Demokratiemüdigkeit braucht Beziehung – warum Strukturelle Liebe in Caring Community demokratische Praxis ist

Was mir gegen Demokratiemüdigkeit hilft: ein persönlicher Text über politische Distanz, Dialog mit Andersdenkenden, Strukturelle Liebe und Caring Community im Kleinen.

Bildlegende
Demokratie lebt für mich nicht nur von Abstimmungen, sondern von Räumen, in denen Menschen einander zuhören, Unterschiede aushalten und Beteiligung wieder als sinnvoll erleben. Im Bild: ein wenig Albin Brun und die Spürnase von Christof Suppiger. Bildhinweis: SGG / Albin Brun, albinbrun.ch

Demokratiemüdigkeit braucht Beziehung

22. April 2026 · Lesezeit: ca. 7 Minuten

Die gute Nachricht zuerst: Ich lese die Lage der Demokratie in der Schweiz nicht als Zerfall. Aber ich nehme deutliche Ermüdungssignale wahr. Für mich sind sie kein Katastrophenalarm, sondern ein Hinweis darauf, dass Zustimmung zur Demokratie noch keine lebendige Bindung an das Gemeinsame garantiert. Genau dort beginnt mein Interesse – und meine politische Frage.

Ich lese in der neuen Studie von Pro Futuris, dass sich die Menschen in der Schweiz weiterhin klar zur Demokratie bekennen. Über 90 Prozent halten es für wichtig oder eher wichtig, in einem demokratisch regierten Land zu leben. Ebenfalls über 90 Prozent finden, dass es sich klar oder eher lohnt, an Wahlen und Abstimmungen teilzunehmen. Mehr als drei Viertel sind sehr oder eher zufrieden damit, wie die Demokratie in der Schweiz funktioniert. Gleichzeitig lese ich dort auch den Riss: Rund jede vierte Person ist eher oder fortgeschritten demokratiemüde, knapp drei von zehn sind politisch eher oder sehr passiv.

Ich lese das nicht als Untergangserzählung. Ich lese es als präzisen Hinweis darauf, dass formale Zustimmung zur Demokratie noch keine tragfähige Beziehung zur Demokratie bedeutet. Gerade in der Schweiz, die stark auf Mitsprache baut, interessiert mich deshalb nicht nur die Frage, wer zustimmt, sondern auch, wer sich innerlich zurückzieht. In der Studie wird ausdrücklich untersucht, welche Bevölkerungsgruppen dem demokratischen Prozess mit grösserer Distanz begegnen und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Genau diese Distanz beschäftigt mich.

Was brüchig wird, ist für mich nicht nur Meinung. Es ist Beziehung.

Ich lese diesen Befund nicht isoliert. Ich nehme ihn zusammen mit der Polarisierungsstudie wahr, die Pro Futuris und die SGG 2025 veröffentlicht haben. Dort sehe ich: 76 Prozent halten den Austausch mit Andersdenkenden für wichtig. Gleichzeitig zeigen die Daten für mich auch, wie schnell Dialogbereitschaft kippen kann. 37,7 Prozent fänden es besser oder eher besser, wenn die unbeliebteste Partei nicht mehr an Wahlen oder Abstimmungen teilnehmen dürfte, und 35,1 Prozent befürworten deren Ausschluss aus öffentlichen Debatten. Ausserdem lese ich dort: Vertrauen in Medien und Institutionen, Zufriedenheit mit der Demokratie sowie ehrenamtliches Engagement stärken die Bereitschaft zu politischen Kompromissen. Emotionale Polarisierung schwächt sie.

Für mich ist das ein entscheidender Punkt. Ich glaube, Demokratie wird nicht erst dort brüchig, wo Menschen gegeneinander stimmen. Ich glaube, sie wird schon früher brüchig: dort, wo Andersheit nur noch als Bedrohung erscheint, wo Widerspruch nicht mehr gehalten wird und wo Menschen einander zwar formal noch Platz lassen, innerlich aber längst ausgeschlossen haben.

