Zuhören heisst nicht zustimmen

Verstehen heisst nicht, Verständnis zu haben. Und Verständnis haben heisst nicht, einverstanden zu sein. Dieser Satz öffnet einen Raum, den wir dringend brauchen: einen Raum, in dem Menschen einander wirklich zuhören können, ohne sich selbst aufzugeben. Aus dem Newsletter von Pioneers of Change vom 24. Mai 2026 nehme ich einen Satz mit, der bei mir hängen bleibt. Friedemann Schulz von Thun brachte beim Summit eine Unterscheidung auf den Punkt, die im Alltag schnell verloren geht: Verstehen, Verständnis und Einverständnis sind nicht dasselbe.

Das klingt einfach. Im Alltag ist es alles andere als einfach.

Denn oft verwechseln wir Zuhören mit Nachgeben. Oder wir fürchten, dass wir einer schwierigen, fremden oder sogar schmerzhaften Position schon zu viel Raum geben, wenn wir sie überhaupt erst ernsthaft anhören. Also gehen wir innerlich in Deckung. Wir bereiten die Antwort vor, noch während der andere spricht. Wir sammeln Gegenargumente. Wir prüfen: Stimmt das mit meiner Welt überein? Darf das überhaupt gesagt werden? Muss ich mich sofort abgrenzen?

Manchmal ist Abgrenzung nötig. Aber nicht jedes Verstehen ist bereits ein Verrat an der eigenen Haltung.

Das Ich-Ohr hört sich selbst

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen unterscheidet zwischen dem Ich-Ohr und dem Du-Ohr. Das Ich-Ohr hört vor allem entlang der eigenen Überzeugungen. Es fragt: Passt das zu dem, was ich schon weiss? Bestätigt mich das? Bedroht mich das? Muss ich reagieren?

Dieses Ohr ist nicht falsch. Es schützt uns. Es hilft uns, Position zu beziehen. Es merkt, wenn etwas gefährlich, verletzend oder unredlich wird. Wir brauchen dieses Ohr.

Aber wenn nur noch das Ich-Ohr hört, wird jedes Gespräch eng. Dann begegnen wir dem anderen nicht mehr, sondern nur noch unserem eigenen inneren Kommentar. Wir hören nicht mehr, was gesagt wird, sondern vor allem, was es in uns auslöst.

Dann wird Zuhören zur Verteidigung.

Das Du-Ohr sucht den Menschen hinter der Meinung

Das Du-Ohr hört anders. Es fragt nicht zuerst: Bin ich einverstanden? Es fragt: Was bewegt diesen Menschen? Welche Erfahrung spricht hier? Welche Angst, welche Sehnsucht, welche Kränkung, welche Hoffnung steckt hinter dieser Position?

Das heisst nicht, alles gutzuheissen. Es heisst auch nicht, Grenzen aufzugeben. Das Du-Ohr macht uns nicht weich im schlechten Sinn. Im Gegenteil: Es macht uns genauer.

Denn wer wirklich zuhört, wird nicht beliebig. Wer wirklich zuhört, unterscheidet besser. Zwischen Person und Position. Zwischen Erfahrung und Schlussfolgerung. Zwischen Schmerz und Angriff. Zwischen Bedürfnis und Ideologie.

Gerade deshalb ist Zuhören eine Praxis der Reife.

Beziehung trägt Entscheidung

Für GEMEINSCHAFT WAGEN ist dieser Impuls zentral. Beziehung trägt Entscheidung. Entscheidung schützt Beziehung. Das heisst nicht, dass Wahrheit egal wird. Es heisst nicht, dass jede Meinung gleich tragfähig ist. Es heisst auch nicht, dass wir alles stehen lassen müssen.

Es heisst: Beziehung ist der Raum, in dem Unterschiedlichkeit überhaupt erst gehalten werden kann.

Wenn ich nur recht haben will, wird der andere zum Hindernis. Wenn ich wirklich verstehen will, wird der andere wieder ein Mensch. Und erst dann kann ich klarer unterscheiden: Wo brauche ich Grenze? Wo brauche ich Nachfrage? Wo brauche ich eine Pause? Wo brauche ich Mut, dabeizubleiben?

