
Strukturelle Liebe ist für mich keine Romantik. Sie ist die bewusste Gestaltung von Räumen, Rollen, Regeln und Rhythmen, in denen Menschen ihre Würde nicht dauernd verteidigen müssen. Im Gespräch mit Eva von Redeckers Analyse neuer Härte wird der Begriff politisch schärfer: Härte schützt Besitz. Strukturelle Liebe schützt Beziehung.
2. Mai 2026 · Lesezeit: ca. 8 Minuten
Liebe, die Form bekommt
Ich schreibe diesen Text als Christof Suppiger: als Schweizer, Bürger, Mann, Sohn, Projektmensch, Lernender, Schreibender und gesellschaftlich wacher Mensch.
Der Begriff Strukturelle Liebe begleitet mich, weil er etwas verbindet, das oft getrennt wird: Liebe und Form. Nähe und Struktur. Care und Politik. Würde und Verfahren.
Für mich ist Strukturelle Liebe kein schönes Gefühl. Sie ist auch kein moralischer Appell an „mehr Menschlichkeit“. Sie beginnt dort, wo wir fragen:
Wie müssen Räume gebaut sein, damit Menschen nicht hart werden müssen, um sich zu schützen?
Wie müssen Rollen geklärt sein, damit Verantwortung nicht an den Lautesten, Schnellsten oder Dominantesten hängen bleibt?
Wie müssen Regeln, Rhythmen und Rituale gestaltet sein, damit Verletzlichkeit nicht bestraft wird?Strukturelle Liebe ist die bewusste Gestaltung von Räumen, Rollen, Regeln und Rhythmen, in denen Menschen ihre Würde nicht dauernd verteidigen müssen, Unterschiede nicht automatisch zur Entwertung werden und Verletzlichkeit nicht bestraft wird.
Oder kürzer:
Strukturelle Liebe ist Liebe, die Form bekommt.
Warum Eva von Redeckers Analyse den Begriff schärft
Eva von Redecker beschreibt in ihrem Buch Dieser Drang nach Härte den neuen Faschismus nicht einfach als Wiederkehr alter Muster. Auf der Buchseite des S. Fischer Verlags wird der Kern ihrer Analyse in der Beschwörung eines unbedingten Besitzanspruchs verortet, dessen Verteidigung „über Leichen geht“. Im Verlagsinterview spricht Redecker von der „Zerstörungswut des geprellten Eigentümers“ und von faschistischer Härte, die sich auf „Scheineigentum – Phantombesitz“ versteife.
Das trifft mich nicht nur als politische Diagnose. Es trifft mich auch als Beschreibung einer seelischen und sozialen Form.
Härte schützt, was als „mein“ erlebt wird: Besitz, Rolle, Status, Identität, Deutungshoheit, Zugehörigkeit, Rechthaben. Wo das bedroht scheint, panzern sich Menschen. Nicht immer aus Bosheit. Oft auch aus Angst, Kränkung, Erschöpfung oder Überforderung.
Genau hier wird Strukturelle Liebe politisch.
Sie sagt nicht: Sei einfach netter.
Sie fragt: Welche Bedingungen verhindern, dass Menschen dauernd in Verteidigung gehen?
Härte schützt Besitz. Strukturelle Liebe schützt Beziehung.
Dieser Satz ist für mich keine Pointe. Er ist ein politischer Unterschied.
Der Begriff braucht Ehrlichkeit
Ich will den Begriff nicht grösser machen, als er ist.
Strukturelle Liebe ist bisher kein breit etablierter Fachbegriff mit klar abgegrenztem Forschungsfeld. Interessant ist aber: 2026 ist beim LIT Verlag ein Buch von Roland Mierzwa erschienen mit genau diesem Titel: Strukturelle Liebe. Gedanken zu lebensförderlichen Institutionen. Der Buchtitel zeigt: Der Gedanke, Liebe nicht nur als Gefühl, sondern als Frage lebensförderlicher Institutionen zu denken, wird begrifflich sichtbar.
