
Brescia, 1. Juli 2026 - Christof Suppiger
Ein Artikel über den Offline Club, Generation Z, Algoretto und die Frage, warum wir neue Räume brauchen, in denen Menschen wieder anwesend werden können. Nicht als Rückzug aus der Welt. Sondern als Rückkehr in Beziehung.
Der NZZ-Artikel über den Offline Club und den Digital-Detox-Trend der Generation Z hat bei mir sofort etwas berührt. Nicht, weil ich glaube, dass junge Menschen einfach weniger am Handy sein sollten. Solche Sätze sind schnell gesagt. Sie klingen erwachsen, vernünftig und ein bisschen überlegen. Aber sie greifen zu kurz.
Mich interessiert etwas anderes: Was suchen Menschen, wenn sie freiwillig Räume betreten, in denen das Smartphone abgegeben wird? Was fehlt ihnen so sehr, dass ein telefonfreier Nachmittag plötzlich wie Befreiung wirkt? Und was sagt das über unsere Gesellschaft, unsere Gemeinschaften und unsere Beziehungsfähigkeit?
Der Offline Club beschreibt seine Mission als Wiederverbindung von Menschen mit sich selbst und mit anderen durch reale Gemeinschaften und Offline-Erfahrungen. Es geht um weniger Bildschirmzeit und mehr echte Zeit, um telefonfreie Räume, Gemeinschaft und die Normalisierung von Gesprächen mit Fremden. (The Offline Club)
Das klingt einfach. Fast zu einfach. Handy weg. Mensch wieder da.
Aber so einfach ist es nicht.
Offline ist nicht das Gegenteil von online. Offline ist ein Übungsraum für Beziehung.
Natürlich kann das Smartphone süchtig machen. Natürlich ziehen Algorithmen Aufmerksamkeit ab. Natürlich ist es nicht harmlos, wenn unser Nervensystem dauernd auf Reiz, Vergleich, Pushmeldung, Empörung und Sichtbarkeit eingestellt wird.
Aber der Kern liegt tiefer.
Die eigentliche Frage ist nicht nur: Wie kommen wir vom Handy weg?
Die eigentliche Frage ist: Was passiert mit uns, wenn das Handy nicht mehr zwischen uns steht?
Dann wird plötzlich wieder spürbar, was sonst überdeckt wird: Langeweile. Unsicherheit. Blickkontakt. Körper. Stille. Fremdheit. Sehnsucht. Scham. Neugier. Müdigkeit. Nähe. Der Wunsch, nicht performen zu müssen.
Bei Offline-Club-Veranstaltungen in Amsterdam und Utrecht geben Teilnehmende ihre Smartphones ab und verbringen etwa zwei Stunden mit Schreiben, Basteln, Musik und persönlicher Begegnung. (euronews) Das ist interessant, weil es nicht nur um Verzicht geht. Es geht um einen Rahmen, der Anwesenheit erleichtert.
Genau hier beginnt für mich die Verbindung zu GEMEINSCHAFT WAGEN.
Menschen brauchen nicht nur gute Vorsätze. Sie brauchen Räume, in denen ein anderes Verhalten wahrscheinlicher wird. Räume, Rollen, Rahmen, Rhythmen — und Richtung.
Ich nenne die digitale Figur in meinen Texten manchmal Algoretto. Nicht als Feindbild. Eher als kleine, schlaue, dauerhungrige Gestalt, die immer weiss, wo Aufmerksamkeit zu holen ist.
Algoretto ist nicht böse. Aber er ist nie satt.
Er sagt: Schau noch kurz. Antworte sofort. Vergleiche dich. Poste etwas. Reg dich auf. Bleib dran. Du könntest etwas verpassen. Du solltest sichtbar bleiben. Du solltest reagieren.
So entsteht eine neue Form von Abwesenheit mitten in der Anwesenheit. Der Körper sitzt im Café. Der Blick ist im Feed. Die Hand streicht über Glas. Das Gespräch wartet.
In meiner Sprache wäre das Absencing: körperlich da, aber innerlich abgezogen. Nicht aus Schuld, sondern aus Gewohnheit. Nicht aus Schwäche, sondern weil die Umgebung es ständig nahelegt.
Presencing beginnt dort, wo Menschen wieder landen dürfen.
Im Atem. Im Blick. In der Stimme. Im gemeinsamen Raum. In der Pause vor der Antwort. Im Mut, nicht sofort etwas zu wissen.
Nicht detoxen. Wieder auftauchen.
Es wäre zu einfach, den Offline Club als hübschen Lifestyle-Trend abzutun. Natürlich gibt es diese Gefahr. Sobald ein Mangel sichtbar wird, entsteht ein Markt. Auch telefonfreie Räume können zur Ware werden. Der Guardian beschrieb den Offline Club bereits 2024 als Ort, an dem Menschen bezahlen, um ihre Telefone abzugeben und ohne digitale Ablenkung miteinander in Kontakt zu kommen. (Der Guardian)
Das ist ambivalent.
Einerseits ist es traurig, wenn wir für etwas bezahlen, das früher selbstverständlicher war: zusammensitzen, lesen, reden, schweigen, spielen, nichts müssen. Andererseits zeigt genau diese Zahlungsbereitschaft, wie gross die Not geworden ist.
Auch aktuelle Berichte deuten darauf hin, dass die Digital-Detox-Bewegung besonders von Gen Z mitgetragen wird: telefonfreie Orte, bewusst reduzierte Social-Media-Nutzung, analoge Alternativen und der Wunsch nach realer Verbindung nehmen zu. (Axios)
Ich höre darin keine Rückwärtssehnsucht.
