
Manchmal zeigt sich Zukunft nicht als grosse Theorie. Sondern als ruhiger Raum. Als Wand mit Karten. Als Blumenstrauss. Als Satz, der nicht zuschlägt. Als Gruppe, in der Geld nicht sofort Kampf bedeutet, sondern Beziehung sichtbar macht.
An einem Abend war ich in einer Gruppe, die sich mit der Beziehung zum Geld beschäftigte.
Nicht als Finanzkurs.
Nicht als Optimierungsseminar.
Nicht als Erfolgsstrategie.
Sondern als Erfahrungsraum.
Im Raum standen verschiedene Anliegen. Dazu kamen Qualitäten, die mit Geld fast immer verbunden sind:
Geld.
Sicherheit.
Freiheit.
Gemeinschaft.
Gesellschaft.
Und plötzlich wurde sichtbar, was ich oft ahne:
Geld ist selten nur Geld.
Geld trägt Angst.
Geld trägt Würde.
Geld trägt Scham.
Geld trägt Sehnsucht.
Geld trägt Familiengeschichten.
Geld trägt Freiheit.
Geld trägt Kontrolle.
Geld trägt Zugehörigkeit.
Und manchmal trägt Geld auch die Frage:
Darf ich da sein, ohne mich dauernd beweisen zu müssen?
Mehrere Teilnehmende sagten später sinngemäss:
Sie hätten erwartet, das Thema Geld sei viel konflikthafter.
Und ja, das verstehe ich.
Geld ist ein hochgeladenes Thema. Kaum etwas berührt so schnell unsere Fragen nach Wert, Sicherheit, Ohnmacht, Vergleich, Neid, Schuld, Freiheit und Abhängigkeit.
Umso erstaunlicher war die Atmosphäre.
Nicht harmlos.
Nicht oberflächlich.
Nicht konfliktvermeidend.
Aber ruhig.
Beobachtend.
Gehalten.
Ich merkte, wie wohl ich mich im Raum fühlte. Ich konnte atmen. Und dieses Atmen war nicht nebensächlich. Es war für mich ein wesentliches Zeichen für die Qualität des Raumes.
Denn gleich zu Beginn durften auch Gefühle da sein, die nicht angenehm sind: Ärger, Angst, Unsicherheit, auch die Angst vor eigenen Grenzüberschreitungen. Nicht als Drama. Nicht als Selbstinszenierung. Sondern als Teil der Wirklichkeit.
Das hat mich berührt.
Ein Raum wird nicht sicher, weil alles Angenehme gesagt wird.
Ein Raum wird sicherer, wenn auch Schwieriges vorkommen darf, ohne dass es sofort eskaliert, beschämt oder repariert werden muss.
An einer Wand stand ein pinkes Schild:
ja, und …
Für mich war das fast der Schlüssel des Abends.
Nicht:
Ja, aber.
Sondern:
Ja, und.
Das ist keine naive Zustimmung. Es ist eine andere Kulturtechnik.
Ja, und heisst:
Ich nehme etwas auf.
Ich mache es nicht sofort klein.
Ich erweitere die Wirklichkeit.
Ich bleibe in Beziehung.
Ich füge etwas hinzu, ohne das Vorherige auszulöschen.
In Zeiten, in denen viele Gespräche sofort zu Gegenpositionen werden, ist dieses kleine „ja, und …“ beinahe politisch.
Es ist Improvisation.
Es ist Beziehungspraxis.
Es ist aktives Zuhören.
Es ist Resonanz.
Es ist eine kleine Übung in Zukunftsfähigkeit.
Besonders schön fand ich, wie die Gastgeberin die Frage nach dem Beitrag rahmte.
Ein Teilnehmer hatte Rosen mitgebracht, gerettet über eine Too-Good-To-Go-App. Die Gastgeberin nahm diesen Moment humorvoll, kreativ und sehr weise auf.
Sie sagte sinngemäss:
Wer möchte, könne am Ende bei der Schale etwas hineinlegen. So viel, wie der Abend wert gewesen sei. Wer lieber digital zahle, könne auch per Twint einen Betrag überweisen. Und wer heute nichts geben könne oder wolle, dürfe sich eine Rose mitnehmen.
Dieser Satz blieb bei mir hängen.
Weil darin plötzlich sehr viel mehr lag als eine pragmatische Preisinformation.
