
Ich baue keine Therapieabende. Ich baue Quartierpraxis.
GEMEINSCHAFT WAGEN ist für mich kein Therapieformat. Es ist ein Versuch, im Alltag von 8006 Zürich Räume zu öffnen, in denen Menschen sich regulieren, einander wahrnehmen und tragfähiger in Kontakt kommen können. Mit Singen. Mit Gehen. Mit Humor. Klar gerahmt. Freiwillig. Auf Augenhöhe.
Ich schreibe das so deutlich, weil ich merke, wie schnell Menschen heute etwas in die falsche Schublade stecken. Sobald es um Nähe, Körper, Stimmung oder Beziehung geht, denken manche sofort an Selbsterfahrung, an Therapie, an Überforderung oder an etwas, das sie blossstellt. Genau das will ich nicht.
Ich will keine Abende bauen, an denen jemand etwas Intimes liefern muss. Ich will auch keine Bühne für Bekenntnisse. Mich interessiert etwas Bodenständigeres und zugleich Politischeres: Quartierpraxis. Formen des Zusammenseins, die einfach genug sind, um zu kommen, und klar genug, um bleiben zu können.
Darum heisst es bei mir nicht: Jetzt gehen wir in die Tiefe.
Sondern eher: Komm, wir singen einen einfachen Song. Wir gehen ein Stück. Wir lachen kurz. Wir atmen. Wir hören einander zu. Und dann schauen wir, was daraus entsteht.
Warum ich das überhaupt schreibe
Ich nehme eine stille Schieflage wahr. Viele Männer sehnen sich nach Nähe, Ruhe und Sinn. Und gleichzeitig meiden sie oft genau jene Räume, in denen Nähe geübt werden könnte.
Nicht, weil sie gefühllos wären. Nicht, weil sie zu hart wären. Sondern weil in vielen von uns ein inneres Regelwerk mitläuft: nicht peinlich sein, nicht weich wirken, nicht zu nah kommen, nicht etwas öffnen, das man dann nicht mehr kontrollieren kann.
Ich kenne diese Bewegungen auch von mir. Nicht immer laut. Eher fein. Ein kleiner innerer Rückzug. Eine ironische Bemerkung zur rechten Zeit. Ein Ausweichen in Struktur. Ein Funktionsmodus, der nach aussen souverän wirkt und nach innen vor allem Distanz organisiert.
Gleichzeitig leben wir längst in einer Zeit, in der wir Care nicht mehr einfach outsourcen können. Weder an Partnerinnen noch an Institutionen noch an irgendein System, das es dann schon richten wird. Care ist nicht nur Privatsache. Care ist gesellschaftliche Infrastruktur. Und diese Infrastruktur beginnt nicht erst bei Behörden, Fachstellen oder Konzepten. Sie beginnt im Menschen. Im Körper. Im Alltag. Im Quartier.
Zwei Linien, die mich gerade leiten
Eine erste Linie lautet für mich: Wirtschaft ist Care.
Der Stationenweg der Frauen*Synode bringt etwas auf den Punkt, das im öffentlichen Denken noch viel zu wenig ernst genommen wird: Ökonomie ist im Kern Sorgearbeit. Sorge für sich selbst. Sorge füreinander. Sorge für das, was Leben trägt. Wenn wir Wirtschaft von Care trennen, entsteht jene kalte Abspaltung, die uns zwar organisiert, aber nicht wirklich trägt.
Die zweite Linie lautet für mich: Nähe ist Körperarbeit.
Thomas Lempert beschreibt in Von Tantra zu Tantra, wie traditionelle Weisheit und heutige Sexualität einander begegnen können. Was mich daran interessiert, ist nicht irgendeine Performance von Intensität. Mich interessiert der Gedanke, dass bewusster Kontakt nicht im Kopf beginnt, sondern im Körper. In Präsenz. In Spüren. In der Fähigkeit, da zu sein, ohne gleich etwas herstellen zu müssen.
Für mich gehören diese beiden Linien zusammen. Care wird politisch, wenn wir ihn ernst nehmen. Und Care wird konkret, wenn wir ihn im Körper und in Beziehung üben.