Das ist keine Romantik. Es ist Arbeit.

Ich kenne das auch: Manche Sätze lösen in mir zuerst Widerstand aus, nicht Neugier. Manche Meinungen machen mich müde, ärgerlich oder misstrauisch. Und ja, es hängt auch davon ab, wer mir gegenübersitzt. Nicht jede Begegnung ist gleich leicht. Nicht jedes Gespräch ist dran. Nicht jeder Raum ist sicher genug.

Aber dort, wo ein Gespräch möglich ist, beginnt die Übung oft genau an dieser Schwelle: Bleibe ich offen genug, um zu hören? Und bleibe ich klar genug, um mich nicht zu verlieren?

Zuhören ist körperlich

Wirkliches Zuhören geschieht nicht nur im Kopf. Manchmal merken wir es im Körper. Die Schultern sinken. Der Atem wird tiefer. Der Raum wird weiter. Die innere Anspannung lässt nach, weil nicht sofort gekämpft werden muss.

Das ist kein esoterischer Nebeneffekt. Es ist ein Hinweis.

Ein Gespräch verändert sich, wenn jemand nicht sofort antworten muss. Wenn eine Pause bleiben darf. Wenn ein Satz nicht gleich bewertet, verbessert oder eingeordnet wird. Wenn jemand wirklich da ist.

Dann entsteht nicht automatisch Einigkeit. Aber etwas anderes wird möglich: Kontakt.

Nicht einverstanden. Und trotzdem in Beziehung.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Fähigkeiten für diese Zeit: nicht einverstanden sein können, ohne sofort die Beziehung abzubrechen. Nicht alles relativieren. Nicht alles schlucken. Nicht alles erklären. Aber auch nicht jedes Andersdenken sofort als Angriff behandeln.

Verstehen heisst nicht, Verständnis zu haben.

Verständnis haben heisst nicht, einverstanden zu sein.

Und nicht einverstanden sein heisst nicht, den Menschen dahinter aufzugeben.

Das ist die feine Linie.

Auf ihr kann Beziehung wachsen. Auf ihr kann Demokratie atmen. Auf ihr kann ein öffentliches Wohnzimmer entstehen, in dem Menschen nicht kleiner werden müssen, nur weil sie verschieden sind.

Fragen, mit denen ich gerne ins Gespräch komme

  • Wo höre ich vor allem mit dem Ich-Ohr?
  • Wann gelingt mir das Du-Ohr?
  • Bei welchen Menschen oder Meinungen verliere ich meine Offenheit besonders schnell?
  • Wo verwechsle ich Verstehen mit Zustimmung?
  • Wo benutze ich Zustimmungspflicht als Schutz vor echter Begegnung?
  • Wo brauche ich nicht mehr Argumente, sondern zuerst einen Atemzug?
  • Was würde sich verändern, wenn ich einen Moment länger zuhören würde?

Weiterlesen und Quellen

Pioneers of Change: Nicht einverstanden. Und trotzdem verbunden. Newsletter vom 24. Mai 2026
Der Ausgangsimpuls dieses Artikels: Zuhören, ohne die eigene Haltung aufzugeben; Ich-Ohr und Du-Ohr; Verbindung trotz Unterschiedlichkeit.

Schulz von Thun Institut: Schwierige Gespräche führen
Zur Unterscheidung von Verstehen, Verständnis und Einverständnis sowie zur Bedeutung von aktivem Zuhören in eskalierenden Gesprächen.

Schulz von Thun Institut: Schlüsselbegriffe der Kommunikationspsychologie
Zum Dialog als Gesprächsform, in der Zuhören, Standpunkt und Erkenntnisgewinn zusammenkommen.

Bernhard Pörksen: Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen
Das Buch zum Thema Zuhören als persönliche, journalistische und gesellschaftliche Praxis.

NDR Kultur: «Zuhören»: Die Kunst, sich der Welt zu öffnen
Eine zugängliche Besprechung von Pörksens Buch und seiner Suche nach einer Kunst des Zuhörens jenseits einfacher Rezepte.

Mehr Demokratie: Sprechen & Zuhören
Ein einfaches Dialogformat, in dem Menschen in Kleingruppen sprechen und einander ohne Unterbrechung zuhören.

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