Es war keine starre Kursgebühr.
Keine Eintrittshürde.
Kein peinlicher Moment.
Kein moralischer Druck.
Sondern eine kleine Praxis von Vertrauen.
Geben, was möglich ist.
Digital zahlen, wenn es passt.
Etwas empfangen, wenn gerade Empfangen dran ist.
In diesem Moment wurde Geld nicht aus dem Raum gedrängt. Es wurde auch nicht überhöht. Es wurde in Beziehung gebracht.
Das erinnerte mich an Charles Eisensteins Gedanken der Geschenkökonomie. In Sacred Economics beschreibt er Geld und Gabe nicht als rein technische Fragen, sondern als Ausdruck unserer Beziehung zueinander, zur Gemeinschaft und zum Leben. Gaben schaffen Kreise: Was ich empfange, kann an anderer Stelle weiterfliessen.
Die Rose wurde dadurch mehr als eine Rose.
Sie wurde ein kleines Zeichen:
Ich darf geben.
Ich darf empfangen.
Ich darf mich beschenken lassen.
Und ich muss den Wert eines Abends nicht sofort vollständig in Geld übersetzen.
Vielleicht ist genau das eine Preispolitik für Räume, in denen Menschen atmen können.
Ein Satz einer Teilnehmerin hat mich besonders berührt.
Sie beschrieb eine Qualität als männlich und sagte im gleichen Atemzug, sie meine damit nicht Männer, sondern eine männliche Qualität.
Ich merkte sofort, wie sehr mich diese Differenzierung freute.
Vielleicht auch, weil ich zu einer Männergeneration gehöre, die oft erlebt hat, dass „männlich“, „Mann“ und „patriarchal“ ziemlich undifferenziert ineinanderfielen.
Das macht etwas mit Männern.
Es erzeugt Scham.
Abwehr.
Trotz.
Rückzug.
Oder eine diffuse Schuldidentität.
Umso heilsamer war dieser Satz.
Er sagte sinngemäss:
Ich spreche über eine Kraft.
Nicht über dich als Mann.
Ich beschreibe eine Qualität.
Nicht eine biologische Festlegung.
Das öffnete für mich einen reiferen Raum.
Denn natürlich gibt es Qualitäten, die kulturell als männlich oder weiblich gelesen werden. Richtung, Struktur, Schutz, Durchsetzung, Klarheit, Empfänglichkeit, Hingabe, Beziehung, Nährung, Weichheit.
Aber sie gehören nicht exklusiv Männern oder Frauen.
Sie leben in allen Menschen.
Mit Jung könnte man von Anima und Animus sprechen: von inneren Gegenpolen, von seelischen Bewegungen, die nicht sauber entlang biologischer Geschlechtergrenzen verlaufen. Auch Yin und Yang erzählen nicht von Männern gegen Frauen, sondern von Kräften, die sich in allem Lebendigen durchdringen.
Gerade im Zuge der Gleichberechtigung haben viele Frauen Qualitäten entwickelt, die früher einseitig Männern zugeschrieben wurden: ökonomische Selbstständigkeit, Führung, Grenzsetzung, Durchsetzung, Autonomie.
Das ist richtig und notwendig.
Und gleichzeitig stellt sich heute eine neue Frage:
Wie entwickeln wir alle wieder ein reiferes Zusammenspiel von Klarheit und Weichheit, Freiheit und Bindung, Richtung und Empfänglichkeit, Entscheidung und Beziehung?
Es gab im Raum auch Momente, die leicht in eine psychospirituelle Sprache kippen konnten.
Einmal fiel, in einem Pausengespräch, das Wort vom morphogenetischen Feld. Ich musste innerlich schmunzeln. Ich kenne solche Begriffe. Aus integralen, spirituellen und bewusstseinsorientierten Kontexten. Manchmal treffen sie etwas. Manchmal überhöhen sie etwas.
Vielleicht ist beides wahr.
Ja, in solchen Räumen entsteht manchmal ein Feld. Menschen nehmen mehr wahr. Träume, Bilder, Sätze und Körperempfindungen beginnen miteinander zu resonieren. Etwas wird dichter als im Alltagsgespräch.
Und zugleich braucht genau diese Dichte Humor, Erdung und Begrenzung.
Ich merkte in mir Marta und Gianluca aufsteigen. Eine Art Gianluca-Reaktion kam. Eine Battuta.
