
Skizze für Ko-Kreation: Korrespondenz mit Weggefährte Cedric
Wenn der Saft kippt: Fruehwarnsignale fuers Wir
Bäumiger Auftakt: Worum es heute geht
Ein Baum ist wie ein kluges System. Er kann den Saft lange so verteilen, dass er als Ganzes stabil bleibt. Aber wenn es zu trocken und zu viel wird, gibt es einen Kipp: Der Saft reicht nicht mehr. Was du in der Korrespondenz mit Cedric beschreibst („Warnlicht, bevor es ernst wird“), passt als Bild sehr gut zu dem, was die Forschung zu Kipppunkten und Fruehwarnsignalen in komplexen Systemen diskutiert: Wenn ein System an Resilienz verliert, zeigen sich manchmal Muster, bevor ein sprunghafter Wechsel passiert – ohne dass man den exakten Zeitpunkt sicher vorhersagen könnte.
Das lässt sich auf Care und Gemeinschaft übertragen: Wenn eine Person oder ein Team zu lange allein „den Saft“ verteilen muss, kippt es irgendwann. Nicht weil jemand schuld ist, sondern weil Ressourcen begrenzt sind. Für dein Clown-Spiel ist das eine starke Dramaturgie: Umverteilung – Kipp – Leere – neuer Zusammenhalt.
Saft als Währung: Aufmerksamkeit, Atem, Humor, Zeit
Im Spiel steht „Saft“ für das, was im Raum spürbar ist, bevor jemand es beweisen kann: Aufmerksamkeit, Vertrauen, Atem, Humor, Zeit, Wohlwollen. Der Saft ist keine Moral. Der Saft ist Physik im Zwischenraum.
Er sinkt schnell, wenn Sprache von Beziehung wegkippt: Zuschreibungen, Diagnosen, Motivunterstellungen. Und er steigt, wenn der Raum zurück in Beobachtung, Körper und Ich-Perspektive findet. Dass „I-language“ (Ich-Sätze) und Perspektiv-Kommunikation Konflikte weniger eskalieren lassen können, ist auch in der Forschung gut beschrieben.
Umverteilung im Stamm: solange es trägt
Solange genug „Saft“ im System ist, kann ein Baum ausgleichen. In echten Wäldern ist Trockenstress allerdings nicht nur „weniger Saft“, sondern ein ganzer Mechanismen-Cluster. In der Literatur werden als zentrale Pfade von Dürre-Stress u.a. hydraulische Ausfälle (Wassertransport) und Kohlenstoff-Engpässe diskutiert – oft nicht als Entweder-oder, sondern als Kombination, abhängig von Art, Standort und Verlauf der Dürre.
Übersetzt ins Soziale: Teams und Communities können lange kompensieren. Und dann kippt es scheinbar plötzlich. Nicht „weil jemand falsch ist“, sondern weil die Kompensation aufgebraucht ist.
Wenn es zu trocken wird: der Kipp kommt
Hier kommt Cedrics Bild vom Warnlicht ins Spiel. In vielen Systemen (ökologisch, klimatisch, auch sozial gedacht als Metapher) spricht die Forschung davon, dass sich bei nachlassender Resilienz bestimmte generische Muster zeigen können. Ein bekanntes Stichwort ist „critical slowing down“: Störungen klingen langsamer ab, Schwankungen können zunehmen. Das ist kein Orakel, eher ein Hinweis: Es wird teurer, im alten Modus weiterzumachen.
Nicht Schuld, sondern Grenze: Ressourcen enden
Der Kipp ist nicht moralisch. Er ist physisch. Und genau darum ist er bühnenfähig: Ein Kanister fällt unter eine Markierung. Tokens verschwinden. Der Raum spürt: Wir bezahlen gerade mit Verbindung.
Wenn du den Kipp zu weich zeichnest, bleibt es ein nettes Naturbild. Wenn du ihn spielen lässt – komisch und schmerzhaft zugleich – wird es Kunst und Erkenntnis.
