Was nützt ein Stimmrecht, wenn Menschen zwar zählen, aber nicht wirklich gehört werden? Tee mit der Nachbarin und eine geschwänzte Generalversammlung

Ich habe die Generalversammlung meiner Baugenossenschaft geschwänzt. Obwohl ich ein Stimmrecht habe. Nicht, weil mir Demokratie egal ist, sondern weil ich demokratiemüde bin.

Am Tag danach sass ich mit einer Nachbarin aus meinem Block beim Tee. Wir wohnen an einem Ort mit einem idyllischen Hinterhof, mit Bäumen, Wegen, Balkonen und kleinen Begegnungen. Ein Ort, der mehr ist als Wohnraum – ein Lebensraum.

Sie erzählte mir von der Versammlung und von einer Präsentation, die sie berührt hatte. Sie hatte dafür applaudiert. Das freute mich. Denn plötzlich war da nicht nur meine Müdigkeit. Da war auch eine Stimme. Eine Nachbarin. Eine vertraute Gruppe von Menschen, die sich in einem gemeinsamen Suchprozess kennengelernt hatte. Menschen, die sich Gedanken machen. Menschen, die nicht einfach dagegen sind. Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen.

Und genau dort begann für mich dieser Text. Nicht bei der grossen Politik, sondern bei einer Tasse Tee, einer verpassten Versammlung und der Frage:

Was nützt ein Stimmrecht, wenn Menschen zwar zählen, aber nicht wirklich gehört werden?

Nicht Gleichgültigkeit, sondern Erschöpfung

Ich bin nicht gegen Generalversammlungen, nicht gegen Abstimmungen, nicht gegen Vorstände und auch nicht gegen Verfahren. Aber ich bin müde von Räumen, in denen Menschen als Stimme, Nummer oder Mehrheitsfaktor gebraucht werden, ohne wirklich als Menschen mit Erfahrung, Anliegen und Geschichte gefragt zu sein.

Müde von parteipolitischer Machtlogik. Müde von Familienfehden. Müde von alten Lagern. Müde von Vorstandsfragen, die wie Personalentscheide aussehen, aber in Wahrheit Symptome tieferer Beziehungskonflikte sind.

Ein älterer Nachbar sagte mir sinngemäss, diese chaotische Situation bestehe schon seit vielen Jahren. Das macht mich traurig. Denn wenn Konflikte über Jahre nicht wirklich bearbeitet werden, werden Generalversammlungen leicht zu Schlachtfeldern. Dann wird abgestimmt, aber wenig verstanden. Dann wird gezählt, aber wenig zugehört. Dann werden Mehrheiten organisiert, aber kaum Räume geschaffen, in denen Menschen einander wirklich begegnen könnten.

Die Präsentation und die Frage der Partizipation

Umso mehr freute es mich, am Tag danach die Präsentation zu sehen, die meine Nachbarin gelobt hatte. Darin geht es um Wechselangebote, um das Vermietungsreglement, um demokratische Legitimation, um Mitwirkung und um die Frage, welche Rolle die Genossenschafterinnen und Genossenschafter eigentlich haben.

Sind sie nur Mieterinnen und Mieter? Oder sind sie Mittragende eines gemeinsamen Lebensraums?

Besonders stark fand ich die Unterscheidung zwischen verschiedenen Stufen der Partizipation. Informieren ist nicht dasselbe wie Mitbestimmen. Meinung erfragen ist nicht dasselbe wie Verantwortung teilen. Lebensweltexpertise einholen ist wichtig. Aber es bleibt etwas anderes, als gemeinsam an Entscheidungen mitzuwirken.

Genau dort liegt für mich der wunde Punkt. Viele Prozesse bleiben auf den unteren Stufen stehen. Man darf sich informieren. Man darf Stellung nehmen. Man darf Erfahrungen einbringen. Aber wenn es ernst wird, bleibt die Entscheidungsmacht woanders. Das ist nicht nichts. Aber es ist auch noch nicht genug.

Demokratie braucht mehr als Kritik

Interessant fand ich auch den Kommentar der Person, welche die gelungene Präsentation verantwortet: Viele Genossenschafterinnen und Genossenschafter lassen sich lieber vom Vorstand leiten, als selber ins Denken und Handeln zu kommen.