Der belastbare Forschungsstand liegt aber eher neben dem Begriff als direkt in ihm.
Er liegt in der politischen Care-Ethik.
Er liegt in Debatten über Care als verfassungsrechtlichen Wert.
Er liegt in der Forschung zu sozialer Infrastruktur.
Er liegt in der Idee der Beloved Community.
Er liegt in Community Building.
Und er liegt in aktuellen Debatten über Liebe als anti-unterdrückende Praxis in der Sozialen Arbeit.
Joan Tronto argumentiert in Caring Democracy, dass Demokratie und Gerechtigkeit neu aus der Perspektive von Care gedacht werden müssen. Sandra Fredman beschreibt Care als konstitutionellen Wert, der unsere wechselseitige Abhängigkeit ernst nimmt und der Fiktion eines isolierten, vollständig autonomen Individuums widerspricht. Eric Klinenberg zeigt mit dem Begriff der sozialen Infrastruktur, dass gemeinsame Orte – Bibliotheken, Parks, Kirchen, Kinderbetreuung, Nachbarschaftsräume – entscheidend dafür sind, ob Verbindung wachsen oder zerfallen kann.
Das ist für mich der tragfähige Boden.
Strukturelle Liebe ist kein fertiges Theoriegebäude.
Sie ist eine Verdichtung aus mehreren Strängen.
Und sie wird erst glaubwürdig, wenn sie Praxis wird.
Drei Spannungsfelder
1. Besitz oder Teilhabe
Redeckers Analyse kreist um Besitz. Strukturelle Liebe kreist um Teilhabe.
Wo Besitzlogik herrscht, wird Zugehörigkeit knapp. Menschen müssen sich behaupten. Sie müssen sichern, markieren, verteidigen. Der Kreis gehört dann dem Lautesten. Das Team dem Kontrolliertesten. Der politische Raum dem Schärfsten.
Strukturelle Liebe fragt anders.
Wie bauen wir Formen, in denen Teilnahme möglich wird, ohne ständige Revierverteidigung?
Ein guter Kreis gehört nicht dem, der ihn dominiert.
Ein guter Dialog gehört nicht dem, der am schnellsten argumentiert.
Eine gute Nachbarschaft gehört nicht dem, der am längsten dort wohnt.
Eine gute Demokratie gehört nicht dem, der am härtesten spricht.
2. Verhärtung oder sichere Verletzlichkeit
Härte wirkt oft wie Stärke. Manchmal ist sie aber nur Angst in Rüstung.
Strukturelle Liebe ist deshalb nicht weich statt klar. Sie ist klar, damit Weichheit überhaupt möglich wird.
Sie schafft Rahmen, in denen Unsicherheit, Langsamkeit, Scham, Widerspruch und Nichtwissen nicht sofort bestraft werden.
Community Building International beschreibt die Phase der Emptiness als ein Geschehen von Risiko, Verletzlichkeit und Loslassen. Barrieren gegen Kommunikation und Authentizität können Vorurteile, alte Verletzungen, traumabezogene Verhaltensweisen oder der Drang sein, andere zu kontrollieren oder die Gruppe zu reparieren.
Das ist für mich zentral.
Wahre Gemeinschaft entsteht nicht, weil alle nett sind.
Sie entsteht, wenn ein Raum tragfähig genug wird, dass Menschen ihre Schutzpanzer ein Stück weit ablegen können.
3. Abschottung oder ermöglichte Verbundenheit
Verbundenheit entsteht selten durch Appell.
Sie wächst eher dort, wo es verlässliche Orte gibt.
Rhythmen. Wiederkehr. Zuhören. Pausen. Körper. Humor. Grenzen.
Nicht beschämende Verfahren.
Eine Sprache, die nicht sofort zuschlägt.
Martin Luther Kings Idee der Beloved Community war nie bloss privat oder sentimental. Beim King Center wird sie als gesellschaftliche Vision beschrieben, in der Armut, Hunger, Obdachlosigkeit, Rassismus und Diskriminierung nicht geduldet werden.