Ein kleines Navigationssystem für Männer – und eigentlich für uns alle
Ich orientiere mich an drei Kernkompetenzen, aus denen etwas Viertes wachsen kann.
Erstens: sich beistehen.
Ich stehe mir selbst bei. Ich pflege meinen Körper. Ich begleite meine Psyche. Ich wähle Beziehungen nicht nur nach Gewohnheit, sondern auch nach Stimmigkeit. Es geht nicht um heldenhaftes Durchhalten. Es geht darum, bei mir zu bleiben, wenn es eng wird.
Zweitens: Grenzen setzen.
Ich spüre meine Grenze früher. Ich sage Nein, ohne Krieg zu machen. Ich reguliere Tempo. Ich bleibe klar, ohne hart zu werden. Faire Konfrontation ist für mich kein Angriff, sondern eine Form von Beziehungspflege.
Drittens: zulassen.
Ich lasse Verbindung zu. Ich spüre Hunger, Müdigkeit, Sehnsucht, Scham oder Freude nicht erst dann, wenn sie explodieren. Ich lerne, im Körper daheim zu sein. Und ich lerne, dass Zulassen nicht Kontrollverlust heissen muss.
Viertens: Resonanz und Vertrauen.
Wenn ich mir beistehen kann, Grenzen setzen kann und zulassen kann, dann entsteht manchmal etwas, das ich nicht machen kann, aber begünstigen kann: tragfähiger Kontakt. Vertrauen. Resonanz. Nicht als Harmoniezwang, sondern als Erfahrung, dass ein Rahmen tragen kann, auch wenn Unterschiede da sind.
Diese Logik verbindet für mich Markus Theunerts Kompass mit Entwicklungsarbeit, wie ich sie etwa bei Barbara Küchler wiederfinde, und mit Presencing bei Otto Scharmer. Drei verschiedene Sprachen – und doch weisen sie für mich in eine ähnliche Richtung: Der Mensch wird tragfähiger, wenn er innerlich nicht abgespalten lebt und äusserlich nicht nur funktioniert.
Warum die drei Formate genau so heissen
Ich wähle bewusst Einstiegstüren, die nicht beschämen.
Keine grossen Etiketten. Kein Pathos. Kein Zwang zur Offenbarung. Keine Einladung mit dem Subtext: Komm, jetzt musst du dich endlich mit dir selbst beschäftigen.
Sondern einfache, konkrete Formen.
Singen.
Gehen.
Humor.
Ich glaube, viele Männer kommen leichter über Anlass und Struktur. Nicht über Programmsätze. Nicht über moralische Appelle. Nicht über abstrakte Tiefe. Sondern über etwas, das sie tun können, ohne sich sofort erklären zu müssen.
Und wenn der Rahmen klar ist, kann sich Nähe zeigen, ohne dass jemand sich verliert.
Was mich an Justin Baldoni trifft
Justin Baldoni beschreibt in seinem TED-Talk Why I’m done trying to be “man enough” etwas, das ich sehr präzis finde: Männlichkeit wird oft als Dauer-Performance gelernt. Stark wirken, wenn man sich schwach fühlt. Cool bleiben, wenn man verletzt ist. Funktionieren, wenn innen etwas längst ermüdet.
Mich interessiert daran weniger die Debatte als Moralfrage. Mich interessiert sie als Containerfrage.
Baldoni benennt für mich drei Dynamiken, die ich auch im Alltag wiedererkenne:
Jungs lernen früh, bestimmte sogenannte feminine Qualitäten abzuwerten – und damit oft einen Teil von sich selbst.
Viele Männer reden über vieles, aber kaum über Scham, Angst oder Scheitern.
Und oft erleben sie Zugehörigkeit nur dann, wenn sie stereotype Stärke performen.
Darum glaube ich: Männer brauchen nicht einfach mehr Appelle. Sie brauchen bessere Räume. Niederschwellige Türen. Eine Form, in der ein Satz Wahrheit möglich wird, ohne Gesichtsverlust.
