Wenn Verantwortung mehr Schultern findet
Strukturelle Liebe - 7R - R wie Rang.

Wenn Verantwortung mehr Schultern findet

Eine Familienaufstellung, eine wiedergefundene Forschungsskizze und die Frage, wie Beziehung gelingen kann.

Christof Suppiger · 16. September 2026

Manchmal liegen fünfzehn Jahre zwischen einer Frage und dem Moment, in dem ich sie neu verstehe. Am Wochenende vom 12. und 13. September nahm ich im Jurtendorf an einer Familienaufstellung teil, die sich auf die Tradition des Familienstellens nach Hellinger bezog. Kurz darauf tauchte eine alte Disposition aus meinem Studium an der Hochschule für Heilpädagogik auf. Ihr Titel: «Rangspannungen in der strukturellen Hierarchie einer pädagogischen Institution».

Damals beschäftigte mich die Zusammenarbeit zwischen Klassenlehrpersonen und Schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen. Heute beschäftigt mich auch die Zusammenarbeit unter erwachsenen Geschwistern. Zwischen beiden Feldern liegt für mich eine gemeinsame Frage: Was geschieht mit Beziehung, wenn Verantwortung, Einfluss und Anerkennung ungleich verteilt sind?

In der Aufstellung wurden meine Eltern, meine beiden Schwestern und ich durch Stellvertretende dargestellt. Eine der Stellvertreterinnen äusserte, es ziehe sie zum Bruder. Diese Bewegung berührte mich. Ich erkannte darin etwas wieder, das ich auch aus unserer Geschwisterbeziehung kenne: eine mögliche Verbindung, eine Bewegung aufeinander zu.

Was mich berührte, war eine Erfahrung im Raum. Daraus kann ich nicht ableiten, was meine Schwester tatsächlich denkt oder fühlt. Aber ich kann ernst nehmen, was dieses Bild in mir ansprach: meinen Wunsch nach Nähe und die Erinnerung daran, dass Verbindung zwischen uns möglich ist.

Im weiteren Verlauf wurde nach möglichen fehlenden Geschwistern gefragt. Ich wusste von keinen. Zugleich erinnerte ich mich an den Wunsch meiner Mutter nach sechs Kindern. Die Leitung nahm dies zum Anlass, zusätzliche Geschwisterpositionen aufzustellen. So entstand ein erweitertes Bild mit sechs statt drei Geschwistern. Ich nahm darin einen anderen Platz ein und hatte auch eine jüngere Schwester.

Die Stellvertreterin meiner älteren Schwester beschrieb Entlastung, weil sich Verantwortung auf mehr Schultern verteilte. Auch für mich fühlte sich diese Vorstellung stimmig an.

Ich halte dieses Bild als symbolische Erfahrung fest. Es belegt keine unbekannten Geburten oder Verluste in meiner Familie. Seine Bedeutung liegt für mich in der Frage, die es öffnete: Was verändert sich, wenn Verantwortung mehr Schultern findet?

Damit bekam eine alte Forschungsfrage plötzlich eine sehr persönliche Gestalt.

2011 wollte ich untersuchen, wie Macht und Prestige die Kooperation in einer Schule beeinflussen. Meine Disposition unterschied formelle und informelle Hierarchien, Lohn, Ausbildung, fachliche Denkweisen, Herkunft und Geschlecht. Eine Schulleitung verfügt über andere Befugnisse als eine Lehrperson. Eine Fachperson kann viel wissen und trotzdem wenig Gehör finden. Wer täglich für eine Klasse verantwortlich ist, erlebt einen zusätzlichen fachlichen Blick möglicherweise als Unterstützung – oder als Infragestellung.

In der Skizze steht: «Ein Gerangel auf der Ebene der Statuslinien schadet der Fachlichkeit.» Dahinter lag meine Vermutung, dass ein Gespräch über ein Kind zugleich ein Gespräch darüber werden kann, wessen Wissen zählt und wer bestimmen darf.

