bitte wurden nicht wirklich aufgenommen. Der Mann sprach nicht mehr nur für sich. Er kam im Plural zurück. Wir haben darüber gesprochen. Wir sehen keinen Anlass.
Damit war klar: Die Gruppe schützt sich. Der Kontakt wird nicht gesucht. Die harte Linie bleibt stehen.
Das darf ihr Entscheid sein.
Und doch nehme ich daraus etwas mit.
Für mich liegt hier genau der Prüfstein von Männerarbeit. Nicht im Slogan. Nicht im T-Shirt. Nicht im kämpferischen Auftritt. Sondern in dem Moment, in dem es schwierig wird. In dem ein älterer Mann sich meldet und sagt: Das hat mir weh getan. Können wir sprechen?
Dann zeigt sich, ob Männer wirklich neu unterwegs sind.
Reife wäre nicht gewesen, sofort zuzustimmen. Reife wäre nicht gewesen, mich zu bestätigen. Reife wäre gewesen, nachzufragen.
Was ist bei dir angekommen?
Was hat dich verletzt?
Was habe ich vielleicht nicht verstanden?
Was war mein Anteil daran, dass diese Begegnung gekippt ist?
Und ja: Auch ich habe meinen Anteil. Bei Missverständnissen gibt es fast immer mehrere Anteile. Vielleicht war ich unklar. Vielleicht war ich zu intensiv. Vielleicht war ich in meiner Begeisterung nicht gut lesbar. Vielleicht habe ich etwas genommen, berührt, gefragt oder angedeutet, das anders ankam, als ich es meinte.
Genau deshalb braucht es Gespräch.
Nicht Gericht. Gespräch.
Nicht Täter und Opfer. Gespräch.
Nicht Männer, die sich hinter Kumpels versammeln. Gespräch.
Nicht harte Kerle, die Grenzen ziehen und damit die Sache für erledigt erklären. Sondern Männer, die Grenzen ziehen können und trotzdem ansprechbar bleiben.
Denn das Patriarchat fällt nicht dort, wo Männer die richtigen T-Shirts tragen. Es fällt dort, wo Männer in schwierigen Momenten nicht verschwinden.
Es fällt dort, wo ein Mann sagen kann: Ich habe dich vielleicht falsch verstanden.
Es fällt dort, wo ein Mann fragen kann: Was brauchst du jetzt von mir?
Es fällt dort, wo ein Mann aushält, dass ein anderer Mann verletzt ist, ohne ihn sofort als Problem zu behandeln.
Vielleicht gibt es die Männer von früher wirklich nicht mehr. Die Männer, die alles mit Autorität, Abwertung und Abbruch regelten.
Aber die Männer der Zukunft sind noch nicht einfach da.
Sie entstehen erst.
In lauten Situationen.
In Missverständnissen.
In Blicken, die kippen.
In Nachrichten, die nicht sofort gelingen.
In der Entscheidung, ob wir übereinander sprechen oder miteinander.
Für mich bleibt deshalb nicht Bitterkeit. Aber eine klare Ernüchterung.
Der kämpferische Slogan war stark. Die Begegnung war möglich. Die verpasste Chance war real.
Und mein Lernpunkt ist schlicht:
Männer im Kontakt beginnt nicht dort, wo wir einander sympathisch sind. Es beginnt dort, wo Sympathie kippt und wir trotzdem nicht sofort die Tür schliessen.
Die Männer von früher gibt es nicht mehr.
Die Männer der Zukunft gibt es noch nicht.
Dazwischen stehen wir.
Mit T-Shirts, Missverständnissen, verletzten Blicken und der offenen Frage, ob wir wirklich miteinander sprechen lernen.
...
Fragen, mit denen ich gerne ins Gespräch komme
☐ Wo verwechsle ich klare Grenzen mit Kontaktabbruch?
☐ Wo rede ich über jemanden, statt mit ihm?
☐ Wann schütze ich meine Gruppe so stark, dass kein Gespräch mehr möglich ist?
☐ Was wäre eine reife männliche Antwort auf ein Missverständnis?
☐ Wie kann Kampf gegen Patriarchat beziehungsfähig bleiben?
☐ Wie bleibe ich ansprechbar, ohne mich auszuliefern?
☐ Was heisst Würde, wenn ein Moment misslingt?
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