
Nach der Abstimmung über die Nachhaltigkeitsinitiative bleibt bei mir nicht nur ein politisches Resultat zurück. Es bleibt ein sozialer Riss. Die Initiative wurde abgelehnt. Gut so. Aber fast die Hälfte der Stimmenden hat Ja gesagt. Und nun beginnt die schwierigere Arbeit: nicht triumphieren, nicht beschämen, nicht relativieren. Sondern fragen, wie wir in diesem Land über Zugehörigkeit, Überforderung und Menschenwürde sprechen, ohne dass Demokratie zur gegenseitigen Abwertung verkommt.
Nicht Benehmen ist das Problem. Beziehungslosigkeit ist das Problem.
Jacqueline Fehr hat nach der Abstimmung einen wunden Punkt berührt. In ihrem LinkedIn-Beitrag zur Nachdebatte kritisierte sie, dass die Diskussion plötzlich stark um Ton, Benehmen und politische Anständigkeit kreiste. Darf eine Magistratin das Ja-Lager scharf kritisieren? Darf man nach einer solchen Abstimmung von Fremdenfeindlichkeit sprechen? Muss man nicht einfach freundlich bleiben, weil man ja danach wieder zusammen Lösungen finden muss?
Ich verstehe den Impuls zur Mässigung. Ich kenne ihn auch in mir selbst. Ich möchte nicht ständig eskalieren. Ich möchte Räume offen halten. Ich möchte, dass Menschen nach einem Abstimmungssonntag noch miteinander reden können. Aber ich merke auch: Eine Demokratie wird nicht dadurch reif, dass sie harte Dinge weichspült. Wenn eine politische Kampagne mit Angst vor den Anderen arbeitet, wenn Zugehörigkeit verengt wird, wenn Menschen zu Belastungszahlen, Dichtestress oder Fremdkörpern gemacht werden, dann reicht eine Benehmensdebatte nicht.
Gleichzeitig reicht auch moralische Klarheit allein nicht. Wer nur sagt: «Das war fremdenfeindlich», hat vielleicht recht. Aber er oder sie hat damit noch keinen Raum geschaffen, in dem die verletzten, überforderten, wütenden oder verunsicherten Menschen wieder ansprechbar werden. Genau dort beginnt für mich die eigentliche demokratische Arbeit.
Nicht Benehmen ist das Problem. Beziehungslosigkeit ist das Problem.
Die Würde schützen, ohne die Sorgen zu verwalten
Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)» wurde am 14. Juni 2026 abgelehnt. Laut den vorläufigen amtlichen Endergebnissen des EJPD stimmten 45,21 Prozent Ja und 54,79 Prozent Nein; die Stimmbeteiligung lag bei 58,86 Prozent. Auch SRF berichtete, dass die Initiative mit rund 54,8 Prozent Nein-Stimmen gescheitert ist.
Ich will die Sorge vor Überforderung nicht lächerlich machen. Wohnungsnot ist real. Volle Züge sind real. Steigende Mieten sind real. Druck in Schulen, Pflege, Sozialarbeit und Infrastruktur ist real. Menschen erleben Verdichtung nicht als abstrakte Statistik, sondern im Tram, im Treppenhaus, im Klassenzimmer, in der Steuerrechnung, in der Warteschlange, im eigenen Körper.
Aber aus realer Überforderung folgt nicht automatisch eine gute politische Antwort. Eine Zahlengrenze für Menschen ist noch keine Caring Community. Ein Deckel löst keine Mietpolitik. Eine nationale Angstformel baut keine Wohnungen, stärkt keine Pflege, entlastet keine Schulen und schafft keine tragfähigen Beziehungen im Quartier.
Genau hier braucht es die doppelte Bewegung, die ich mit GEMEINSCHAFT WAGEN immer stärker zu fassen versuche:
Beziehung trägt Entscheidung. Entscheidung schützt Beziehung.
Beziehung trägt Entscheidung heisst: Wir hören die Sorgen, bevor sie sich verhärten. Wir nehmen Überforderung ernst, bevor sie in Feindbilder ausweicht. Wir schaffen Räume, in denen Menschen sagen dürfen: «Mir wird das alles zu viel», ohne dafür sofort beschämt zu werden.
