Wenn Funkstille die letzte Sprache wird: Wie ich Frieden suche mit einem Sohn, der nicht mehr mit mir spricht

Brescia, 1. Juli 2026 - Christof Suppiger

Viele Jahre ohne Sohn. Ich weiss schon fast nicht mehr genau, wie lange es her ist, dass ich keinen Kontakt mehr zu meinem Sohn habe. Nicht, weil es unwichtig geworden wäre. Sondern weil diese Zeit in mir nicht wie normale Zeit vergeht. Sie liegt nicht hinter mir. Sie geht mit.

Es ist eine der tiefsten Verletzungen in meinem Leben.

Und ich merke, wie verführerisch es ist, aus dieser Verletzung Waffen zu schmieden: gegen seine Mutter, gegen ihn selbst, gegen die vermutete Manosphäre, gegen alles, was vielleicht Einfluss genommen hat. Der Schmerz sucht Gründe. Er sucht Schuldige. Er sucht eine Geschichte, die das Unerträgliche erträglicher macht.

Aber dieser Text soll keine Waffe werden.

Er soll ein Ort sein, an dem die Wunde gehalten werden darf.

Die Wunde will nicht kämpfen

Funkstille ist nicht einfach Stille. Sie ist eine gewordene Sprache. Eine Sprache aus Rückzug, Schutz, Trotz, Verletzung, Scham, Abwehr und ungeklärter Geschichte. Sie sagt nichts und sagt doch sehr viel.

Da ist ein Vater ohne Sohn. Da ist ein Sohn ohne Vater. Da ist eine Mutter, die längst den Stecker gezogen hat. Da sind Jahre, in denen nicht gesprochen wurde. Da ist Rückzug als Strategie. Da ist Schmerz, der nach Schuld sucht. Da ist die späte Einsicht, dass Beziehung nicht erst dann Thema werden darf, wenn sie weg ist.

Ich kenne den Impuls, den Schmerz schärfer zu machen. Ich kenne die innere Anklage. Ich kenne den Satz: So darf man doch nicht mit mir umgehen. Ich kenne auch die Beschämung, wenn eine Antwort nicht wie ein Gespräch klingt, sondern wie eine Warnung: Du kannst froh sein, dass ich überhaupt antworte.

Aber unter der Anklage liegt etwas Weicheres.

Trauer.

Und wenn ich dort ankomme, wird es stiller. Nicht einfacher. Aber wahrer.

Er hat gesprochen

Mein Sohn hat gesprochen. Nicht immer mit langen Erklärungen. Aber als Kind hat er sehr wohl gezeigt, was ihm gefällt, was ihn interessiert, was er tun möchte und was ihn lebendig macht.

Er sprang gerne. Er spielte gerne im Wasser. Er war schnell im Kontakt mit anderen Kindern. Er konnte sich freuen, sich bewegen, sich einlassen, da sein. In solchen Momenten war seine Sprache klar: Körper, Spiel, Bewegung, Nähe, Neugier.

Wenn es schwierig wurde, erinnere ich ihn anders. Dann zog er sich eher zurück. Er blieb nicht unbedingt dran. Er holte sich nicht selbstverständlich Hilfe. Er sprach nicht einfach aus, was in ihm vorging.

Vielleicht war das schon früh eine Spur. Nicht als Schuld. Nicht als Diagnose. Sondern als zarte Erinnerung daran, dass Rückzug nicht aus dem Nichts kommt. Manchmal beginnt Funkstille lange vor dem endgültigen Kontaktabbruch. Sie beginnt dort, wo Schwieriges nicht geteilt werden kann.

Und vielleicht begann auch mein eigener Rückzug dort, wo ich nicht zeigen konnte, wie sehr ich betroffen bin. Nicht bitten. Nicht bedürftig wirken. Nicht noch einmal verletzt werden. Das schützt. Und es macht einsam.

Wenn die Wunde gehalten wird

Es gibt Momente, in denen ich weinen könnte vor Erleichterung, wenn ich merke: Ich muss aus dieser Wunde keine Waffe machen.

Ich muss sie nicht gegen seine Mutter richten. Nicht gegen meinen Sohn. Nicht gegen eine ganze Welt, die ich verdächtige, ihn mir entfremdet zu haben. Nicht gegen mich selbst.

Ich darf sagen: Das tut weh.

Ich darf sagen: Ich bin tief unglücklich darüber.

Ich darf sagen: Ich vermisse meinen Sohn.

Und ich darf diesen Schmerz halten, ohne ihn sofort in Anklage, Erklärung oder Kampf zu verwandeln.

