Männer, Schuld und der Raum dazwischen

Nicht nur Verletzte tragen Spuren. Auch wer verletzt, verliert manchmal den Kontakt zu einem Teil von sich selbst. Wenn Schuld nur isoliert wird, wird sie hart. Wenn sie in einem tragfähigen Raum verantwortbar wird, kann Reparatur beginnen.

Ich bin über ein Gespräch von Thomas Hübl mit Matthew Green gestolpert. Der Titel ist schwer und wichtig: Healing the Shadow Trauma of Transgression. Es geht um das, was geschieht, wenn Menschen Grenzen überschreiten, gegen die eigene Ethik handeln, andere verletzen oder sich später eingestehen müssen: Da war etwas nicht in Ordnung. Das interessiert mich nicht theoretisch. Es berührt genau jene Schwelle, an der Männer oft verstummen, verhärten, ausweichen oder in Rechtfertigung gehen. Und es berührt die Frage, warum es Räume braucht, in denen Schuld nicht wegmoderiert wird, aber auch nicht sofort zur Ausstossung führt.

Schuld macht einsam, wenn sie keinen Raum findet

Hübl und Green sprechen von shadow trauma: von einer Art Schattentrauma, das nicht dasselbe ist wie das Trauma der verletzten Person. Es geht nicht darum, Täter und Verletzte gleichzusetzen. Das wäre falsch. Es geht darum, ernst zu nehmen, dass auch die Person, die verletzt hat, etwas in sich abspalten kann: das eigene Empfinden für Beziehung, Ethik, Mitgefühl, Wahrheit. Hübl beschreibt dies als eine innere Abwesenheit, als eine Taubheit im System. (Point of Relation Podcast)

Das ist ein starker Gedanke für Männer im Kontakt.

Denn viele Männer kennen diesen Ort. Nicht unbedingt als grosse Schuldgeschichte. Oft kleiner, alltäglicher, schleichender: Ich habe nicht zugehört. Ich bin ausgewichen. Ich habe mich überlegen gemacht. Ich habe abgewertet. Ich habe geschwiegen, wo ich hätte sprechen sollen. Ich habe gesprochen, wo ich hätte zuhören sollen. Ich habe mich aus Beziehung verabschiedet und es lange nicht bemerkt.

Dann beginnt Absencing.

Nicht als böse Absicht. Sondern als Abwesenheit. Als Wegschauen. Als inneres Abschalten. Als: Ich spüre es lieber nicht.

Presencing beginnt, wenn ich nicht mehr ausweiche

Das neue Logo von GEMEINSCHAFT WAGEN mit den zwei offenen Halbkreisen ist mir hier wieder sehr nah. Der obere Halbkreis steht für Absencing: Abwesenheit, Verhärtung, Kontaktverlust, Taubheit. Der untere Halbkreis steht für Presencing: Anwesenheit, Verkörperung, Zuhören, Care, Würde, Verantwortung, geteilten Raum.

Zwischen diesen Halbkreisen bleibt ein Durchgang.

Genau dort beginnt Arbeit.

Nicht: Ich bin gut.
Nicht: Ich bin schlecht.
Sondern: Ich werde wieder anwesend.

Presencing heisst hier nicht, sich in Schuldgefühlen zu wälzen. Es heisst, die abgespaltene Stelle wieder in Beziehung zu bringen. Die Scham nicht allein zu tragen. Die Rechtfertigung nicht gewinnen zu lassen. Den Schmerz der anderen Person nicht zu übergehen. Und auch den eigenen Wunsch nach Wiederverbindung nicht zu verraten.

Hübl sagt im Gespräch sinngemäss: Frieden ist nicht die Abwesenheit von Konflikt, sondern die Fähigkeit, Konflikt in Beziehung zu halten. (Point of Relation Podcast)

Das ist für mich fast eine Definition von Gemeinschaft.

Beziehung trägt Entscheidung. Entscheidung schützt Beziehung.

In vielen Gruppen geschieht das Gegenteil. Dort wird entweder Beziehung beschworen, bis keine klare Entscheidung mehr möglich ist. Oder es wird entschieden, bis Beziehung beschädigt wird.

Bei Schuld, Scham und Verletzung wird dieser Widerspruch besonders sichtbar. Wenn alles nur auf Beziehung geht, wird Verantwortung weichgespült. Wenn alles nur auf Entscheidung, Sanktion oder Ausschluss geht, geht Lernfähigkeit verloren.

Darum brauche ich beide Sätze:

Beziehung trägt Entscheidung.
Entscheidung schützt Beziehung.

Ein tragfähiger Raum ist kein Freipass. Er ist auch kein Tribunal. Er ist ein Rahmen, in dem Verantwortung sichtbar, teilbar und verkörpert werden kann.

Manchmal braucht es Grenzen. Manchmal braucht es Abstand. Manchmal braucht es Schutz. Manchmal braucht es klare Konsequenzen. Und manchmal braucht es genau danach einen Raum, in dem nicht nur über Schuld gesprochen wird, sondern in dem Schuld wieder fühlbar, beziehbar und reparaturfähig werden darf.