Ich höre eine Frage:
Was hilft uns, wieder anwesend zu werden, ohne dass wir uns dafür zuerst optimieren müssen?
Hier berührt der Offline-Club-Impuls direkt mein Projekt Kein Kurs. Zum Glück.
Auch dort geht es nicht darum, Menschen zu verbessern. Nicht noch ein Training. Nicht noch ein Programm. Nicht noch ein Versprechen, dass alles gut wird, wenn man nur richtig atmet, richtig denkt, richtig kommuniziert oder richtig lebt.
Es geht um einen Raum.
Um Körper. Stimme. Stille. Humor. Kontakt. Nichtwissen. Würde. Unterschiedlichkeit.
Vielleicht gehört dazu künftig auch eine einfache Praxis: Das Handy bleibt draussen. Oder es liegt sichtbar schlafend in einer Schale. Nicht als moralische Geste. Nicht als Verbot. Sondern als Einladung.
Wir schützen Beziehung, indem wir Aufmerksamkeit schützen.
Und wir schützen Aufmerksamkeit, indem wir Räume bauen, in denen nicht alles gleichzeitig um uns werben darf.
Vielleicht ist der wichtigste Moment nicht der Moment, in dem ich das Handy ausschalte.
Vielleicht ist es der Moment danach.
Wenn die Hand ins Leere greift.
Wenn ich merke, wie oft ich flüchten wollte.
Wenn ich nicht sofort weiss, was ich mit mir anfangen soll.
Wenn das Gespräch noch nicht begonnen hat.
Wenn die Stille zuerst peinlich ist.
Wenn ich sitzen bleibe.
Wenn ich nicht kleiner werde.
Wenn ein anderer Mensch auch bleibt.
Digital Detox klingt nach Reinigung. Als wäre das Digitale Schmutz und das Analoge rein. Das überzeugt mich nicht. Ich schreibe ja selbst digital. Ich arbeite mit KI. Algoretto sitzt mit im Kreis. Ich will nicht zurück in eine vordigitale Welt.
Aber ich will, dass der Kreis offen bleibt.
Ich will, dass Beziehung nicht zur Restzeit wird.
Ich will, dass junge und alte Menschen Räume finden, in denen sie nicht dauernd reagieren, performen, vergleichen, scrollen oder verfügbar sein müssen.
Deshalb gefällt mir das Wort Anwesenheitspraxis besser als Digital Detox.
Anwesenheitspraxis fragt nicht zuerst: Was muss weg?
Sie fragt: Was soll wieder möglich werden?
Gespräch. Zuhören. Spiel. gemeinsames Lesen. Musik. Langeweile. Blickkontakt. Humor. Streit ohne Vernichtung. Care. Selfcare. Beteiligung. Verantwortung ohne stille Erwartungen.
Offline ist kein Rückzug aus der Welt. Offline ist der Versuch, wieder in Beziehung zur Welt zu kommen.
GEMEINSCHAFT WAGEN versteht sich als öffentliches Wohnzimmer. Dieser Begriff wird durch den Offline-Club-Impuls noch deutlicher.
Ein öffentliches Wohnzimmer ist nicht einfach ein Raum mit Sofas. Es ist ein sozialer Rahmen, in dem Menschen wieder auftauchen dürfen. Mit ihrer Müdigkeit. Mit ihrer Sehnsucht. Mit ihrem Humor. Mit ihrem Nichtwissen. Mit ihrer Unterschiedlichkeit.
Vielleicht braucht es gar nicht viel.
Eine Tür.
Eine Schale für Handys.
Tee.
Stühle im Kreis.
Eine Gastgeberin.
Einen Gastgeber.
Eine einfache Frage.
Eine Pause.
Eine Battuta.
Und den Mut, nicht sofort zu flüchten, wenn es still wird.
Algoretto schaut beleidigt in die Runde und sagt:
„Ich wollte doch nur helfen.“
Da antwortet die Stille:
„Ja. Aber jetzt sind wir dran.“
Ausgangspunkt war der NZZ-Artikel zum Offline Club als Digital-Detox-Trend der Generation Z. Den verlinkten Artikel konnte ich technisch nicht direkt auslesen; die folgenden Quellen stützen die sachlichen Hinweise zum Offline Club und zur breiteren Digital-Detox-Bewegung.
The Offline Club beschreibt seine Mission als Wiederverbindung durch reale Gemeinschaften, telefonfreie Räume und weniger Bildschirmzeit. (The Offline Club)
Euronews berichtete im April 2026 über Offline-Club-Veranstaltungen in Amsterdam und Utrecht, bei denen Teilnehmende ihre Smartphones abgeben und Zeit mit kreativen und sozialen Aktivitäten verbringen. (euronews)
Axios beschreibt 2026 eine wachsende Digital-Detox-Bewegung, die stark von Gen Z mitgetragen wird, darunter telefonfreie Orte, reduzierte Social-Media-Nutzung und neue analoge Alternativen. (Axios)
Der Guardian beschrieb bereits 2024 die Ambivalenz telefonfreier Räume: Menschen zahlen dafür, ihre Telefone abzugeben und wieder ungestörter in Kontakt zu kommen. (Der Guardian)
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Wo merke ich, dass ich körperlich anwesend bin, aber innerlich längst im nächsten Reiz verschwunden?
Welche Räume helfen mir, nicht sofort zu reagieren, sondern zuerst wieder zu landen?
Was schützt Beziehung in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit dauernd verkauft wird?
Wie können wir mit Algoretto leben, ohne ihm die Leitung des Kreises zu überlassen?
Welche einfachen telefonfreien Formen könnten in Nachbarschaften, Schulen, Teams, Familien oder Gemeinschaften wieder möglich werden?
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