
Zuhören, das sich selber hört – fünf Ich-Fragen für Beziehung mit Herz Ein persönlicher Blogtext über Zuhören, Macht, Bindungsmuster, Care und Selfcare – mit fünf Ich-Fragen und MASSIMO DA VINCI&PERDI.
Zuhören, das sich selber hört:
Fünf Ich-Fragen für Beziehung, Macht und ein Herz, das stören darf. Schwurbeln für Fortgeschrittene.
Manchmal glaube ich, ich höre zu. Dabei bin ich innerlich schon unterwegs: zur Antwort, zur Deutung, zur Verteidigung, zur guten Absicht. Zuhören ist für mich deshalb keine harmlose Tugend. Es ist eine macht- und beziehungsbewusste Praxis. Die fünf Ich-Fragen meiner Zuhörhilfe helfen mir, genauer zu spüren: Bin ich wirklich im Kontakt – oder führe ich den Raum bereits mit schönen Worten? Und manchmal braucht es dazu einen Clown, der liebevoll dazwischenfunkt: MASSIMO DA VINCI&PERDI, der mit dem Herzen stört.
"Zuhören beginnt nicht erst beim Antworten.
Es beginnt dort, wo ich mich selbst höre: meinen Reflex, meine Sehnsucht, meine Schutzbewegung."
Zuhören ist nicht neutral
Ich habe lange gedacht: Zuhören ist einfach etwas Gutes.
Heute bin ich vorsichtiger.
Ich kann zuhören, um wirklich zu verstehen.
Ich kann zuhören, um später präziser zu widersprechen.
Ich kann zuhören, um mich überlegen zu fühlen.
Ich kann zuhören, um den anderen sanft in meine Deutung zu führen.
Ich kann zuhören, um nicht fühlen zu müssen, was gerade in mir berührt wird.
Zuhören ist Macht.
Nicht automatisch schlechte Macht. Aber Macht. Denn wer zuhört, formt den Raum mit: durch Blick, Atem, Unterbrechung, Geduld, Ungeduld, Resonanz oder inneren Rückzug.
Darum brauche ich eine Zuhörhilfe. Kein Regelwerk. Kein moralisches Messgerät. Eher ein Geländer. Eine kleine innere Haushalts-Charta für Gespräche.
Und dann kommt MASSIMO DA VINCI&PERDI herein.
Zerknittertes Hemd. Vintage-Trainingsjacke. Schwarzer Hut. Ricola-Mütze in Reserve. Massband um den Hals. Stoppuhr in der Hand. Rote Nase in der Tasche.
Er will das Zuhören optimieren.
Natürlich.
„MASSIMO DA VINCI&PERDI wollte empathisch zuhören. Nach sieben Minuten hatte er ein Protokoll, drei Hypothesen und keine Ahnung, was Marta eigentlich gesagt hatte.“
— Christof Suppiger
Erste Ich-Frage:
Verstehe ich wirklich, was ich sage – oder klingt es nur schön?
Das ist eine gefährlich einfache Frage.
Ich liebe gute Sätze. Ich liebe Sprache, die trägt. Ich liebe Verdichtung, Poesie, Resonanz. Aber schöne Sprache kann auch ausweichen.
Manchmal klingt ein Satz schon reif, bevor ich ihn wirklich verkörpert habe.
„Beziehung vor Entscheidung.“
„Strukturelle Liebe.“
„Macht- und beziehungsbewusst.“
„Care und Selfcare zusammen.“
Alles wichtige Worte. Meine Worte. Arbeitsworte. Herzensworte.
Aber die Frage bleibt: Verstehe ich sie im Körper?
Oder klingen sie nur schön?
Wenn ich sage: Beziehung vor Entscheidung – kann ich dann auch eine Entscheidung treffen, wenn sie fällig ist?
Wenn ich sage: Care und Selfcare gehören zusammen – übernehme ich dann auch die konkrete kleine Aufgabe, die mein Leben und das Leben anderer entlastet?
Wenn ich sage: Ich höre zu – kann ich dann wirklich schweigen, ohne innerlich schon die nächste Deutung zu polieren?
MASSIMO hebt die Stoppuhr.
Er sagt: „Ich habe gemessen. Der Satz war schön. Aber er hatte noch keine Füsse.“
Danke, MASSIMO.
Das stört.
Aber mit Herz.
Zweite Ich-Frage:
Spreche ich von meiner Erfahrung – oder verkaufe ich eine Wahrheit?
Das ist für mich eine Kernfrage.