Das ist unbequem. Aber vermutlich wahr. Denn Demokratie scheitert nicht nur an Vorständen. Sie scheitert manchmal auch daran, dass Menschen Verantwortung abgeben, sich zurücklehnen, lieber kritisieren als mittragen und Mitsprache wünschen, aber die Mühe von Mitgestaltung scheuen.

Und gleichzeitig braucht es dafür Verbindung. Ohne Verbindung kommt man nicht ins gemeinsame Denken. Ohne Vertrauen bleibt Verantwortung schwer. Ohne Räume, in denen man einander wirklich begegnet, bleibt Demokratie schnell eine Pflichtübung. Dann ist der Vorstand «die da oben». Und die Mitglieder sind «die da unten». Dann entsteht kein gemeinsames Wir. Nur Lager.

80 Jahre Frauenstimmrecht in Italien

Beim Lesen eines Artikels über 80 Jahre Frauenstimmrecht in Italien bekam diese Erfahrung für mich eine grössere geschichtliche Tiefe. Italien führte das Frauenstimmrecht 1946 ein. Die Schweiz brauchte bis 1971. Appenzell Innerrhoden sogar bis 1990.

Das Frauenstimmrecht ist eine grosse demokratische Errungenschaft. Ich will das nicht relativieren. Im Gegenteil. Frauen wurden in Italien, in der Schweiz, in Europa und weltweit über Jahrhunderte politisch mundtot gemacht. Ihnen wurde eine Rolle zugeschrieben: sorgen, tragen, dienen, erziehen, schmücken, aushalten.

Aber nicht entscheiden.

Das Frauenstimmrecht war deshalb kein freundliches Geschenk. Es war eine überfällige Korrektur. Es ging um Würde. Um Gleichwertigkeit. Um die schlichte Erkenntnis, dass Menschen von Entscheidungen betroffen sind und deshalb auch an ihnen beteiligt werden müssen.

Vom Recht zu sprechen zum Gehörtwerden

Und doch löst das Wahlrecht nicht alles. Ein Kreuz auf dem Stimmzettel verändert noch keine Kultur. Es verändert noch keine Familiengespräche, keine Sitzungen, keine Organisationen, keine Beziehungen.

Vielleicht kennen wir das alle. Wir dürfen sprechen, aber niemand hört wirklich zu. Wir dürfen abstimmen, aber die Entscheidung ist innerlich längst gefallen. Wir dürfen unsere Meinung äussern, aber die Atmosphäre signalisiert: Bitte nicht zu viel davon.

Formal sind wir beteiligt. Praktisch nicht.

Nicht nur Frauen

Hier liegt für mich die Brücke zwischen Frauenstimmrecht und meiner eigenen Demokratiemüdigkeit. Frauen waren und sind strukturell besonders betroffen. Das muss klar benannt werden. Aber politische Schwächung betrifft nicht nur Frauen.

Überall dort, wo Macht sich verfestigt, werden auch andere Stimmen schwächer gemacht: ältere Menschen, jüngere Menschen, Menschen mit ausländischem Pass, Menschen ohne Parteiapparat, Menschen ohne Familienmacht, Menschen ohne Lust auf Grabenkämpfe.

Und manchmal auch Männer wie ich. Männer, die formal ein Stimmrecht haben, aber innerlich müde geworden sind. Nicht, weil sie gegen Demokratie sind, sondern weil sie sich nach mehr Demokratie sehnen. Nach Räumen, in denen man nicht zuerst den Gegner mundtot macht. Nach Räumen, in denen Unterschiede nicht sofort zu Lagern werden. Nach Räumen, in denen Macht sichtbar wird: Geschlecht, Alter, Herkunft, Besitz, Familie, Sprache, Bildung, Pass, Nähe zum Vorstand.

Demokratie beginnt früher

Demokratie beginnt nicht erst bei der Abstimmung. Wenn sie erst dort beginnt, beginnt sie zu spät. Sie beginnt dort, wo Menschen erfahren: Meine Wahrnehmung zählt. Meine Erfahrung hat Platz. Mein Anliegen wird nicht sofort taktisch verwertet. Mein Nein macht mich nicht zum Feind. Mein Zweifel macht mich nicht illoyal. Meine Frage darf die Ordnung stören.