SAFTWART tritt vor: Ich leite nicht, ich zeige an
Der Clown SAFTWART könnte im Kontext des Clownspiels solche Aussagen auf die Bühne zaubern:
SAFTWART – ANSAGEKARTE: 1. „Wir spielen heute mit Saft.“ 2. „Saft steht für: Aufmerksamkeit, Vertrauen, Atem, Humor, Zeit.“ 3. „Wenn Zuschreibungen kommen – ‚du bist…‘, ‚ihr seid…‘, Diagnosen – dann sinkt der Saft.“ 4. „Wenn es konkret wird – ‚als du vorhin…‘ – und wenn jemand sagt: ‚In mir passiert jetzt…‘, dann steigt der Saft.“ 5. „Ich leite nicht. Ich zeige nur an, was gerade passiert.“ 6. „Wenn der Saft unter die Markierung fällt, sind wir am Kipp.“ 7. „Am Kipp machen wir weniger: zehn Sekunden Stille.“ 8. „Dann ein Satz pro Person: ‚In mir passiert jetzt…‘ – ohne Geschichte.“ 9. „Dann eine kleine Bitte: konkret, machbar, jetzt.“ 10. „Nicht perfekt. Verbunden genug, um zu bleiben.“
Die Logik ist verwandt mit dem, was Gewaltfreie Kommunikation als Praxisrahmen anbietet: Beobachtung statt Bewertung, dann innere Lage (Gefühle/Bedürfnisse), dann eine konkrete Bitte.
Die Szene heisst: DER SAFT-KANISTER
Dauer: 12–15 Min. Thema: Selbstregulation (Umverteilung) → Kipp → Leere → echte Verbindung. Bild: „Gemeinschaftssaft“ als sichtbare Ressource.
Requisiten: 1 transparenter Kanister oder grosses Glas (Wasser / Konfetti / Kugeln), 1 Messbecher oder Trichter (sichtbares Umfüllen), 8–12 Becher/Steine/Karten als „Saft-Tokens“ (optional), 1 Schild: „KONKRET – ICH – JETZT“, 1 Schild: „ZUSCHREIBUNG / DIAGNOSE“, optional: kleines Glöckchen oder Holzklang (Stop).
Figuren: SAFTWART (Facilitator-Clown / Raumhalter) ruhig, präzise, zeigt nur an. KRONE (Kronen-Clown) schnell, schlau, etikettiert, will Ordnung durch Deutung. WURZEL (Wurzel-Clown) langsam, konkret, bleibt bei Körper & Jetzt, hält Pausen aus. CHOR DER ÄSTE (2–4 Clowns) Publikumsspiegel, kippt leicht in Lager, kann wieder landen.
Grundregel (kurz vorab): SAFTWART etabliert die Logik: „Wir spielen mit Saft. Saft steht für Aufmerksamkeit, Vertrauen, Atem, Humor, Wohlwollen. Wenn Zuschreibungen kommen, sinkt der Saft. Wenn wir konkret und ich-basiert werden, steigt er. Ich leite nicht. Ich zeige nur an.“
Mechanik (sichtbar): Bei Zuschreibung/Diagnose kippt SAFTWART Wasser aus / nimmt Tokens weg. Bei Konkretheit/Ich/Jetzt giesst SAFTWART nach / gibt Tokens zurück. Kipp-Punkt: Kanister unter Markierung oder Tokens fast weg → Leere-Ritual.
Alles grün: Pseudo-Harmonie im Halbkreis
Kanister in der Mitte. Alle stehen freundlich. Zu nette Gesten, zu viel Nicken. KRONE macht sofort „glatte“ Gemeinschaft: Komplimente, Sprüche, Wohlstandston. WURZEL versucht, ein bisschen echter zu sein, wird überlächelt. Die Äste spiegeln: „Ja genau!“, „So schön hier!“, „Wir sind total offen!“
SAFTWART zeigt das Schild „KONKRET – ICH – JETZT“ und sagt leise: „Wenn ihr nur nett seid: Saft bleibt stabil, aber fliesst nicht.“ Kleines komisches Bild: Alle tun so, als würden sie „Wasser“ trinken – aber es ist Luft.