Entscheidung schützt Beziehung heisst aber auch: Menschenwürde ist nicht verhandelbar. Zugehörigkeit darf nicht entlang von Herkunft, Pass, Akzent, Religion, Hautfarbe oder Aufenthaltsstatus entzogen werden. Eine Demokratie muss Grenzen setzen, wenn Sorge zur Abwertung wird. Nicht aus moralischer Überlegenheit, sondern aus Verantwortung.
Wer in der Schweiz zuhause sein darf
Die tiefere Frage hinter dieser Abstimmung lautet für mich nicht nur: Wie viele Menschen verträgt die Schweiz? Die tiefere Frage lautet: Wer darf sich in diesem Land zuhause fühlen, ohne sich ständig rechtfertigen zu müssen?
Diese Frage betrifft nicht nur Migrantinnen und Migranten. Sie betrifft auch Alte, Junge, Arme, Alleinerziehende, Menschen mit Behinderung, psychisch belastete Menschen, queere Menschen, Männer am Kipppunkt, Frauen mit Care-Last, Menschen auf dem Land, Menschen in der Stadt, Menschen, die sich politisch nicht mehr vertreten fühlen. Zugehörigkeit ist kein romantisches Wort. Zugehörigkeit ist eine demokratische Infrastruktur.
Wenn Zugehörigkeit knapp wird, entsteht Konkurrenz um Würde. Dann wird aus dem Gefühl «Ich werde nicht gesehen» schnell der Satz: «Die anderen nehmen mir etwas weg.» Dann wird aus einer Wunde eine Waffe.
Ich kenne diese Bewegung aus meinem eigenen Leben. Wenn ich mich übergangen, beschämt oder ohnmächtig fühle, werde ich nicht automatisch grosszügig. Ich werde enger. Schneller. Rechthaberischer. Ich will dann klären, bevor ich wieder spüre. Ich will entscheiden, bevor Beziehung tragen kann. Und genau dort beginnt die Arbeit: nicht bei den anderen, sondern auch in meinem eigenen Kopf, meinem eigenen Herzen, meiner eigenen Sprache.
Demokratie beginnt nicht erst im Bundeshaus
Ich glaube immer weniger, dass Demokratie nur in Institutionen entsteht. Sie braucht Institutionen, unbedingt. Sie braucht Rechtsstaat, Abstimmungen, Parlamente, Medien, Gerichte, Parteien, klare Verfahren. Aber Demokratie beginnt auch am Küchentisch, im Treppenhaus, im Lehrerzimmer, im Altersheim, in der Männergruppe, in der Familie, im Quartier.
Dort lernen wir, ob Unterschiedlichkeit gefährlich ist oder gehalten werden kann. Dort lernen wir, ob Konflikt Beziehung zerstört oder reifer macht. Dort lernen wir, ob wir nur dann dazugehören, wenn wir brav, passend, leistungsfähig, schweigsam oder nützlich sind.
Vielleicht hat mich diese Abstimmung deshalb so beschäftigt. Weil sie nicht nur über Zuwanderung sprach. Sie sprach über unsere Fähigkeit, Unterschiedlichkeit zu halten. Sie sprach über unsere Angst, kleiner zu werden, wenn andere dazukommen. Sie sprach über die Frage, ob die Schweiz ein überfülltes Wartezimmer oder ein öffentliches Wohnzimmer sein will.
Ein öffentliches Wohnzimmer ist kein grenzenloser Raum. Es hat Rahmen. Es hat Rollen. Es hat Rhythmen. Es hat Richtung. Es braucht Reife. Es braucht auch Entscheidungen. Aber es beginnt nicht mit Ausschluss. Es beginnt mit der Frage: Was braucht es, damit Menschen hier nicht kleiner werden müssen, um dazuzugehören?
Klarheit ohne Beschämung
Ich möchte nicht in eine falsche Mitte flüchten. Fremdenfeindlichkeit muss benannt werden. Rassistische, abwertende oder ausgrenzende Muster werden nicht besser, wenn man sie aus Rücksicht auf den sozialen Frieden verschweigt. Der soziale Frieden, der auf Schweigen beruht, ist oft nur die Ruhe derer, die weniger betroffen sind.