Liebe meint hier nicht Gefühligkeit.
Liebe meint eine soziale Ordnung, in der Würde praktisch wird.
Auch eine systematische Literaturübersicht von Dyann Ross und Dilip Karki diskutiert Liebe in der Sozialen Arbeit nicht bloss als Gefühl, sondern als mögliche anti-unterdrückende ethische Haltung und als sozial-politische Praxis.
Genau dort wird der Begriff für mich ernst.
GEMEINSCHAFT WAGEN als Praxistheorie
In meinem Projekt GEMEINSCHAFT WAGEN versuche ich nicht einfach, über Verbindung zu reden. Ich versuche, Bedingungen zu bauen, unter denen Verbindung wahrscheinlicher wird.
Auf meiner Website beschreibe ich GEMEINSCHAFT WAGEN als Räume, in denen nicht Perfektion verbindet, sondern Echtheit; nicht Rechthaben trägt, sondern Beziehung. Dort steht auch meine Definition von Struktureller Liebe bereits als Grundformulierung.
In den Resonanzräumen geht es nicht um Small Talk, sondern um echtes Zuhören, Teilen und Vertrauen. Die Formate verbinden Vertrauensinseln, Stammtische und Partiziparties.
Für mich ist das keine nette Ergänzung zur Politik.
Es ist politische Praxis im Kleinen.
Nicht: alle müssen gleicher Meinung sein.
Nicht: Harmonie um jeden Preis.
Nicht: noch mehr Input, noch mehr Analyse, noch mehr Positionierung.
Sondern:
Ein Raum, in dem Menschen ankommen können.
Ein Rhythmus, der nicht sofort überrollt.
Ein Kreis, in dem Schweigen nicht als Defizit gilt.
Ein Verfahren, das Unterschiede hält, ohne sie sofort in Sieg oder Niederlage zu übersetzen.
Ein Humor, der entlastet, ohne zu entwerten.
Ein Schutz, der nicht ausschliesst, sondern Würde bewahrt.
Das ist für mich das politische Handwerk von Struktureller Liebe.
Beziehung vor Entscheidung
Mein Leitsatz lautet:
Beziehung vor Entscheidung.
Das heisst nicht: keine Entscheidungen.
Es heisst: Entscheidungen werden tragfähiger, wenn Beziehung nicht vorher zerstört wird.
Gerade in polarisierten Zeiten braucht es für mich eine Art diplomatische Alltagstugend. Ich denke dabei an eine Haltung, die ich manchmal meine King-Charles-Linie nenne: humorvoll, würdig, klar, nicht beschimpfend, aber auch nicht anbiedernd. Mit Gegnern sprechen können, ohne die eigenen Werte zu verraten.
Strukturelle Liebe ist nicht Konfliktvermeidung.
Sie ist Konfliktfähigkeit mit Würdeschutz.
Sie fragt nicht: Wie vermeiden wir Spannung?
Sie fragt: Wie halten wir Spannung so, dass Menschen nicht entmenschlicht werden?
Meine Praxistheorie in einem Satz
Menschen werden nicht verbindungsfähiger, indem man ihnen bloss die richtige Einsicht liefert.
Menschen werden verbindungsfähiger, wenn ein Raum so gehalten ist, dass sie sich zeigen können, ohne sofort korrigiert, beschleunigt, beschämt oder überfahren zu werden.
Darum beginnt Strukturelle Liebe nicht beim schönen Gefühl.
Sie beginnt beim Container.
Bei einer Grenze, die Beziehung schützt.
Bei einer Moderation, die nicht dominiert.
Bei einem Tempo, das Würde lässt.
Bei einer Sprache, die nicht sofort zuschlägt.
Bei einer Form, die trägt, wenn es eng wird.
In diesem Sinn ist Strukturelle Liebe eine Beziehungsarchitektur.
Kurzes Innehalten
Lass dich kurz ankommen.
Atme aus.