Wind & Trockenheit: Chaos kriegt den Mund nicht zu
Trigger: KRONE wirft eine Mini-Provozierung in den Raum, unbestimmt, aber stechend: „Man merkt halt, wer hier wirklich reflektiert ist.“ Oder: „Wir haben hier halt auch Leute, die noch nicht so weit sind.“ Oder: „Typisch, immer dasselbe Muster.“
Regel: Alles darf hochgehen – aber jede Zuschreibung kostet Saft. SAFTWART beginnt sichtbar abzugiessen, ohne Kommentar. Die Äste bilden Lager: pro/contra, lachen, verteidigen, beschuldigen, therapisieren, moralisieren. WURZEL versucht immer wieder konkret zu werden, wird aber unterbrochen und bleibt schlicht: „Als du vorhin gesagt hast…“ „In meinem Körper passiert…“ „Ich merke Angst / Druck.“
Kipp-Anzeichen werden spielerisch sichtbar: Tempo steigt, Blickkontakt bricht, alle reden in „du/ihr/man“-Sätzen, KRONE wird brillanter, härter, schneller. SAFTWART zeigt kurz „ZUSCHREIBUNG / DIAGNOSE“ – und kippt sichtbar Saft weg.
Kipp-Moment: Es wird physisch
Der Kipp ist nicht moralisch. Er ist physisch. Der Kanister steht deutlich unter der Markierung, Tokens sind fast weg. Alle sehen es. Kurzer Schock. Dann noch mehr Reparaturversuche: KRONE: „Ok, dann machen wir jetzt einen Prozess!“ (zu schnell). Äste: „Regeln!“, „Entschuldigung!“, „Wahrheit!“, „Nein, Grenzen!“ – alles gleichzeitig. WURZEL will sprechen, kommt nicht durch.
SAFTWART sagt klar, nicht streng: „Wir sind am Kipp. Mehr Worte leeren uns weiter. Jetzt Leere.“ Dieses „durch die Leere“ ist auch als Kernmoment im Community-Building nach Scott Peck beschrieben (Pseudo-Community, Chaos, Leere, Community).
Leere: zehn Sekunden peinlich ehrlich
Leere-Ritual (konkret): Alle stehen. Füsse spüren. Zehn Sekunden: niemand erklärt, niemand verteidigt, niemand diagnostiziert. Nur Atem. Nur schauen. Zehn Sekunden echte Stille, nicht abkürzen.
Dann: SAFTWART: „Jetzt: ein Satz pro Person. Nur: Was passiert in mir – jetzt. Ohne Geschichte.“ Reihum, auch KRONE. Jeder sagt einen Satz, maximal 8–10 Worte: „Ich bin heiss, und ich will gewinnen.“ „Ich habe Angst, ausgeschlossen zu werden.“ „Ich fühle Scham, weil ich hart war.“ „Ich bin müde vom Recht-haben.“ WURZEL darf einen Satz mit Körper: „Brust eng, Bauch hart, ich atme.“
SAFTWART füllt minimal nach (ein bisschen Wasser / ein Token pro echter Ich-Aussage). Wenn jemand wieder in „du“ rutscht: Schild – und es kostet wieder Saft.
Rückkehr: Bitten statt Urteile
Jetzt kommt das nicht perfekte, aber verbundene. SAFTWART: „Ab jetzt: Bitten statt Urteile. Konkrete Mini-Bitten. Eine nach der anderen.“
KRONE muss eine Bitte formulieren, ohne Diagnose: „Ich bitte um 20 Sekunden, um langsamer zu werden.“ Ein AST, der vorher laut war, macht eine Wiedergutmachung ohne Entschuldigungsshow: „Ich war grob. Ich will es nochmal sagen, konkret.“ WURZEL gibt eine klare Grenze, freundlich: „Wenn Diagnosen kommen, ziehe ich mich innerlich zurück.“
SAFTWART füllt sichtbar etwas nach, aber nie voll: Es bleibt fragil. Gemeinschaft ist kein Happy End, sondern ein anderer Modus.
Schlussbild: der Kanister bleibt unvollständig
Der Kanister ist nicht voll, aber nicht leer. Alle stehen im Kreis. SAFTWART: „Nicht perfekt. Aber verbunden genug, um zu bleiben. Und wenn es wieder kippt: Wir wissen, was zu tun ist.“ Alle blicken kurz ins Publikum: als Einladung, nicht als Moral. Blackout.
Mini-Spickzettel: Kippsignale spielen, nicht erklären
Kippsignale: Tempo hoch, Atem flach, „du/ihr/man“-Sätze, Diagnosen/Etiketten/Motivunterstellungen, Lagerbildung plus Applaus für Schlagfertigkeit.
Hebel: zehn Sekunden echte Stille, ein Satz „In mir passiert jetzt…“, konkretes Ereignis statt Interpretation, Bitte statt Urteil.