Aber ich möchte auch nicht in eine politische Sprache geraten, die Menschen nur noch sortiert: aufgeklärt oder rückständig, solidarisch oder egoistisch, offen oder fremdenfeindlich. Diese Sortierung gibt kurzfristig Halt. Langfristig macht sie viele Menschen unerreichbar.
Klarheit ohne Beschämung wäre für mich eine demokratische Kunst. Sie sagt: Diese Initiative war keine gute Antwort. Sie sagt: Menschenwürde darf nicht zur Abstimmungsmasse werden. Sie sagt aber auch: Die Sorgen, aus denen solche Initiativen Kraft beziehen, müssen ernsthaft bearbeitet werden. Nicht mit Symbolpolitik. Nicht mit moralischer Pädagogik. Sondern mit Wohnungen, guter Pflege, starken Schulen, tragfähigen Quartieren, fairer Arbeit, funktionierender Infrastruktur und lokalen Resonanzräumen.
GEMEINSCHAFT WAGEN als kleine Antwort
GEMEINSCHAFT WAGEN ist keine Antwort auf nationale Migrationspolitik. Das wäre zu gross behauptet. Aber es ist für mich eine kleine, konkrete Antwort auf die Beziehungslosigkeit, die solche Abstimmungen sichtbar machen.
Ein öffentliches Wohnzimmer im Quartier löst keine Bundespolitik. Aber es kann üben, was politische Debatten oft verlieren: zuhören, ohne zu verschwinden. Widersprechen, ohne zu vernichten. Grenzen setzen, ohne Menschen zu entwürdigen. Lachen, ohne zynisch zu werden. Entscheiden, ohne Beziehung zu opfern.
Vielleicht braucht Demokratie genau solche kleinen Orte zwischen Familie und Staat. Orte, in denen Menschen nicht zuerst als Meinungsträger, Stimmbürgerinnen, Problemfälle, Gegner oder Zielgruppen erscheinen. Sondern als Menschen mit Körper, Geschichte, Sorge, Wunde, Humor und Verantwortung.
Weniger perfekt – mehr verbunden.
Das ist kein netter Slogan. Es ist eine politische Zumutung. Denn verbunden zu bleiben heisst nicht, alles gutzuheissen. Es heisst, die Beziehung nicht dem Rechthaben zu opfern. Und das Rechthaben nicht mit Verantwortung zu verwechseln.
Fragen, mit denen ich gerne ins Gespräch komme
Was passiert in mir, wenn ich das Wort Zuwanderung höre: Sorge, Enge, Wut, Schuld, Abwehr, Ohnmacht, Mitgefühl?
Wo nehme ich reale Überforderung ernst, ohne sie gegen Menschen zu richten?
Wie kann ich Fremdenfeindlichkeit klar benennen, ohne Menschen nur noch moralisch zu etikettieren?
Welche Entscheidung schützt Beziehung – und welche Entscheidung zerstört sie?
Was wäre ein öffentliches Wohnzimmer in meiner Nachbarschaft, in dem Zugehörigkeit nicht behauptet, sondern geübt wird?
Was ich mitnehme
Die Abstimmung ist vorbei. Der Riss bleibt. Vielleicht ist genau dieser Riss der Ort, an dem Demokratie wieder körperlich werden muss: am Küchentisch, im Quartier, im Gespräch, im Widerspruch.
Ich will nicht in einem Land leben, in dem Menschenwürde höflich relativiert wird. Ich will aber auch nicht in einem Land leben, in dem politische Klarheit nur noch als Beschämung ankommt. Dazwischen liegt die Arbeit. Dazwischen liegt Beziehung. Dazwischen beginnt für mich das öffentliche Wohnzimmer.
Beziehung trägt Entscheidung.
Entscheidung schützt Beziehung.
Weiterlesen
GEMEINSCHAFT WAGEN – Weniger perfekt, mehr verbunden
KEIN KURS. ZUM GLÜCK. – Termine und Zugänge
Demokratiemüdigkeit braucht Beziehung
Von innen nach aussen – Selbstfürsorge zuerst
Mann, lass uns spielen und reden
Quellen und Bezugspunkte
Bundeskanzlei / admin.ch: Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)»
EJPD: Vorläufige amtliche Endergebnisse zur Nachhaltigkeitsinitiative
SRF: Initiative «Keine 10-Mio-Schweiz» gescheitert
Jacqueline Fehr: LinkedIn-Beitrag zur Nachdebatte über Abstimmung, Chefredaktorin und Benehmen
Kanton Zürich: Regierungsrätin Jacqueline Fehr
KI-Transparenz
Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erarbeitet. Die Haltung, Auswahl, Verantwortung und Schlussfassung liegen bei mir, Christof Suppiger.