Die wiedergefundene Disposition dokumentiert diesen frühen Suchprozess. Sie enthält Hypothesen und einen Untersuchungsplan; sie liefert noch keinen Nachweis dafür, dass Rangspannungen Kooperation zwangsläufig verhindern. Den damaligen zugespitzten Untertitel «Warum Zusammenarbeit […] nicht gelingen kann» würde ich heute deshalb als offene Frage formulieren: Unter welchen Bedingungen gelingt Zusammenarbeit trotz unterschiedlicher Positionen?

Auch in einer Familie gibt es Unterschiede: im Alter, in der Nähe zu den Eltern, im Informationsstand, in der verfügbaren Zeit und in der übernommenen Sorgearbeit. Diese Unterschiede können hilfreich sein. Sie werden schwierig, wenn aus einer Aufgabe ein unausgesprochenes Vorrecht entsteht oder aus langjähriger Verantwortung die Erwartung, weiterhin alles tragen zu müssen.

Dabei möchte ich auch mich selbst prüfen. Wenn ich eine Gesprächsstruktur vorschlage, habe ich bereits Einfluss: Ich bestimme mit, welche Fragen gestellt werden und in welcher Reihenfolge wir sprechen. Meine Absicht kann Verständigung sein. Trotzdem braucht es die Möglichkeit, auch meinem Vorschlag zu widersprechen. Sonst wird aus meinem Wunsch nach Gleichrangigkeit eine neue Form der Führung, über die wir nicht gemeinsam entschieden haben.

Genau hier treffen sich für mich die Aufstellung und meine heutige Arbeit an der «Strukturellen Liebe». Das Bild geteilter Verantwortung lässt sich in überprüfbare Alltagsfragen übersetzen: Wer übernimmt welche Aufgabe? Welches Mandat gehört dazu? Wer erhält welche Informationen? Darf jemand Nein sagen? Wann schauen wir gemeinsam, ob die Verteilung noch stimmt?

Die Geburt eines Menschen lässt sich zeitlich einordnen. Seine Stimme als erwachsener Mensch verdient unabhängig davon Gehör. Für meinen Geschwisterraum heisst das: drei erwachsene Menschen, drei Stimmen, gleiche Würde. Unterschiedliche Aufgaben können wir vereinbaren. Führung kann wechseln.

Im heutigen 7R-Modell wird diese Frage mit dem Begriff Rang ausdrücklich sichtbar. Räume, Rollen, Rahmen, Rhythmen, Richtung, Rang und Reife helfen mir, Bedingungen des Zusammenlebens zu betrachten. Resonanz begleitet diese Fragen: Wo entsteht Verbindung? Wo stockt das Gespräch? Wo fühlt sich jemand erleichtert oder übergangen? Solche Wahrnehmungen sind Anlässe zum Nachfragen. Sie sind keine fertigen Erklärungen über andere Menschen.

Ob etwas gelingt, zeigt sich für mich deshalb auch nach einer berührenden Erfahrung. Wird eine Aufgabe tatsächlich geteilt? Kann jemand eine Grenze setzen, ohne Zugehörigkeit zu verlieren? Wird eine Entscheidung korrigiert, wenn sie jemanden übergeht? Wird Nähe wieder freiwilliger?

Die Aufstellung hat mir ein Bild dafür gegeben, wie sich geteilte Verantwortung anfühlen könnte. Die Skizze von 2011 erinnert mich daran, wie lange mich ihre Bedingungen schon beschäftigen. Daraus wächst heute mein Verständnis von Beziehungsarchitektur: Vereinbarungen schaffen, in denen Menschen Verantwortung übernehmen können und zugleich beweglich bleiben.

Beziehung trägt Entscheidung. Entscheidung schützt Beziehung.

Vielleicht beginnt Gelingen manchmal mit einer kleinen Bewegung aufeinander zu. Und es gewinnt Verlässlichkeit, wenn wir danach miteinander klären, wer was tragen kann.

Grundlage: eigene Schilderung der Familienaufstellung vom 12./13. September 2026 und die wiedergefundene Disposition «Rangspannungen in der strukturellen Hierarchie einer pädagogischen Institution», Modul C10, HfH, datiert auf den 1. August 2011. Die Verbindung zur heutigen «Strukturellen Liebe» ist eine rückblickende persönliche Einordnung.

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