Benennen statt bekämpfen:
Gewalt unterbrechen, Verletzlichkeit beheimaten, Verantwortung möglich machen

Gewalt wird nicht weniger, wenn wir nur härter gegen sie sprechen. Sie wird aber auch nicht weniger, wenn wir sie verstehen wollen und dabei die Grenze verlieren. Der Umgang mit Gewalt braucht Schutz, Verantwortung und Räume, in denen Menschen früher ansprechbar werden.

Nicht Kampf gegen Kampf

Der Satz „Gewalt kann nur gemeinsam bekämpft werden“ klingt stark. Und doch stolpere ich darüber.Soll Gewalt bekämpft werden? Oder geraten wir damit sofort wieder in eine Sprache, die selbst nach Kampf klingt? Gewalt braucht klare Grenzen. Gewalt braucht Unterbruch. Gewalt braucht Schutz für Betroffene. Aber Gewalt braucht auch eine andere Frage: Wie wurde eine Wunde zur Waffe? Wo ist Scham zu Gebrüll geworden? Wo ist Trauer hinter Dominanz verschwunden? Wo wurde Überlastung nicht mehr gespürt, sondern weitergegeben?Verstehen heisst nicht entschuldigen. Zuhören heisst nicht relativieren. Grenze heisst nicht Entmenschlichung.Vielleicht ist der stärkere Satz deshalb:

Gewalt muss unterbrochen, begrenzt und verwandelt werden. Gemeinsam. Aber nicht unterschiedslos.

Schutz zuerst

GEMEINSCHAFT WAGEN ist kein Ort für Gefährdungsmanagement, Tätertherapie oder Opferberatung. Wir ersetzen keine Fachstellen, keine Notfallstruktur und keinen Schutzraum.Wenn Menschen akut gefährdet sind, braucht es Schutz. Dann braucht es Polizei, Opferhilfe, spezialisierte Beratung oder andere professionelle Unterstützung. Bei unmittelbarer Gefahr gilt der Notruf. In der Schweiz ist die Opferhilfe unter 142 erreichbar. Bei akuter Gefahr gilt Polizei 117 oder Rettung 144.Das ist wichtig, weil offene Räume nicht alles tragen können. Ein öffentlicher Resonanzraum darf nicht zum Ort werden, an dem Betroffene noch einmal erklären müssen, warum sie Schutz brauchen. Und er darf auch nicht zum Ort werden, an dem Menschen, die Gewalt ausüben oder androhen, sich hinter schönen Worten verstecken können.Schutz ist keine Härte gegen Beziehung. Schutz ist die Voraussetzung dafür, dass Beziehung nicht zur Zumutung wird.

Keine Menschenetiketten

Ich möchte nicht zu schnell von „den Gefährdeten“, „den Gefährdern“ oder „den Gefährlichen“ sprechen. Solche Wörter können helfen, Situationen einzuschätzen. Aber sie werden gefährlich, wenn sie Menschen festschreiben.Darum unterscheide ich lieber Situationen:Wer gefährdet ist, braucht Schutz.Wer gefährdend handelt, braucht Grenze und Verantwortung.Wer gefährlich wird, braucht sofortige Weitervermittlung oder Intervention.Wer am Kipppunkt steht, braucht früh genug einen Raum, in dem Ansprechbarkeit wieder möglich wird.Das ist keine weiche Sprache. Es ist genauere Sprache.Denn ein Mann, der akut droht, kontrolliert, stalkt, schlägt oder konkrete Gewalt ankündigt, gehört nicht zuerst in einen offenen Gemeinschaftsraum. Dann braucht es Schutz, Fachstellen und klare Intervention.Ein Mann aber, der merkt: Ich werde hart. Ich werde verächtlich. Ich verliere Kontakt. Ich schäme mich und will schreien. Ich ziehe mich zurück und werde innerlich gefährlich. Dieser Mann braucht vielleicht früher einen Raum, in dem er sprechen lernt, bevor aus seiner Wunde eine Waffe wird.

Männer am Kipppunkt

Männer ansprechen, wenn sie nicht ansprechbar sind, ist nicht einfach. Vielleicht ist es sogar unmöglich, wenn der Raum erst dann entsteht, wenn Gewalt schon da ist.Aber es wird etwas einfacher, wenn ich meine eigene Ansprechbarkeit besser kenne. Wenn ich weiss, was in mir passiert, wenn Scham, Angst, Ohnmacht oder Wut auftauchen. Wenn ich meinen Körper nicht verlasse, sobald es schwierig wird. Wenn ich nicht sofort erkläre, rette, beschwichtige, angreife oder mich moralisch über den anderen stelle.Männerarbeit beginnt nicht mit dem besseren Argument. Sie beginnt oft mit einem gehaltenen Raum.Wer spricht mit Männern, die müde sind, überlastet, traurig, einsam, gekränkt oder beschämt sind und all das hinter Coolness, Zynismus, Härte, Gebrüll oder politischer Radikalisierung verstecken?Nicht, um Gewalt zu entschuldigen. Sondern um sie früher zu unterbrechen.