Vielleicht geht es nicht zuerst darum, liebevoller zu sein.
Vielleicht geht es zuerst darum, Formen zu schaffen, in denen Liebe weniger überfordert ist.
Denn ohne Form wird Liebe schnell Appell.
Und Appelle verlieren oft gegen Angst, Besitzlogik und Erschöpfung.
Die politische Konsequenz
Der Begriff hilft mir, zwei falsche Trennungen nicht mitzumachen.
Die eine lautet: Liebe ist privat, Politik ist hart.
Die andere lautet: Strukturen sind sachlich, Liebe ist sentimental.
Beide Trennungen sind zu klein.
Wenn Care, Würde, Verletzlichkeit, Zugehörigkeit und Verbundenheit gesellschaftlich relevant sind, dann müssen sie Form bekommen. Sonst bleiben sie schöne Worte.
Strukturelle Liebe ist deshalb kein Wohlfühlwort.
Sie ist eine politische Gestaltungsfrage.
Wie müssen Kreise, Schulen, Nachbarschaften, Teams, Vereine, Männergruppen, Familien, Kirchgemeinden, Verwaltungen und Institutionen gebaut sein, damit Menschen nicht hart werden müssen, um sich zu schützen?
Dort beginnt der Ernst des Begriffs.
Eva von Redecker beschreibt die Logik der Verhärtung.
Strukturelle Liebe fragt nach der sozialen Architektur, die ihr den Boden entzieht.
Und GEMEINSCHAFT WAGEN ist mein Versuch, diese Architektur im Kleinen bereits zu bauen.
Vertiefende Fragen, mit denen ich gerne ins Gespräch komme:
☐ Wo fehlen in meinem Alltag nicht Gefühle, sondern Formen, die Beziehung schützen?
☐ Welche Regeln, Rhythmen oder Gewohnheiten machen Menschen in Gruppen eher hart als ehrlich?
☐ Was wäre heute ein kleiner Akt Struktureller Liebe – in meinem Team, meinem Quartier, meiner Familie oder meiner politischen Praxis?
Weiterlesen
Demokratiemüdigkeit braucht Beziehung
Passender eigener Blogartikel zur Frage, warum Strukturelle Liebe auch demokratische Praxis ist.
GEMEINSCHAFT WAGEN – Weniger perfekt, mehr verbunden
Startseite und Grundhaltung des Projekts.
Mini-Resonanzräume finden statt
Konkrete Praxisformate: Vertrauensinseln, Stammtische und Partiziparties.
Quellen
Roland Mierzwa: Strukturelle Liebe. Gedanken zu lebensförderlichen Institutionen, LIT Verlag, 2026.
Joan C. Tronto: Caring Democracy: Markets, Equality, and Justice, New York University Press, 2013.
Sandra Fredman: Care as a constitutional value, International Journal of Constitutional Law, 2024.
Eric Klinenberg: Palaces for the People und Materialien zu sozialer Infrastruktur.
The King Center: Materialien zur Beloved Community.
Community Building International: Our Method.
Christof Suppiger: GEMEINSCHAFT WAGEN, Resonanzräume, Demokratiemüdigkeit braucht Beziehung.
KI-Transparenz
KI ist Werkzeug – die Unterschrift ist meine. Für sprachliche Verdichtung und Struktur nutze ich punktuell KI als Werkzeug. Verantwortung, Auswahl und Endfassung liegen bei mir. Wichtig ist mir ein macht- und gewaltbewusster Umgang damit.
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A) Für das Gelingen des Workshops ist es erforderlich, dass TeilnehmerInnen von Beginn bis Ende anwesend sind. Sollte Dir dies nicht möglich sein, wende Dich bitte vor der Anmeldung an die Veranstalter.
B) Der Workshop dient der Persönlichkeitsbildung und bietet intensive Lernerfahrungen. Das kann unter Umständen emotional herausfordernd sein. Solltest Du in psychotherapeutischer Behandlung sein, bitten wir Dich, mit uns Kontakt aufzunehmen.