
Das Zürcher Theater Spektakel 2026 stellt seinen thematischen Fokus unter den Titel «Demokratie und Versammlung». Mich berührt daran, dass Demokratie hier nicht zuerst als Verfahren erscheint, nicht als Abstimmung, nicht als Meinungsmarkt, nicht als moralische Belehrung. Sondern als etwas, das Vertrauen braucht. Körper. Räume. Stimmen. Versammlung. Genau dort beginnt für mich auch GEMEINSCHAFT WAGEN.
Demokratie beginnt nicht erst im Parlament. Sie beginnt dort, wo Menschen sich wieder versammeln können, ohne einander kleiner machen zu müssen.
Das klingt einfach. Vielleicht zu einfach. Und doch ist es in einer Zeit, in der sich Menschen in Kommentarspalten, Empörungsschlaufen, politischen Lagern und digitalen Filterblasen verlieren, fast schon eine Zumutung: wieder im selben Raum sein. Wieder zuhören. Wieder widersprechen. Wieder bleiben. Wieder spüren, dass ein Körper neben mir nicht zuerst eine Position ist, sondern ein Mensch.
Das Zürcher Theater Spektakel 2026 sucht für diese Zumutung Bilder, Worte, Körper und Situationen. Der Fokus «Demokratie und Versammlung» fragt danach, wie Vertrauen, Gemeinschaft und demokratische Ordnung zusammenhängen. Er fragt auch, wie rechte Narrative, autoritäre Sehnsüchte und die Vereinzelung in sozialen Medien unsere gemeinsamen Räume angreifen. Für mich ist das nicht nur ein Festivalthema. Es ist eine präzise Gegenwartsdiagnose.
Und es ist ein Resonanzraum für GEMEINSCHAFT WAGEN.
Demokratie wird oft erst dann beschworen, wenn sie bedroht ist. Dann reden wir von Institutionen, Wahlen, Parteien, Rechtsstaatlichkeit, Medien, Öffentlichkeit. Alles wichtig. Alles verletzlich. Alles schützenswert.
Aber Demokratie lebt nicht nur von Verfahren. Sie lebt von Menschen, die überhaupt noch beziehungsfähig genug sind, um Verfahren zu tragen.
Sie lebt von Körpern, die nicht sofort flüchten, wenn es schwierig wird. Von Stimmen, die hörbar werden, ohne andere zu übertönen. Von Räumen, in denen Widerspruch nicht sofort Beziehung zerstört. Von Rahmen, die Freiheit nicht ersticken, sondern ermöglichen. Von Rhythmen, die Gemeinschaft nicht als Ausnahme, sondern als Übung begreifen.
Genau darum berührt mich dieser Fokus. Das Festival denkt Demokratie nicht nur als Debatte, sondern als Körper, Chor, Versprechen, Öffentlichkeit, Risiko und Begegnung.
«Multitud» bringt rund 80 Zürcher Laientänzer*innen auf die Bühne. Nicht als Bild von Gemeinschaft, sondern als unmittelbare Erfahrung eines kollektiven Körpers. Viele Menschen kommen zusammen, atmen, bewegen sich, finden zueinander. Zusammenkommen wird zum politischen Akt.
Das ist für GEMEINSCHAFT WAGEN fast ein Schlüsselbild. Nicht weil wir tanzen müssen, um Demokratie zu retten. Sondern weil Demokratie ohne Leiblichkeit austrocknet. Ohne Erfahrung von Nähe, Distanz, Rhythmus, Reibung und gemeinsamer Bewegung wird sie abstrakt. Dann bleibt sie im Kopf hängen – oder im Streit.
Besonders stark finde ich «Public Trust». Die interaktive Installation lädt Besucher*innen ein, ein öffentliches Versprechen abzugeben. Ein Schwur, ein Pinky Promise, ein heiliges Ehrenwort. Die Versprechen erscheinen anonym auf einer grossen Tafel neben politischen, wissenschaftlichen und tagesaktuellen Versprechen aus den Schlagzeilen.
Das trifft einen Nerv.
Denn Vertrauen ist keine private Nettigkeit. Vertrauen ist demokratische Infrastruktur.
Wenn Vertrauen zerfällt, wird jedes Wort verdächtig. Dann werden Fakten zu Meinungen, Institutionen zu Feinden, Kompromisse zu Verrat und Unterschiedlichkeit zu Bedrohung. Dann wird Politik schnell zur Kränkungspolitik. Und wer sich gekränkt, einsam und bedeutungslos fühlt, wird empfänglich für Erzählungen, die einfache Schuldige anbieten.
Hier liegt die Verbindung zu meiner Formel:
Beziehung trägt Entscheidung. Entscheidung schützt Beziehung.