Vertraulichkeit mit Grenze

Vertraulichkeit ist wichtig. Ohne Vertraulichkeit sprechen Menschen nicht ehrlich. Aber Vertraulichkeit darf nicht zur Geheimhaltung von Gefahr werden.Darum braucht jeder Raum, der mit Verletzlichkeit, Scham, Gewalt oder Dominanz in Berührung kommt, einen klaren Rahmen:

Was hier geteilt wird, behandeln wir vertraulich. Was hier gelernt wird, darf weiterwirken. Was Menschen konkret gefährdet, kann nicht geheim bleiben. Oder direkter:Ich höre dir zu. Ich beschäme dich nicht. Ich entschuldige keine Gewalt. Und wenn du konkrete Gewalt gegen dich oder andere ankündigst, bleibe ich nicht allein damit. Dann hole ich Hilfe oder verweise dich an die richtige Stelle.
Das ist keine Drohung. Das ist Rahmenschutz.

Was GEMEINSCHAFT WAGEN leisten kann

GEMEINSCHAFT WAGEN braucht nicht zuerst „die Richtigen“. Es braucht Menschen, die bereit sind, bei sich selbst anzufangen.Menschen, die fragen:
Wo bin ich nicht ansprechbar? Wo verliere ich Kontakt? Wo werde ich hart? Wo verwechsle ich Verletzlichkeit mit Schwäche? Wo schütze ich meinen Raum so, dass andere darin nicht kleiner werden müssen?Ein öffentlicher Raum kann Gewalt nicht allein lösen. Aber er kann dazu beitragen, dass Menschen früher sprechen lernen. Er kann eine Kultur stärken, in der Schutz nicht gegen Zuhören ausgespielt wird. Und er kann üben, was im Alltag oft fehlt: Grenze ohne Beschämung, Nähe ohne Übergriff, Verantwortung ohne stille Erwartungen.Vielleicht ist das der Kern:

Ich muss nicht Männer erreichen, die nicht erreichbar sein wollen. Ich kann Räume mitbauen, in denen Ansprechbarkeit früher möglich wird. Und ich kann wissen, wann mein Raum nicht mehr der richtige Raum ist.

Von der Wunde zur Verantwortung

Gewalt verletzt nicht nur den Moment. Sie wirkt in die Zukunft. In Kinder. In Familien. In Nachbarschaften. In Körper. In Schweigen. In Angst. In Misstrauen. In das, was später als Normalität weitergegeben wird.Ein Mann, der Gewalt ausübt, verletzt andere. Aber er zerstört auch etwas in sich selbst: seine eigene Beziehungsfähigkeit, seine Würde, seine Fähigkeit, sich berühren zu lassen. Er bringt seine Kinder in Loyalitätskonflikte. Er macht Nähe unsicher. Er hinterlässt Spuren, die nicht einfach verschwinden, nur weil niemand mehr darüber spricht.„Nach mir die Sintflut“ ist deshalb kein harmloser Satz. Es ist ein Selbstzerstörungsszenario mit sozialem Radius. Im Extrem beginnt es als Gewalt gegen sich selbst und endet als Gewalt gegen andere.Darum braucht es Räume, in denen Verletzlichkeit zu Hause sein kann, ohne dass Dominanz das letzte Wort bekommt.

Kein Kurs. Zum Glück.

Vielleicht ist genau deshalb Kein Kurs. Zum Glück. ein wichtiger Zugang: nicht als Gewaltprävention im engen Sinn, nicht als Therapie, nicht als Täterarbeit, sondern als Praxisraum für Anwesenheit, Körper, Stimme, Stille, Humor und Beziehung.Ein Raum, in dem Menschen üben können, früher zu spüren, früher zu sprechen, früher innezuhalten.Nicht erst, wenn alles brennt.

Weiterlesen / Quellen

Opferhilfe Schweiz: nationale Opferhilfe-Nummer 142Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann: Gewalt gegen Frauen und häusliche GewaltFachstellen für Männer-, Gewalt- und Konfliktberatung, zum Beispiel mannebüro züri, Agredis und Konflikt.GewaltKein Kurs. Zum Glück.
Die Angaben zu 142, 117 und 144 sind aktuell abgestützt: Die Opferhilfe Schweiz führt 142 als schweizweite Opferhilfe-Nummer, weist aber darauf hin, dass sie keine Notrufnummer ist; bei akuter Gefahr gelten Polizei 117 und medizinische Hilfe 144. (opferhilfe-schweiz.ch) Das EBG beschreibt häusliche Gewalt in der Schweiz als erhebliches Gewaltfeld mit regelmässigen Todesfällen und hohem Frauenanteil bei den Betroffenen. (ebg.admin.ch)


Fragen, mit denen ich gerne ins Gespräch komme

  • Wo verliere ich meine eigene Ansprechbarkeit, wenn es schwierig wird?
  • Woran merke ich, dass Scham in mir zu Härte, Rückzug, Zynismus oder Angriff wird?
  • Welche Grenzen brauche ich, damit Zuhören nicht zur Überforderung wird?
  • Wie kann Vertraulichkeit geschützt werden, ohne konkrete Gefahr geheim zu halten?
  • Welche Räume brauchen Männer, bevor ihre Wunde zur Waffe wird?
  • Wo braucht es nicht mehr Gespräch, sondern Schutz, Fachstelle oder Notruf?
  • Was kann ich beitragen, ohne mich zum Retter zu machen?


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