In vielen Organisationen gibt es formale Mitbestimmung, aber wenig echte Mitgestaltung. Menschen dürfen wählen, aber selten mitentwickeln. Sie dürfen Ja oder Nein sagen, aber selten gemeinsam die Frage formulieren.

Dann entsteht Demokratiemüdigkeit. Nicht als Absage an Demokratie, sondern als stille Trauer darüber, dass Demokratie auf Verfahren reduziert wird.

Beziehung vor Entscheidung

In meinen Projekten verwende ich oft den Satz:

Beziehung vor Entscheidung.

Nicht, weil Entscheidungen unwichtig wären. Im Gegenteil. Gerade wichtige Entscheidungen brauchen tragfähige Beziehungen. Sonst werden Abstimmungen zu Machtproben. Dann zählt nur noch, wer gewinnt, wer verliert, wer mobilisiert, wer schweigt, wer wegbleibt.

Vielleicht ist die personelle Zusammensetzung eines Vorstandes manchmal gar nicht die eigentliche Frage. Vielleicht ist sie das Symptom. Die tiefere Frage lautet:

Welche Räume braucht eine Gemeinschaft, damit Unterschiede ausgesprochen werden können, bevor sie zu Grabenkämpfen werden?

Oder noch einfacher:

Wo üben wir eigentlich noch, einander zuzuhören?

Verantwortung teilen

Am Tag nach der Generalversammlung blieb bei mir nicht nur die Abstimmung hängen. Sondern eine Begegnung. Eine Nachbarin beim Tee. Eine Präsentation, die jemand würdigt. Eine vertraute Stimme aus einer Arbeitsgruppe. Menschen, die sich trotz Enttäuschungen weiterhin einbringen.

Vielleicht beginnt Demokratie nicht dort, wo wir abstimmen. Vielleicht beginnt sie dort, wo wir einander zutrauen, Verantwortung zu übernehmen. Nicht als Vorstand gegen Mitglieder. Nicht als Mitglieder gegen Vorstand. Sondern als Menschen, die gemeinsam versuchen, ihren Lebensraum zu gestalten.

Das ist anstrengender als Stimmenzählen. Es braucht Zeit. Es braucht Beziehung. Es braucht die Bereitschaft, sich berühren zu lassen.

Vielleicht ist genau dort jene Demokratie zu finden, nach der ich mich sehne. Nicht die Demokratie der Mehrheiten. Sondern die Demokratie der Begegnung. Die Demokratie des Zuhörens. Die Demokratie des gemeinsamen Tragens.

Demokratie braucht Rechte.

Demokratie braucht Beziehung.

Und Demokratie braucht Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu teilen.

Inspirationsquellen

NZZ: «Italienische Frauen in der Politik – 80 Jahre Frauenstimmrecht»
Präsentation aus der Baugenossenschaft-Debatte zur GV 2026: Wechselangebote, Vermietungsreglement, Partizipation und Vorstandserneuerung
Alliance F – Gleichstellung und politische Teilhabe
Community Building International – Gemeinschaftsbildung nach M. Scott Peck

Fragen zur Weiterfahrt, mit denen ich gerne mit dir ins Gespräch komme

☐ Wo durfte ich formal mitentscheiden, fühlte mich aber trotzdem nicht beteiligt?

☐ Wessen Stimme wird in meiner Familie, Organisation oder Genossenschaft regelmässig überhört?

☐ Wo verwechsle ich Mehrheit mit Wahrheit?

☐ Wo mache ich einen Gegner mundtot, statt ihm zuzuhören?

☐ Welche Räume bräuchten wir, bevor wir wieder abstimmen?

☐ Wo gebe ich Verantwortung zu bequem ab?

☐ Wo wäre mein nächster kleiner Schritt: hingehen, nachfragen, zuhören, eine Pause machen oder einen neuen Resonanzraum vorschlagen?

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GEMEINSCHAFT WAGEN

KI-Transparenz

KI ist Werkzeug – die Unterschrift ist meine.

Für sprachliche Verdichtung, Struktur und erste Entwürfe nutze ich punktuell KI als Werkzeug. Verantwortung, Auswahl und Endfassung liegen bei mir. KI schlägt Sprache vor. Ich entscheide, ob sie stimmt.

KI ersetzt keine Beziehung, kein Zuhören und kein eigenes Spüren. Verantwortung, Haltung und Resonanz bleiben menschlich.

 

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