Das ist keine Flucht aus der Sachebene. Im Gegenteil. Es ist die Voraussetzung dafür, dass Sachebene überhaupt wieder möglich wird. Wenn Beziehung fehlt, werden Entscheidungen zu Machtproben. Wenn Entscheidung fehlt, werden Beziehungen klebrig, unklar oder überfordert. Eine reife demokratische Praxis braucht beides: tragende Beziehung und schützende Entscheidung.
Darum gehört für mich «Violenza 2025» zu den wichtigsten Stücken dieses Festivalfokus. Die Arbeit untersucht wütende, enttäuschte junge Männer, die sich rechten Ideologien zuwenden. Es geht um Manosphere, antifeministische Ressentiments, autoritäre Sehnsüchte, Gewaltfantasien und die Verschiebung des Sagbaren.
Das ist unbequem. Und nötig.
Denn die demokratische Frage ist nicht nur: Wie verteidigen wir Institutionen? Sie lautet auch: Wer spricht mit Männern am Kipppunkt, bevor sie nur noch von jenen angesprochen werden, die ihre Kränkung politisch verwerten?
Beschämen reicht nicht. Verharmlosen auch nicht. Wir brauchen Räume, in denen Männer wieder ansprechbar werden, ohne dass Gewalt, Frauenfeindlichkeit oder autoritäre Fantasien verharmlost werden. Räume, in denen Verantwortung möglich wird, bevor sich Ressentiment verhärtet.
Das ist eine der Linien von GEMEINSCHAFT WAGEN und «Männer im Kontakt»: nicht peinlich, nicht cringe, nicht moralisch aufgeblasen – sondern klar, körperlich, beziehungsfähig, verantwortlich.
«Teenage Songbook of Love and Sex» berührt eine andere Seite desselben Themas. Jugendliche und junge Erwachsene aus Zürich und Reykjavík singen selbst geschriebene Songs über Jungsein, Körper im Wandel, Begehren, Sex, Hoffnung, peinliche Momente und Herzschmerz.
Über Jugendliche wird viel gesprochen. Ihnen wird selten wirklich zugehört.
Auch das ist demokratisch relevant. Wer junge Menschen nur als Problem, Zielgruppe oder Zukunft adressiert, verpasst ihre Gegenwart. Ihre Stimmen gehören nicht in die Warteschlaufe. Sie gehören auf die Bühne, in die Stadt, in die Versammlung.
Vielleicht ist das einer der schönsten Sätze, die ich aus diesem Festivalfokus mitnehme: Demokratie beginnt dort, wo jene sprechen können, über die sonst gesprochen wird.
«Dans la Mesure de l’Impossible» von Tiago Rodrigues öffnet den Blick auf Menschen, die in Krisengebieten helfen und dabei ihr eigenes Leben riskieren. Es geht um Humanität, Mut, Risiko, Sehnsucht, Verantwortung, Mitgefühl und die Vulnerabilität unserer Welt.
Auch das gehört zu Demokratie und Versammlung.
Denn demokratische Kultur lebt nicht nur von Rechten, sondern auch von Sorge. Von der Frage, wie wir aufeinander bezogen bleiben, wenn es gefährlich wird. Wie wir handeln, ohne uns zu opfern. Wie Care sichtbar wird, ohne romantisiert zu werden. Wie Verantwortung nicht zur stillen Erwartung wird, sondern geteilt, gerahmt und getragen werden kann.
GEMEINSCHAFT WAGEN nennt das Care und Selfcare im Gleichgewicht. Nicht alles allein retten. Aber auch nicht wegschauen.
Sehr nah an GEMEINSCHAFT WAGEN ist auch «Die Allianz der letzten Demokratien». Das Stück nennt sich ein Pre-Enactment: ein fiktives, aber real erlebbares Zukunftsszenario. Die Schweiz muss entscheiden, ob sie einer Allianz demokratischer Staaten beitritt. Das Publikum wird Teil einer Volksversammlung und verhandelt demokratische Prinzipien, Zukunftsangst, Verantwortung und Neutralität.
Das ist Theater als Proberaum.
Nicht nur zuschauen, sondern mitdenken. Nicht nur Meinung haben, sondern sich in eine Entscheidung hineinbegeben. Nicht nur Demokratie verteidigen, sondern sie unter Bedingungen von Unsicherheit üben.
Für mich ist das eine wichtige Spur: Wir brauchen mehr Proberäume für Zukunft. Nicht Simulation als Spielerei, sondern Probehandeln. Szenische Türöffner. Resonanzräume. öffentliche Wohnzimmer. Orte, in denen wir lernen, wie Entscheidung, Beziehung, Verantwortung und Widerspruch zusammengehen könnten.