Statt ernsthaft zu bestätigen: „Ja, wir bewegen uns in einem morphogenetischen Feld“, hätte diese Figur vielleicht gesagt:
„Ah, darum war der Traum von heute Morgen so präsent. Wir haben uns ja geküsst.“
Das wäre vermutlich zu nah gewesen.
Oder genau der befreiende Gag.
Oder beides.
Vielleicht hätte es die Teilnehmende aus einem kopflastigen, bedeutungsvollen Sprechen herausgeholt. Vielleicht hätte es irritiert. Vielleicht hätte es gelöst.
Ich sagte es nicht.
Und auch das war stimmig.
Denn nicht jede gespürte Resonanz muss sofort performt werden. Nicht jede innere Pointe gehört in den Raum. Nicht alles, was wahr ist, ist im Moment hilfreich.
Vielleicht ist genau das eine reife Form von Humor:
Die Battuta spüren.
Die mögliche Entlastung erkennen.
Und trotzdem den Raum nicht besetzen.
Was ich an diesem Abend wieder verstand:
Geld ist ein Beziehungsthema.
Nicht nur Beziehung zum Geld.
Sondern Beziehung zu mir selbst.
Zu meiner Herkunft.
Zu meiner Angst.
Zu meiner Freiheit.
Zu anderen Menschen.
Zur Gesellschaft.
Zur Zukunft.
Es gibt Menschen, die suchen Sicherheit durch Geld.
Andere suchen Freiheit durch Geld.
Andere suchen Anerkennung.
Andere suchen Schutz vor Abhängigkeit.
Andere wollen mit Geld Gemeinschaft ermöglichen.
Andere erleben Geld als Trennung.
Und vermutlich tragen die meisten von uns mehrere dieser Bewegungen gleichzeitig in sich.
Darum ist eine ruhige Auseinandersetzung mit Geld so wertvoll.
Nicht um endgültige Antworten zu finden.
Sondern um die inneren und äusseren Beziehungen sichtbar zu machen.
Ich merke, dass solche Abende für mich in meiner jetzigen Lebensphase kostbar sind.
Ich bin jung pensioniert.
Das klingt einfach. Ist es aber nicht nur.
Pensionierung ist nicht nur mehr Freizeit. Sie ist auch ein Übergang. Eine leise Neuordnung von Sinn, Zugehörigkeit, Rhythmus, Beitrag und Identität.
Ich habe für mich einmal vier Bewegungen im Pensionsalter skizziert:
Urlaub.
Leere.
Experimente.
Sinn und Beitrag.
In der Mitte stand:
Weg nach Hause.
Dieser Abend gehörte für mich klar zu den Experimenten. Aber nicht zu beliebigen Experimenten. Eher zu jenen, die Sinn berühren.
Ich suche Räume, in denen ich als ganzer Mensch da sein kann. Nicht mehr primär als Funktion. Nicht als Rolle. Nicht als Experte. Nicht als einer, der noch etwas beweisen muss.
Sondern als Mensch mit Erfahrung, Unsicherheit, Humor, Körper, Geschichte und Sehnsucht.
Und ich merke:
Meine Weisheit darf im Raum sein.
Nicht als Besserwissen.
Nicht als Anspruch.
Nicht als väterliche Belehrung.
Sondern als ruhige Präsenz.
Besonders berührt mich, wenn jüngere Männer im Alter meines Sohnes auf solche Räume reagieren.
Da entsteht manchmal eine starke Resonanz.
Vielleicht, weil viele jüngere Männer heute zwischen sehr widersprüchlichen Erwartungen stehen:
Sei stark.
Sei weich.
Sei erfolgreich.
Sei reflektiert.
Sei nicht toxisch.
Sei präsent.
Sei unabhängig.
Sei verbindlich.
Sei klar.
Sei nicht dominant.
Sei verletzlich.
Aber bitte nicht bedürftig.
Das ist viel.
Vielleicht brauchen jüngere Männer ältere Männer, die nicht zynisch geworden sind. Die nicht in Härte erstarrt sind. Die aber auch nicht anbiedernd modern tun.
Ältere Männer, die sagen können:
Ich übe noch.
Ich weiss auch nicht alles.
Ich habe Fehler gemacht.
Ich lerne Beziehung.
Ich bleibe im Kontakt.
Ich kann zuhören.
Ich kann lachen.