Männer im Kontakt: nicht heroisch, aber ansprechbar

Für Männer im Kontakt ist das zentral.

Ich will keine Männerarbeit, die Männer entschuldigt. Ich will aber auch keine Männerarbeit, die Männer nur als Problem adressiert. Mich interessieren Männer am Kipppunkt: Männer, die spüren, dass Durchhalten, Rechthaben, Rückzug, Zynismus oder Bildschirm-Sog nicht mehr reichen.

Männer, die nicht länger nur funktionieren wollen.

Männer, die merken: Da ist etwas taub geworden.
Da ist Beziehung verloren gegangen.
Da ist Scham, die ich nicht zeigen will.
Da ist Schuld, die ich lieber erkläre als fühle.
Da ist eine Sehnsucht, wieder ansprechbar zu werden.

Ein Männerkreis kann hier ein kleiner Anfang sein. Nicht als Therapie. Nicht als Beichte. Nicht als moralische Bühne. Sondern als Erfahrungsraum.

Ein Mann spricht.
Andere hören zu.
Niemand rettet ihn.
Niemand vernichtet ihn.
Der Raum hält genug, damit etwas wahrer werden kann.

Care heisst auch: Reparatur (auch Heilung) ermöglichen

Care wird oft mit Fürsorge für Verletzte verbunden. Das ist richtig. Aber Care bleibt unvollständig, wenn sie keine Kultur der Reparatur entwickelt.

Reparatur heisst nicht: Alles ist wieder gut.

Reparatur heisst: Ich mache mich wieder beziehungsfähig. Ich übernehme meinen Anteil. Ich lasse mich vom Schmerz berühren, den ich mitverursacht habe. Ich suche nicht zuerst Entlastung, sondern Kontakt zur Wahrheit. Und ich tue konkrete Schritte, die nicht nur mir dienen.

Das ist Selfcare auf reiferer Ebene: nicht Selbstberuhigung gegen Verantwortung, sondern Selbstregulation für Verantwortung.

Denn wer sofort in Scham versinkt, ist nicht beziehungsfähig. Wer sofort in Abwehr geht, auch nicht. Wer aber gehalten genug ist, um sich nicht zu verlieren, kann beginnen, Verantwortung zu übernehmen.

Kein Kurs. Zum Glück.

Vielleicht ist genau das ein Grund, warum ich GEMEINSCHAFT WAGEN nicht als weiteren Kurs verstehe.

Wir brauchen nicht noch mehr Orte, an denen Menschen lernen, wie sie besser wirken. Wir brauchen Orte, an denen Menschen wieder wahrer werden dürfen. Weniger perfekt. Mehr verbunden.

Das öffentliche Wohnzimmer ist für mich ein solcher Versuch.

Ein Raum, in dem nicht alles sofort gelöst werden muss.
Ein Raum, in dem Schuld nicht isoliert bleibt.
Ein Raum, in dem Beziehung nicht gegen Verantwortung ausgespielt wird.
Ein Raum, in dem Männer nicht heroisch werden müssen, sondern ansprechbar.

Vielleicht beginnt Heilung dort, wo ein Mensch sagen kann:

Ich habe weggeschaut.
Ich habe verletzt.
Ich habe mich verloren.
Ich will wieder anwesend werden.
Nicht allein.
Nicht ohne Folgen.
Aber in Beziehung.

Fragen, mit denen ich gerne ins Gespräch komme

☐ Wo kenne ich Absencing in mir: Wegschauen, Taubheit, Rechthaben, Rückzug?

☐ Welche Schuld oder Scham wird härter, weil sie keinen guten Raum findet?

☐ Was wäre ein erster kleiner Schritt von Rechtfertigung zu Verantwortung?

☐ Wo brauche ich Schutz, Grenze oder Abstand, bevor Beziehung wieder möglich wird?

☐ Wo verwechsle ich Selfcare mit Ausweichen?

☐ Was würde Reparatur konkret heissen – nicht als grosses Wort, sondern als nächster kleiner Care-Akt?

☐ Welche Männer möchte ich nicht verlieren, obwohl ich ihr Verhalten nicht entschuldige?

☐ Wie können wir Räume schaffen, in denen Wahrheit, Würde und Konsequenz zusammenpassen?

Weiterlesen / Quellen

Thomas Hübl und Matthew Green sprechen in Point of Relation, Episode 199, über Schattentrauma nach Grenzüberschreitungen, moral injury, Scham, sichere Gemeinschaften, Reparatur und Beziehungskapazität. (Point of Relation Podcast)

Die Podcast-Plattform Captivate führt dieselbe Episode mit einer Länge von 52:08 Minuten und verlinkt die Videofassung auf YouTube. (Captivate Player)

Matthew Green wird dort als Journalist, Co-Host von What Is Collective Healing?, Autor von Aftershock, DeSmog-Redaktor und Mitgründer von Resonant Man beschrieben. (Point of Relation Podcast)

Thomas Hübl wird als Autor und internationaler Facilitator im Feld kollektiver Traumaheilung beschrieben; zu seinen Büchern gehören unter anderem Healing Collective Trauma und Attuned. (Captivate Player)

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