Wenn ich aus dem Fokus «Demokratie und Versammlung» eine GEMEINSCHAFT-WAGEN-Spur für den Ticketkauf legen müsste, würde ich nicht zuerst nach Prominenz auswählen, sondern nach Resonanzfeldern.
Meine erste Empfehlung wäre «Multitud». Weil dort Gemeinschaft nicht erklärt, sondern körperlich erfahrbar wird. Für alle, die verstehen wollen, warum Demokratie nicht nur Kopf und Meinung ist, sondern auch Rhythmus, Bewegung und kollektive Energie.
Meine zweite Empfehlung wäre «Public Trust». Eigentlich kein Ticketkauf, sondern ein freier Besuch. Aber vielleicht ist es gerade deshalb zentral: hingehen, ein Versprechen abgeben, die eigenen Worte öffentlich machen und sich fragen, was Vertrauen heute noch bedeutet.
Meine dritte Empfehlung wäre «Violenza 2025». Nicht als angenehmer Abend, sondern als notwendige Konfrontation. Wer sich mit Männerbildern, Radikalisierung, rechten Narrativen und demokratischer Verwundbarkeit beschäftigt, sollte dieses Stück prüfen.
Meine vierte Empfehlung wäre «Teenage Songbook of Love and Sex». Weil demokratische Kultur nicht reif wird, wenn sie Jugend nur kommentiert. Sie wird reifer, wenn sie jungen Stimmen zuhört – auch dort, wo es um Körper, Scham, Begehren, Liebe und Peinlichkeit geht.
Meine fünfte Empfehlung wäre «Die Allianz der letzten Demokratien». Weil hier Demokratie nicht nur Thema ist, sondern als Entscheidungssituation geprobt wird. Das passt direkt zu der Frage, wie wir Zukunft nicht nur analysieren, sondern handelnd betreten.
Dazu würde ich mindestens ein Gespräch aus «Talking on Water» besuchen: Jason Stanley zu Sprache, Macht und der Zukunft des öffentlichen Lebens, oder Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey zur Frage, warum manche Menschen demokratische Strukturen zerstören wollen. Das sind keine Beiprogramme. Das sind Denk- und Resonanzräume.
Und wer Care, Frieden und globale Verletzlichkeit stärker ins Zentrum nehmen möchte, sollte «Dans la Mesure de l’Impossible» prüfen.
GEMEINSCHAFT WAGEN ist kleiner als ein internationales Festival. Viel kleiner. Und doch berühren sich die Fragen.
Wie schaffen wir Räume, in denen Menschen wieder anwesend werden können?
Wie schützen wir Beziehung, ohne Entscheidung zu vermeiden?
Wie verhindern wir, dass Wut, Einsamkeit und Kränkung nur noch von autoritären Erzählungen eingesammelt werden?
Wie hören wir Jugendlichen, sorgenden Menschen, alten Menschen, verletzlichen Menschen, suchenden Männern, erschöpften Nachbar*innen und politisch anders Denkenden so zu, dass daraus nicht Beliebigkeit entsteht, sondern Verantwortung?
Ein öffentliches Wohnzimmer ist kein Ersatz für Parlamente, Gerichte, Schulen, Medien oder Verwaltungen. Aber es kann etwas vorbereiten, was diese Institutionen dringend brauchen: Menschen, die wieder ansprechbar werden. Menschen, die sich versammeln können. Menschen, die Widerspruch nicht sofort als Feindschaft lesen. Menschen, die mit ihrer Stimme, ihrem Körper, ihrem Humor und ihrer Sorge wieder Teil eines Ganzen werden.
Vielleicht ist das die leise politische Kraft von Kunst und Gemeinschaft: Sie erinnern uns daran, dass Demokratie eine leibliche Praxis ist.
Nicht nur Kopf. Nicht nur Kommentar. Nicht nur Kreuz auf dem Stimmzettel.
Sondern Atem. Blick. Stimme. Kreis. Entscheidung. Verantwortung. Humor. Zumutung. Vertrauen.
Am Ende bleibt für mich die Frage aus «Public Trust»:
Was für ein Versprechen gebe ich ab?
Nicht gross. Nicht heroisch. Nicht moralisch überhöht.
Vielleicht nur dieses:
Ich will Räume mitbauen, in denen Menschen nicht kleiner werden müssen, um dazuzugehören. Ich will Beziehung nicht gegen Entscheidung ausspielen. Ich will Demokratie nicht nur verteidigen, sondern üben. Im Gespräch. Im Körper. Im Kreis. Im öffentlichen Wohnzimmer.
Weniger perfekt. Mehr verbunden.
Wo erleben wir heute noch echte Versammlung?
Was braucht Vertrauen, damit es nicht naiv wird?
Welche Räume fehlen, damit Menschen wieder handelnde Subjekte werden?
Wie sprechen wir mit Männern am Kipppunkt, ohne zu beschämen und ohne zu verharmlosen?
