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KI, Verantwortung und der kleine Roboter am Rand
Seit ich mit KI arbeite, merke ich deutlicher, was ich nicht an KI delegieren will: meine Aufmerksamkeit, meine Verantwortung, meine Beziehung zum Feld. Algoretto darf mir helfen, einen Gedanken zu ordnen. Er darf Sätze verdichten, Varianten vorschlagen, Zusammenhänge sichtbar machen. Aber er hält nicht den Raum. Er hört nicht mit dem Körper. Er trägt keine Beziehung. Er sitzt mit im Kreis – aber nicht in der Mitte.
Die schnellste Antwort ist nicht immer die menschlichste
Der Impuls kam diesmal über ein Gespräch mit Tristan Harris im Umfeld des Presencing Institute. Harris ist Mitgründer des Center for Humane Technology; dieses arbeitet an der Frage, wie Technologie wieder stärker an menschlichem Wohlergehen, Demokratie und gemeinsamer Sinnbildung ausgerichtet werden kann. Im Gespräch mit Otto Scharmer wird KI nicht nur als technisches Problem sichtbarp, sondern als Bewusstseinsfrage: Was geschieht mit uns, wenn Maschinen schneller antworten, als Menschen einander wirklich zuhören können?
Mich interessiert daran weniger die grosse Zukunftsprognose. Mich interessiert die kleine Gegenwartsfrage: Was üben wir noch selber, wenn Algoretto immer verfügbar ist? Üben wir noch zu warten? Üben wir noch, nicht sofort zu wissen? Üben wir noch, einen Konflikt nicht in eine Antwort zu verwandeln, sondern in einen Raum? Genau dort beginnt für mich humane KI. Nicht im Glaspalast der Technologie, sondern im öffentlichen Wohnzimmer. Dort, wo Menschen sitzen, atmen, schweigen, widersprechen, lachen und merken: Nicht jede Antwort ist schon Beziehung.
Algoretto darf mitdenken
Ich mag Algoretto. Wirklich. Er ist schnell, geduldig, fleissig, manchmal erstaunlich hilfreich und manchmal herrlich daneben. Er kann mir helfen, einen wilden Gedankenhaufen zu sortieren. Er kann mir zeigen, wo ein Text noch springt. Er kann einen Satz vorschlagen, den ich dann verwerfe, verbessere oder plötzlich doch liebe.
Aber genau deshalb braucht er einen Platz. Nicht irgendeinen. Einen guten Platz. Am Rand des Kreises. Sichtbar. Freundlich. Nicht heimlich. Nicht erhöht. Nicht als Orakel. Nicht als Priester. Nicht als Ersatz für mein Gewissen.
Algoretto denkt schnell. Der Kreis atmet langsam.
Das ist für mich ein wichtiger Satz. Denn viele KI-Debatten kreisen um Intelligenz. Mich interessiert aber mehr die Frage nach Resonanz. Eine Maschine kann Muster erkennen. Aber spürt sie, ob ein Mensch innerlich friert? Eine Maschine kann ein Gebet schreiben. Aber kann sie beten? Eine Maschine kann einen Konflikt zusammenfassen. Aber kann sie bleiben, wenn der Konflikt im Raum wirklich unbequem wird?
KI als Prüfstein für strukturelle Liebe
Für GEMEINSCHAFT WAGEN ist KI darum kein Nebenthema. Sie ist ein Prüfstein. Wenn strukturelle Liebe bedeutet, Räume, Rollen, Rahmen, Rhythmen und Richtung so zu gestalten, dass Menschen nicht kleiner werden müssen, um dazuzugehören, dann müssen wir auch fragen: Welche Rolle bekommt KI in diesen Räumen?
Hilft sie, Verantwortung sichtbarer zu machen? Oder versteckt sie Verantwortung hinter glatten Formulierungen? Hilft sie, Care und Selfcare zu stärken? Oder produziert sie noch mehr Tempo, noch mehr Text, noch mehr Erreichbarkeit? Hilft sie, Stimmen hörbar zu machen? Oder werden am Ende die lautesten, schnellsten und technisch versiertesten Stimmen noch glatter verstärkt?
Ich merke: Die eigentliche KI-Kompetenz ist für mich nicht Prompting. Die eigentliche KI-Kompetenz ist Unterscheidung. Was gehört zu Algoretto? Was gehört zu mir? Was gehört in den Kreis? Was muss verkörpert werden? Was darf offen bleiben? Was braucht Stille, bevor Sprache kommt?
Der kleine wartende Roboter
Das Beitragsbild zeigt Algoretto als kleinen wartenden Roboter am Rand. Genau so möchte ich ihn sehen. Nicht dämonisieren. Nicht vergöttern. Nicht aus dem Raum verbannen. Aber auch nicht in die Mitte setzen.
Die Mitte gehört dem Feld. Den Menschen. Der Stille. Dem Widerspruch. Dem Kind, das noch keine Worte hat. Der alten Frau, die langsam spricht. Dem Mann, der gelernt hat, alles zu erklären, bevor er etwas fühlt. Der Person, die sich nicht sicher ist, ob sie überhaupt dazugehört. Der Pflanze im Topf. Dem Wasser im Glas. Dem noch nicht ausgesprochenen Satz.
Algoretto darf daneben sitzen und warten.
Vielleicht ist das die menschlichste KI-Haltung, die ich im Moment finde: nicht Angst, nicht Euphorie, sondern Gastfreundschaft mit Rollenklärung.
Willkommen, Algoretto.
Setz dich.
Hör zu.
Und bitte: nicht immer sofort antworten.
Innehalten
Was delegiere ich an KI, obwohl es eigentlich zu meiner Verantwortung gehört?
Wo hilft mir KI wirklich, klarer, sorgfältiger und beziehungsfähiger zu werden?
Wo macht sie mich schneller, aber nicht wacher?
Und wer oder was sitzt in meinen Räumen gerade heimlich in der Mitte?
Fragen, mit denen ich gerne ins Gespräch komme
☐ Welche menschliche Fähigkeit will ich in Zeiten von KI bewusst weiter üben?
☐ Wo brauche ich weniger Antwort und mehr Beziehung?
☐ Wie kann KI sichtbar und ehrlich genutzt werden, ohne Verantwortung auszulagern?
☐ Welche Rolle soll Algoretto in unseren gemeinsamen Räumen haben?
☐ Was müsste langsamer werden, damit es menschlicher bleibt?
Battuta für unterwegs
„Algoretto weiss viel. Aber er merkt nicht, wenn der Kreis friert.“
Oder noch kürzer:
„Algoretto, bevor du die Menschheit rettest: Hast du heute schon jemandem wirklich zugehört?“
Quellen
Tristan Harris im Gespräch mit Otto Scharmer: „AI, Consciousness & the Human Movement Already Underway“, Presencing Institute / Presencing Series 2026.
Center for Humane Technology: Arbeit an einer humaneren Ausrichtung von Technologie und KI.
Tristan Harris: Mitgründer des Center for Humane Technology.
KI-Transparenz
KI ist Werkzeug – die Unterschrift ist meine. Für sprachliche Verdichtung und Struktur nutze ich punktuell KI als Werkzeug. Verantwortung, Auswahl und Endfassung liegen bei mir. Wichtig ist mir ein macht- und gewaltbewusster Umgang damit. Algoretto sitzt mit im Kreis – aber nicht in der Mitte.
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