Die wichtigsten Fakten zur Abstimmung sind mit admin.ch, EJPD und SRF gegengeprüft; der LinkedIn-Beitrag ist öffentlich auffindbar, kann aber je nach Login-Situation bei einzelnen Leserinnen und Lesern eingeschränkt sichtbar sein.
Korrigiert: Gianni Guardavia = Pro / Ja zur Nachhaltigkeitsinitiative, Maria Spaccaviso = Contra / Nein zur Nachhaltigkeitsinitiative.
Suno-Song: Mir ist wichtig
Figuren:
Gianni Guardavia – Pro / Ja zur Nachhaltigkeitsinitiative
Maria Spaccaviso – Contra / Nein zur Nachhaltigkeitsinitiative
Style Prompt für Suno:
Warm acoustic ukulele circle song, simple four-chord loop, gentle male and female call-and-response vocals, soft handclaps, community singing, intimate public living room atmosphere, hopeful but fragile, 90 BPM, folk pop, minimal percussion, layered humming, easy chorus.
Chords:
C – G – Am – F
durchgehend als Loop
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Intro
Ukulele leise, Summen im Kreis
Mmmh — mir ist wichtig.
Mmmh — dir ist wichtig.
Mmmh — wir hören hin,
bevor es wieder kippt.
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Strophe 1 – Gianni Guardavia
Gianni Guardavia sagt:
Mir ist wichtig, dass ein Land
nicht immer nur mehr tragen muss.
Mir ist wichtig, dass die Schule atmet,
dass die Pflege nicht zerbricht.
Mir ist wichtig, dass ein Zuhause
nicht nur ein Wort auf Papier ist.
Maria Spaccaviso hört und sagt noch nichts.
Sie hält ihr Nein in der Hand.
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Refrain
Mir ist wichtig.
Dir ist wichtig.
Unter jedem Satz
schlägt ein Herz.
Mir ist wichtig.
Dir ist wichtig.
Bevor wir sagen:
Du bist falsch.
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Strophe 2 – Maria Spaccaviso
Maria Spaccaviso sagt:
Mir ist wichtig, dass ein Mensch
nicht nur als Zahl erscheint.
Mir ist wichtig, dass Zugehörigkeit
nicht kleiner wird durch Angst.
Mir ist wichtig, dass ein Land
nicht Grenzen baut im Herzen.
Gianni Guardavia hört und atmet schwer.
Er hält sein Ja in der Hand.
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Bridge – Es kippt
Maria Spaccaviso sagt:
Diese Initiative hatte fremdenfeindliche Energie.
Gianni Guardavia sagt:
Jetzt bin ich beschämt.
Maria Spaccaviso sagt:
Ich meinte nicht dich.
Gianni Guardavia sagt:
Aber es landet in mir.
Beide schweigen.
Beide schauen weg.
Zwei Sprechblasen fallen
leise auf den Boden.
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Strophe 3 – Zurück ins Herz
Gianni Guardavia sagt:
Ich will niemanden kleiner machen.
Maria Spaccaviso sagt:
Ich will dich nicht beschämen.
Gianni Guardavia sagt:
Ich brauche ehrliche Grenzen.
Maria Spaccaviso sagt:
Ich brauche offene Türen.
Beide sagen:
Vielleicht beginnt Demokratie
nicht mit dem letzten Wort,
sondern mit dem ersten Hören.
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Refrain
Mir ist wichtig.
Dir ist wichtig.
Unter jedem Satz
schlägt ein Herz.
Mir ist wichtig.
Dir ist wichtig.
Bevor wir sagen:
Du bist falsch.
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Outro
Beziehung trägt Entscheidung.
Entscheidung schützt Beziehung.
Wir decken einen Tisch
für die Sprechblasen, die noch fehlen.
Mmmh — mir ist wichtig.
Mmmh — dir ist wichtig.
Mmmh — wir hören hin,
bevor es wieder kippt.
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