Quellenangaben
Fruehwarnsignale und Kipppunkte: Scheffer et al. 2009 (Nature; Frühwarnsignale für kritische Übergänge). Dakos et al. 2024 (Earth System Dynamics; Überblick zu Detection und Early Warnings über Klima-, ökologische und menschliche Systeme).
Baum/Dürre-Mechanismen als sachliche Rückwand fürs Bild „Saft“: Sevanto et al. 2014 (Plant, Cell & Environment; hydraulischer Ausfall und Kohlenstoff-Engpass im Kontext von Dürre). McDowell et al. 2018 (Review-PDF; Mechanismen von Baumsterblichkeit, u.a. hydraulische und Kohlenstoff-Pfade).
Ich-Sprache und Konflikt-Eskalation: Rogers 2018 (Peer-Review; Nutzen von I-language und Perspektiv-Kommunikation zur Öffnung von Konfliktgesprächen).
Gewaltfreie Kommunikation (4-Schritte-Prozess als Praxisrahmen für „Beobachtung–Innenlage–Bitte“): CNVC/Marshall B. Rosenberg (4-Part NVC Process, PDF).
Community Building / vier Phasen (Pseudo-Community, Chaos, Leere, Community): Community Building International – „Our Method“.
Cedric (et al.) in deinem Text: persönliche Korrespondenz;
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0168192323000345
https://academic.oup.com/treephys/article/44/13/232/7515139
https://nph.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/nph.18065
"Nichts ist unökologischer als Unsterblichkeit."
Essbar sein Andreas Weber
Beschreibung
Der Kern unserer Erdkrise liegt in der verheerenden Annahme, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei und der Rest unbelebtes Objekt. Diese Sichtweise wird von aktuellen Denkströmungen herausgefordert. Der Biologe und Philosoph Andreas Weber geht noch einen Schritt weiter und meint: Die Welt zu denken genügt nicht. Vielmehr müssen wir uns als ihr Sein erfahren als fühlende, handelnde Materie, wie sie auch Flüsse und Wolken, Bäume und Vögel, Pilze und Humus sind. Ausgehend vom ökologischen Imperativ »essbar sein« entwickelt der Autor eine biologische Mystik, in der Geist und Stoff keine Gegensätze bilden, sondern einander durchdringende Qualitäten einer Welt, deren innerstes Begehren es ist, Leben zu schenken.
Leseprobe
»Nichts ist unökologischer als Unsterblichkeit. Nichts ist weniger egalitär in einer Welt der Sterblichen, in einer Welt, die davon zehrt, dass sie essbar ist und nur so sich jeden Tag neu gebären kann. Das eigene Ego in den Vordergrund zu stellen, heißt Anspruch auf Unvergänglichkeit zu erheben. Das ist die ökologische Todsünde.« »Das Blut, das in unseren Adern schwillt und ebbt, hat einen bestimmten Salzgehalt. Das Salz in unserem Blut beweist, dass unsere Körperflüssigkeit in direkter Linie dem Meer entstammt. Das Leben wurde im Meer geboren und wir tragen es noch in uns. Auch Landwesen haben das flüssige Milieu ihrer Herkunft in ihren Zellen und deren wässrigen Zwischenräumen eingeschlossen. Wenn wir eine Träne weinen, schmecken wir auf der Zunge das Meer, dem das Leben entstammt.«
Quellenverzeichnis
KI-Transparenz: Dieser Beitrag wurde in kollaborativem Dialog mit Le Chat (Mistral AI, europäische KI) entwickelt. Die Gedankenführung, theoretische Verknüpfung und Praxisbezüge stammen von mir, Christof Suppiger, die strukturelle und sprachliche Ausarbeitung erfolgte im gemeinsamen Prozess.
A) Für das Gelingen des Workshops ist es erforderlich, dass TeilnehmerInnen von Beginn bis Ende anwesend sind. Sollte Dir dies nicht möglich sein, wende Dich bitte vor der Anmeldung an die Veranstalter.
B) Der Workshop dient der Persönlichkeitsbildung und bietet intensive Lernerfahrungen. Das kann unter Umständen emotional herausfordernd sein. Solltest Du in psychotherapeutischer Behandlung sein, bitten wir Dich, mit uns Kontakt aufzunehmen.