Ich darf klar sprechen. Ich darf Position beziehen. Ich darf aus Erfahrung formulieren. Ich darf sagen: So wirkt es auf mich. So verstehe ich es. So erkenne ich mein Muster. So sehe ich die Dynamik.
Aber etwas kippt, wenn ich aus meiner Erfahrung eine Wahrheit für alle mache.
Dann wird Resonanz zur Belehrung.
Dann wird Tiefe zur Deutungshoheit.
Dann wird Beziehung eng.
Ich möchte lernen, den Unterschied sauberer zu halten:
Nicht: So ist es.
Sondern: So nehme ich es wahr.
Nicht: Du bist vermeidend.
Sondern: Ich merke, dass dein Rückzug in mir Alarm auslöst.
Nicht: Du willst keine Verantwortung.
Sondern: Ich erlebe, dass diese Aufgabe wieder bei mir landet.
Nicht: Du hörst nicht zu.
Sondern: Ich fühle mich gerade nicht wirklich gehört.
Das ist nicht schwach. Es ist präziser.
„Marta sagte zu Gianluca: Ich will dir keine Wahrheit verkaufen. Aber der Kompost hat eine klare Rückmeldung zur Wirklichkeit.“
— Christof Suppiger
Dritte Ich-Frage:
Kann ich Widerspruch aushalten – oder brauche ich Zustimmung, um sicher zu sein?
Hier wird Bindung sichtbar.
Widerspruch ist selten nur Widerspruch. Mein Nervensystem hört mit. Es fragt: Bin ich noch sicher? Werde ich abgelehnt? Werde ich beschämt? Muss ich mich verteidigen? Muss ich gefallen? Muss ich fliehen?
Bindungsmuster sind Schutzbewegungen.
Wenn Widerspruch kommt, kann in mir sehr schnell etwas Altes aufstehen.
Der kämpfende Anteil will recht behalten.
Der fliehende Anteil will raus.
Der erstarrte Anteil wird still und leer.
Der gefällige Anteil sagt zu schnell Ja.
Und irgendwo darunter liegt oft ein Wunsch: Bitte bleib. Bitte sieh mich. Bitte mach mich nicht falsch.
Zuhören im Resonanzraum heisst für mich: Ich bemerke diese Bewegung, bevor sie den ganzen Raum übernimmt.
Ich atme.
Ich frage mich: Brauche ich gerade Zustimmung, um sicher zu sein? Oder kann ich im Kontakt bleiben, auch wenn du anders siehst?
MASSIMO nimmt den Hut ab.
Für einen Moment ist er nicht lustig.
Er sagt: „Ich habe Widerspruch immer wie eine Kündigung gehört. Dabei war es manchmal nur ein anderer Mensch.“
Das sitzt.
Vierte Ich-Frage:
Lade ich Menschen ein, selbst zu spüren – oder führe ich sie in meine Deutung?
Das ist eine Machtfrage.
Gerade wenn ich viel sehe, viel spüre, viel verbinde, kann ich gefährlich werden. Nicht aus bösem Willen. Sondern aus zu viel Deutungslust.
Ich sehe Zusammenhänge.
Ich erkenne Muster.
Ich höre Zwischentöne.
Ich baue Brücken.
Ich formuliere schnell.
Das ist eine Gabe. Und eine Verantwortung.
Denn ich kann mit Sprache Räume öffnen.
Oder besetzen.
Ich kann Menschen einladen, selbst zu spüren.
Oder sie in meine Landkarte führen.
Die Zuhörhilfe fragt mich deshalb: Lasse ich genug Luft? Gibt es im Raum noch andere Wahrheiten als meine? Dürfen Menschen langsamer sein als meine Erkenntnis?
Strukturelle Liebe bedeutet hier: Ich gestalte den Raum so, dass Würde nicht dauernd verteidigt werden muss. Auch nicht gegen meine gut gemeinte Tiefe.
„MASSIMO wollte den Resonanzraum erleichtern. Leider brachte er einen Beamer, vier Modelle und eine dreistufige Anleitung zur Spontaneität mit.“
— Christof Suppiger
Fünfte Ich-Frage:
Bin ich im Kontakt – oder verstecke ich mich hinter harmonischen Worten?
Das ist vielleicht die schärfste Frage.
Denn ich kann warm klingen und trotzdem ausweichen.
Ich kann verbindend sprechen und trotzdem nicht erreichbar sein.
Ich kann sagen: „Ich verstehe dich.“
Und innerlich denke ich: Bitte sei jetzt fertig.