Genau hier beginnt für mich Strukturelle Liebe.

Wenn ich von Struktureller Liebe spreche, meine ich weder Romantik noch blosse Freundlichkeit. Ich meine soziale Formen, die Beziehung tragen, wenn es eng wird. Ich meine Räume, Rollen, Regeln und Rhythmen, in denen Unterschiede nicht sofort zur Entwertung werden, Unsicherheit nicht lächerlich gemacht wird und Scham nicht bestraft wird. Auf der Website von Pro Futuris lese ich, dass die Schweiz bessere Teilhabemöglichkeiten, mehr Zusammenhalt sowie Denk-, Debatten- und Experimentierräume für die Demokratie von morgen braucht. Ich lese darin eine institutionelle Sprache für etwas, das ich in meiner Praxis einfacher nenne: Beziehung vor Entscheidung.

Für mich ist Demokratiemüdigkeit darum nicht nur ein Informationsproblem. Ich erlebe sie auch als Resonanzproblem. Viele Menschen wissen sehr wohl, dass Demokratie wichtig ist. Aber ich vermute, dass sie das politische Feld oft nicht mehr als Ort erleben, an dem ihre Stimme, ihre Unsicherheit oder ihr Widerspruch in tragfähiger Weise vorkommen. Wenn Vertrauen sinkt, Dialog gemieden wird und nur noch Lagerlogik zählt, beginnt für mich der innere Rückzug.

KEIN KURS. ZUM GLÜCK.

Wenn ich diesen Satz verwende, ist das für mich keine Absage an Lernen. Es ist eine Absage an belehrende Formate, die Menschen noch mehr Input zumuten, ohne Beziehung, Körper, Ambivalenz und Scham mitzudenken. Ich glaube nicht, dass wir zuerst mehr politische Beschallung brauchen. Ich glaube, wir brauchen Räume, in denen Menschen wieder erleben können, dass sie da sein dürfen, ohne sich sofort beweisen zu müssen. Räume, in denen Schweigen nicht peinlich ist. Räume, in denen Widerspruch nicht sofort zum Abbruch führt. Räume, in denen Andersheit nicht automatisch als Bedrohung erscheint.

Darum ist GEMEINSCHAFT WAGEN für mich kein Nebenschauplatz.

Im Freiwilligen-Monitor 2025 lese ich, dass sich zwei Drittel der Bevölkerung freiwillig engagieren. 41 Prozent tun dies formell in Vereinen oder Organisationen, 51 Prozent leisten informelle Freiwilligenarbeit, etwa durch Betreuung, Pflege oder nachbarschaftliche Hilfe. Ich lese dort auch, dass die Freiwilligenarbeit in der Schweiz trotz gesellschaftlichem Wandel breit verankert und robust bleibt. Für mich ist das mehr als Sozialstatistik. Ich lese darin einen Hinweis darauf, dass Beteiligung dort wächst, wo Menschen sozial gehalten sind.

Ich lese in diesen Zahlen auch eine politische Spur. Wenn Fürsorge, Nachbarschaftshilfe, lokale Bindung und freiwilliges Engagement tragfähig werden, dann stärkt das für mich nicht nur den Alltag, sondern auch die demokratische Kultur. Die SGG beschreibt ihre strategische Arbeit ausdrücklich entlang der Felder sozialer Zusammenhalt, aktive Zivilgesellschaft und lebendige Demokratiekultur. Für mich gehört Caring Community genau in dieses Feld.

Ich will mit meiner Arbeit nicht einfach einen schönen Raum anbieten. Ich will sichtbar machen, dass gehaltene Begegnung, verkörperte Präsenz, echtes Zuhören und kleine alltagstaugliche Formen von Fürsorge politisch bedeutsam sind. Nicht weil sie Parteien, Wahlen oder Institutionen ersetzen würden. Sondern weil ich glaube, dass Demokratie dort austrocknet, wo Menschen sich innerlich verabschieden, Andersdenkende nur noch als Bedrohung erleben und das Gemeinsame nur noch als Zumutung erscheint.