Wie können Kunst, Care und Demokratie einander stärken?
Und welches kleine Versprechen wäre meines – heute, konkret, überprüfbar?
Zürcher Theater Spektakel: Thematischer Fokus 2026 – Demokratie und Versammlung
Zürcher Theater Spektakel: Ticketinfo 2026
Programmseiten zu «Multitud», «Public Trust», «Violenza 2025», «Teenage Songbook of Love and Sex», «Die Allianz der letzten Demokratien», «Dans la Mesure de l’Impossible» sowie «Talking on Water»
Korrigiert: Gianni Guardavia = Pro / Ja zur Nachhaltigkeitsinitiative, Maria Spaccaviso = Contra / Nein zur Nachhaltigkeitsinitiative.
Suno-Song: Mir ist wichtig
Figuren:
Gianni Guardavia – Pro / Ja zur Nachhaltigkeitsinitiative
Maria Spaccaviso – Contra / Nein zur Nachhaltigkeitsinitiative
Style Prompt für Suno:
Warm acoustic ukulele circle song, simple four-chord loop, gentle male and female call-and-response vocals, soft handclaps, community singing, intimate public living room atmosphere, hopeful but fragile, 90 BPM, folk pop, minimal percussion, layered humming, easy chorus.
Chords:
C – G – Am – F
durchgehend als Loop
⸻
Intro
Ukulele leise, Summen im Kreis
Mmmh — mir ist wichtig.
Mmmh — dir ist wichtig.
Mmmh — wir hören hin,
bevor es wieder kippt.
⸻
Strophe 1 – Gianni Guardavia
Gianni Guardavia sagt:
Mir ist wichtig, dass ein Land
nicht immer nur mehr tragen muss.
Mir ist wichtig, dass die Schule atmet,
dass die Pflege nicht zerbricht.
Mir ist wichtig, dass ein Zuhause
nicht nur ein Wort auf Papier ist.
Maria Spaccaviso hört und sagt noch nichts.
Sie hält ihr Nein in der Hand.
⸻
Refrain
Mir ist wichtig.
Dir ist wichtig.
Unter jedem Satz
schlägt ein Herz.
Mir ist wichtig.
Dir ist wichtig.
Bevor wir sagen:
Du bist falsch.
⸻
Strophe 2 – Maria Spaccaviso
Maria Spaccaviso sagt:
Mir ist wichtig, dass ein Mensch
nicht nur als Zahl erscheint.
Mir ist wichtig, dass Zugehörigkeit
nicht kleiner wird durch Angst.
Mir ist wichtig, dass ein Land
nicht Grenzen baut im Herzen.
Gianni Guardavia hört und atmet schwer.
Er hält sein Ja in der Hand.
⸻
Bridge – Es kippt
Maria Spaccaviso sagt:
Diese Initiative hatte fremdenfeindliche Energie.
Gianni Guardavia sagt:
Jetzt bin ich beschämt.
Maria Spaccaviso sagt:
Ich meinte nicht dich.
Gianni Guardavia sagt:
Aber es landet in mir.
Beide schweigen.
Beide schauen weg.
Zwei Sprechblasen fallen
leise auf den Boden.
⸻
Strophe 3 – Zurück ins Herz
Gianni Guardavia sagt:
Ich will niemanden kleiner machen.
Maria Spaccaviso sagt:
Ich will dich nicht beschämen.
Gianni Guardavia sagt:
Ich brauche ehrliche Grenzen.
Maria Spaccaviso sagt:
Ich brauche offene Türen.
Beide sagen:
Vielleicht beginnt Demokratie
nicht mit dem letzten Wort,
sondern mit dem ersten Hören.
⸻
Refrain
Mir ist wichtig.
Dir ist wichtig.
Unter jedem Satz
schlägt ein Herz.
Mir ist wichtig.
Dir ist wichtig.
Bevor wir sagen:
Du bist falsch.
⸻
Outro
Beziehung trägt Entscheidung.
Entscheidung schützt Beziehung.
Wir decken einen Tisch
für die Sprechblasen, die noch fehlen.
Mmmh — mir ist wichtig.
Mmmh — dir ist wichtig.
Mmmh — wir hören hin,
bevor es wieder kippt.
...
.
A) Für das Gelingen des Workshops ist es erforderlich, dass TeilnehmerInnen von Beginn bis Ende anwesend sind. Sollte Dir dies nicht möglich sein, wende Dich bitte vor der Anmeldung an die Veranstalter.
B) Der Workshop dient der Persönlichkeitsbildung und bietet intensive Lernerfahrungen. Das kann unter Umständen emotional herausfordernd sein. Solltest Du in psychotherapeutischer Behandlung sein, bitten wir Dich, mit uns Kontakt aufzunehmen.