Vielleicht ist genau das ein erster Akt von Care. Nicht die grosse Versöhnung. Nicht die Lösung. Nicht der schöne Schluss. Sondern die Entscheidung, die Wunde nicht weiterzugeben. Die Entscheidung, sie nicht zu verschärfen. Die Entscheidung, bei mir zu bleiben, ohne mich zu verhärten.

Beziehung trägt Entscheidung. Entscheidung schützt Beziehung.

Manchmal heisst diese Entscheidung: Ich greife nicht an. Ich schreibe nicht aus Rache. Ich suche nicht den nächsten Beweis. Ich halte den Schmerz so gut ich kann. Und ich lasse offen, dass Beziehung mehr sein könnte als das, was gerade sichtbar ist.

Frieden suchen, ohne die Beziehung abzuschreiben

Ich weiss nicht, ob mein Sohn je wieder mit mir sprechen wird. Ich weiss nicht, was er heute über mich denkt. Ich weiss nicht, welche Geschichte er in sich trägt. Ich weiss nicht, ob er mich vermisst, ablehnt, vergessen hat oder einfach weiterlebt.

Das Nichtwissen ist schwer.

Aber vielleicht ist Frieden nicht zuerst ein Zustand zwischen uns. Vielleicht beginnt Frieden dort, wo ich aufhöre, ihn innerlich zu bekämpfen. Wo ich aufhöre, mich selbst zu bekämpfen. Wo ich aufhöre, aus jeder Erinnerung einen Beweis und aus jeder Funkstille ein Urteil zu machen.

Frieden heisst nicht: Es ist gut.

Frieden heisst auch nicht: Ich gebe ihn auf.

Frieden heisst heute vielleicht nur: Ich bleibe ansprechbar, ohne mich zu erniedrigen. Ich bleibe traurig, ohne bitter zu werden. Ich lasse die Tür innerlich offen, ohne mich jeden Tag an ihr wund zu schlagen.

Das ist wenig.

Und manchmal ist es sehr viel.

Früher sprechen lernen

Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort: nicht bei der Anklage, sondern beim früheren Sprechenlernen.

Früher fragen. Früher zuhören. Früher sagen: Ich verstehe dich nicht, aber ich will dich nicht verlieren. Früher merken, wenn jemand innerlich weggeht. Früher Hilfe holen, bevor aus Rückzug ein Lebensmuster wird. Früher Beziehung pflegen, bevor Funkstille zur letzten Sprache wird.

Das ist keine Garantie. Es gibt keine Garantie auf Kontakt. Keine Garantie auf Versöhnung. Keine Garantie, dass ein Sohn zurückkommt, weil ein Vater seine Wunde ehrlicher hält.

Aber es gibt eine Würde darin, nicht zu zerstören, was man liebt.

Und es gibt eine verletzliche, weinende Erleichterung darin, wenn die Wunde nicht zur Waffe werden muss.

Vielleicht ist das heute genug.

Nicht Frieden.

Aber ein Anfang von Verantwortung.

Weiterlesen / Quellen

Kein Kurs. Zum Glück.
Ein niederschwelliger Raum für Körper, Stimme, Stille, Humor und Beziehungspflege.

Tages-Anzeiger: Kontaktabbruch – vier Jahre ohne meine Tochter
Ausgangspunkt für diesen persönlichen Text über Funkstille, Elternschaft und späte Verantwortung.

 

...

Fragen, mit denen ich gerne ins Gespräch komme

☐ Wo wird Rückzug in Familien zu spät bemerkt?

☐ Wie können Eltern ihre Verletzung zeigen, ohne daraus Anklage zu machen?

☐ Was hilft Vätern, über Schmerz zu sprechen, bevor er sich in Härte verwandelt?

☐ Welche Räume brauchen junge Männer, um sich nicht nur stark, sondern auch ansprechbar zu fühlen?

☐ Wie kann Care auch dort beginnen, wo keine Versöhnung möglich ist?

 

.





 
 

Workshop-Vereinbarungen

A) Für das Gelingen des Workshops ist es erforderlich, dass TeilnehmerInnen von Beginn bis Ende anwesend sind. Sollte Dir dies nicht möglich sein, wende Dich bitte vor der Anmeldung an die Veranstalter.

B) Der Workshop dient der Persönlichkeitsbildung und bietet intensive Lernerfahrungen. Das kann unter Umständen emotional herausfordernd sein. Solltest Du in psychotherapeutischer Behandlung sein, bitten wir Dich, mit uns Kontakt aufzunehmen.