Auch institutionell lese ich, dass dieses Feld real ist. Pro Futuris ist der Think + Do Tank der SGG und arbeitet an demokratischer Kultur, Teilhabe und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Die SGG unterstützt Projekte in den Bereichen sozialer Zusammenhalt, aktive Zivilgesellschaft und Demokratiekultur. 2025 wurden 41 Projekte mit Beiträgen zwischen CHF 4’000 und CHF 50’000 gefördert. Für mich zeigt das: Wer heute an Beziehung, Teilhabe, Dialog und nachbarschaftlicher Fürsorge arbeitet, steht nicht am Rand, sondern in einem Feld, das öffentlich längst als demokratierrelevant erkannt ist.

Innehalten

Ich merke beim Schreiben, dass mich Demokratiemüdigkeit nicht nur politisch interessiert. Ich nehme darin auch Enttäuschung, Überforderung und inneren Rückzug wahr. Müdigkeit ist für mich nicht einfach Gleichgültigkeit. Müdigkeit kann auch heissen, dass Mitsprache formal möglich bleibt, innerlich aber kaum mehr getragen wird.

Gerade darum will ich Räume mitbauen, in denen Menschen wieder erleben können: Ich muss nicht perfekt sein, um dazuzugehören. Ich muss nicht gleich denken, um mitreden zu dürfen. Ich muss nicht gewinnen, um wirksam zu sein.

Was ich mit meiner Arbeit zeigen will

Ich will zeigen, dass gehaltene Begegnung, verkörperte Präsenz, echtes Zuhören und kleine alltagstaugliche Formen von Fürsorge politisch bedeutsam sind. Nicht weil sie die grosse Politik ablösen. Sondern weil ich glaube, dass Demokratie dort lebendig bleibt, wo Menschen sich nicht nur als Meinungsbesitzer, sondern wieder als Mittragende eines gemeinsamen Raums erfahren.

Ich erlebe es so: Wo Vertrauen wächst, wächst oft auch die Bereitschaft zur Beteiligung.
Ich vermute: Wo Beteiligung wachsen kann, bleibt Demokratie lebendiger.
Und ich glaube, dass es dafür Strukturelle Liebe braucht.

Fragen zur Weiterfahrt

Wo erlebst du im Alltag noch Räume, in denen Unterschied nicht sofort zu Rückzug oder Rechthaben führt?

Was stärkt deine Bereitschaft, mit Andersdenkenden im Gespräch zu bleiben?

Und wo könnte Caring Community in deinem Umfeld nicht nur sozial, sondern demokratisch wirksam werden?

 

Quellen

Für diesen Text habe ich mich auf Publikationen und Seiten von Pro Futuris sowie der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft gestützt:

Pro Futuris
Die Demokratie und Wir – Beziehungsstatus kompliziert?

SGG
Neue Studie: Jede vierte Person in der Schweiz ist demokratiemüde

SGG
Zwischen Dialog und Ausschluss: Neue Studie zu Polarisierung

SGG
Freiwilligen-Monitor 2025: Freiwilligenarbeit

SGG
Unsere Strategie

SGG
Wo Engagement wächst: Die Projektförderung der SGG

KI-Transparenz: KI ist Werkzeug – die Unterschrift ist meine. Für sprachliche Verdichtung und Struktur nutze ich punktuell KI als Werkzeug. Verantwortung, Auswahl und Endfassung liegen bei mir. Wichtig ist mir ein macht- und gewaltbewusster Umgang damit.

Möchtest du Infos zu co-kreativen Resonanzräumen der Caring Communty Gemeinscahft wagen?

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"Bevor ich urteile, lohnt es sich, zuerst auf mich selbst zu schauen.
Was ich nicht fühle, projiziere ich leicht auf die andern.
Veränderung beginnt für mich dort, wo mein Blick weicher wird und Beziehung vor Abwehr kommt." Christof Suppiger, 29.3.26

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