Ich kann atmen.
Vielleicht ist das bereits ein Beitrag.
Nicht gross.
Nicht heroisch.
Aber real.
Otto Scharmer schreibt von der Möglichkeit einer zweiten Achsenzeit: einer Bewusstseinsschwelle, in der sich Menschen, Organisationen und Gesellschaften neu aufeinander, auf den Planeten und auf Zukunft beziehen müssen. Mich interessieren solche grossen Begriffe nur, wenn sie im Kleinen landen.
An diesem Abend landeten sie im Kleinen.
In einer Wand mit Karten.
In einem Blumenstrauss.
In einer Rose als Gabe.
In einem Satz über männliche Qualität.
In einer ruhigen Auseinandersetzung mit Geld.
In einem nicht ausgesprochenen Witz.
In atmenden Körpern.
In einer Gruppe, die nicht sofort in Konflikt kippte.
In Menschen, die beobachteten, statt sich zu verteidigen.
Vielleicht beginnt Zukunft genau so.
Nicht als grosse Verkündigung.
Sondern als Raum, in dem Menschen üben können, mit Geld, Angst, Freiheit, Sicherheit, Gemeinschaft, Projektion, Humor und Würde anders umzugehen.
Ich nehme mit:
Geld braucht Beziehung.
Sicherheit ohne Freiheit wird eng.
Freiheit ohne Gemeinschaft wird einsam.
Gemeinschaft ohne Grenzen wird übergriffig.
Spiritualität ohne Humor wird gefährlich.
Humor ohne Würde wird billig.
Und Räume, in denen ich atmen kann, sind nicht Luxus.
Sie sind soziale Infrastruktur.
Vielleicht nenne ich das heute so:
Ein Stück Strukturelle Liebe.
Nicht als grosse Theorie.
Sondern als bewusste Gestaltung von Räumen, Rollen, Regeln und Rhythmen, in denen Menschen ihre Würde nicht dauernd verteidigen müssen.
An diesem Abend war davon etwas spürbar.
Ja.
Und …
Welche Beziehung habe ich zu Geld, wenn niemand zuschaut?
Wo suche ich Sicherheit, obwohl ich eigentlich Zugehörigkeit brauche?
Wo verwechsle ich Freiheit mit Alleinsein?
Wo darf ich geben, ohne mich zu überfordern?
Wo darf ich empfangen, ohne mich sofort zu verschulden?
Welche Qualität nenne ich „männlich“ oder „weiblich“ — und wem schreibe ich sie vorschnell zu?
Wo spüre ich Resonanz, ohne sie sofort erklären zu müssen?
Wann hilft Humor, einen Raum zu erden?
Und in welchen Räumen kann ich wirklich atmen?
Otto Scharmer: We May Be Entering A Second Axial Age, Noema Magazine, 12. Mai 2026.
https://www.noemamag.com/we-may-be-entering-a-second-axial-age/
Presencing Institute: Theory U / Presencing als bewusstseinsbasierter Ansatz für Transformation von Selbst, Organisation und Gesellschaft.
https://www.presencing.org/theoryu
Charles Eisenstein: Sacred Economics: Money, Gift, and Society in the Age of Transition. Besonders relevant ist hier der Gedanke der Geschenkökonomie und der Kreisläufe des Gebens und Empfangens.
https://charleseisenstein.org/essays/sacred-economics-money-the-gift-and-society-in-the-age-of-transition/
M. Scott Peck: Gemeinschaftsbildung und die vier Phasen Pseudo-Gemeinschaft, Chaos, Leere und echte Gemeinschaft.
https://www.buildingcommunity.co.uk/about-the-process/the-four-stages/
C. G. Jung: Anima und Animus als psychologische Begriffe für innere Gegenpole; hier frei und kritisch als Resonanzpunkt verwendet, nicht als dogmatische Geschlechterlehre.
https://en.wikipedia.org/wiki/Anima_and_animus
KI ist Werkzeug – die Unterschrift ist meine. Für sprachliche Verdichtung und Struktur nutze ich punktuell KI als Werkzeug. KI schlägt Sprache vor; ich entscheide, ob sie stimmt. KI verdichtet; ich prüfe, ob mein Körper Ja sagt. KI ersetzt keine Beziehung, kein Spüren und keine Verantwortung. Auswahl, Haltung und Endfassung liegen bei mir.
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