Ich kann sagen: „Alles darf da sein.“
Und hoffe heimlich, dass das Schwierige nicht zu lange bleibt.
Ich kann sagen: „Wir sind auf dem Weg.“
Und vermeide die konkrete nächste Handlung.
Hier wird die Haushalts-Charta wieder wichtig. Nicht als Haushaltsding, sondern als Modell. Beziehung braucht nicht nur schöne Absichten. Beziehung braucht Formen, Rhythmen, Rollen, Grenzen, kleine überprüfbare Schritte.
Sonst bleibt Harmonie ein Duftspray über dem vollen Kompostkübel.
Und ja, das ist ein Bild.
Aber leider ein brauchbares.
„Gianluca sagte: Unsere Liebe ist jenseits von Aufgaben. Marta sagte: Der Kompost ist sehr diesseitig.“
— Christof Suppiger
MASSIMO stört mit dem Herzen
Ich möchte MASSIMO DA VINCI&PERDI nicht nur als Witzfigur verwenden.
Er ist mein innerer Unterbrecher.
Er kommt herein, wenn ich zu glatt werde.
Wenn meine Worte zu schön sind.
Wenn mein Kopf schneller ist als mein Herz.
Wenn ich Zuhören predige und innerlich schon wieder führe.
Wenn ich Care sage, aber Selfcare vergesse.
Wenn ich Selfcare sage, aber Care vermeide.
MASSIMO stört nicht, um zu zerstören.
Er stört, damit das Herz wieder mitreden darf.
Er misst den Abstand zwischen Anspruch und Handlung.
Er zählt die Sekunden zwischen Einsicht und Ausrede.
Er hält mir die rote Nase hin, wenn ich mich zu ernst nehme.
Und manchmal sagt er nur:
„Christof, weniger Konzept. Mehr Kompost.“
Das ist nicht gemein.
Das ist Gnade in Trainingsjacke.
Innehalten: ein kleiner nächster Schritt
Vielleicht muss ich heute nicht besser zuhören als gestern.
Vielleicht reicht es, mich einmal früher zu bemerken.
Ein Selfcare-Schritt:
Ich tue eine konkrete Sache, die mein eigenes Leben entlastet. Ich bringe den Kompost runter, räume eine Ecke frei oder atme einmal bewusst, bevor ich reagiere.
Ein Care-Schritt:
Ich tue eine kleine Sache, die Beziehung nährt. Ich frage: „Was würde dich heute entlasten?“ Oder ich grüsse im Treppenhaus etwas wacher als sonst.
Nicht als Leistung.
Nicht als Beweis.
Sondern als kleine Übung in Struktureller Liebe.
Weniger perfekt.
Mehr verbunden.
Fragen, die ins Gespräch führen können
Und als Zusatzfrage von MASSIMO:
Weiterlesen
Selbsttest Macht- und Beziehungsbewusstsein – Kurzfassung
Ein Werkzeug zur Selbstwahrnehmung von Macht, Beziehung, Verantwortung und innerer Führung.
Termine und aktuelle Angebote
Für Resonanzräume, Community Building, Clownarbeit und GEMEINSCHAFT WAGEN.
Quellen
Christof Suppiger: Zuhörhilfe – Selbstreflexion in fünf Ich-Fragen. Unveröffentlichtes Arbeitsinstrument für macht- und beziehungsbewusstes Zuhören im Kontext von GEMEINSCHAFT WAGEN, Community Building und Resonanzraum-Praxis. Zürich, 2025.
Barbara Küchler: Machtdynamik 2.5 – Bindungsmuster als Bestandteil von Machtdynamik, 2023.
Stephen W. Porges: The Polyvagal Theory, Cleveland Clinic Journal of Medicine, 2009.
Eva Strübin: Clown-Woche – Transkription nach Peter Honegger, unveröffentlichtes Manuskript, transkribiert von Christof Suppiger, 2022.
Hinweis: Die Witze im Text sind als liebevolle Christof-Suppiger-Zitate formuliert. Sie sind poetisch-humorvolle Verdichtungen, keine wörtlichen Quellenzitate aus fremden Publikationen.
KI-Transparenz
KI ist Werkzeug – die Unterschrift ist meine. Für sprachliche Verdichtung und Struktur nutze ich punktuell KI als Werkzeug. Verantwortung, Auswahl und Endfassung liegen bei mir. Wichtig ist mir ein macht- und gewaltbewusster Umgang damit.
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