Was GEMEINSCHAFT WAGEN tatsächlich übt
Ich übe mit GEMEINSCHAFT WAGEN nicht Einigkeit.
Ich übe Kontaktfähigkeit.
Nicht: Hauptsache nett.
Sondern: freundlich und klar.
Nicht: exklusive Innigkeit.
Sondern: nachbarschaftliche Präsenz.
Nicht: permanente Selbstenthüllung.
Sondern: freiwillige Beteiligung in einem Rahmen, der schützt, ohne starr zu werden.
Mich interessieren Formate, in denen Menschen sich nicht beweisen müssen und trotzdem nicht verschwinden. Räume, in denen Würde nicht an Leistung hängt. Und in denen gerade Männer vielleicht merken: Ich muss nicht zuerst perfekt oder abgeklärt sein, um dazuzugehören.
Wo spiele ich selbst noch «man enough» – und was kostet mich diese Rolle konkret?
Was ist mein persönliches «suffer in secret»-Thema?
Welcher Mann dürfte davon als Erster hören, ohne dass ich mich kleiner machen muss?
Welches Nein würde mich entlasten, wenn ich es freundlich und klar sage?
Wo mache ich einen Witz, damit ich nichts fühlen muss?
Und was wäre der eine ehrliche Satz darunter?
Was wäre mein nächster kleiner Schritt in 8006 Zürich: Singen, Walk & Talk oder Humor und Ernst?
Pop-Up-Singen & Ankommen
Kein Chor. Kein Können. Kein Feedback zur Stimme. Ein Song, ein Atemzug, ein kurzer Kreis.
Walk & Talk: Kopf leiser, Körper wacher
Draussen gehen, zu zweit sprechen, mit klarer Redezeit. Danach kurz zurück in den Kreis.
Humor & Ernst: Witz und Wahrheit im selben Raum
Lachen als Ressource. Klartext als Option. Ohne Blossstellen. Mit Stopp-Regel.
Der Rahmen
Alles darf, nichts muss.
Vertraulichkeit.
Keine Ratschläge, ausser sie werden ausdrücklich gewünscht.
Stopp-Regel jederzeit ohne Begründung.
Pünktlich starten, pünktlich enden.
Auf Augenhöhe.
Quellen und Resonanzräume
Markus Theunert: Kompass für Männer sowie Jungs, wir schaffen das
Barbara Küchler: Entwicklungsarbeit und Stufenbewusstsein
Otto Scharmer: Theory U / Presencing Institute
Frauen*Synode: Wirtschaft ist Care – (K)ein Spaziergang
Thomas Lempert: Von Tantra zu Tantra
Justin Baldoni: Why I’m done trying to be “man enough”
Weiterlesen
Wenn der Saft kippt
Ein Text über Frühwarnsignale im Wir, über Kipppunkte, Körper und das, was Gemeinschaft verliert, wenn der innere Kontakt abreisst.
Beziehungen sind politisch
Ein persönlicher Artikel darüber, warum Demokratie nicht nur von Institutionen lebt, sondern von der Art, wie wir Unterschied, Nähe und Konflikt im Alltag tragen.
Vertrauensinseln statt Perfektion
Ein Themenfeld, das mich weiter beschäftigt: wie kleine, klar gerahmte soziale Formen im Quartier mehr tragen können als grosse Versprechen.
KI-Transparenz: KI ist Werkzeug – die Unterschrift ist meine. Für sprachliche Verdichtung und Struktur nutze ich punktuell KI als Werkzeug. Verantwortung, Auswahl und Endfassung liegen bei mir. Wichtig ist mir ein macht- und gewaltbewusster Umgang damit.
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A) Für das Gelingen des Workshops ist es erforderlich, dass TeilnehmerInnen von Beginn bis Ende anwesend sind. Sollte Dir dies nicht möglich sein, wende Dich bitte vor der Anmeldung an die Veranstalter.
B) Der Workshop dient der Persönlichkeitsbildung und bietet intensive Lernerfahrungen. Das kann unter Umständen emotional herausfordernd sein. Solltest Du in psychotherapeutischer Behandlung sein, bitten wir Dich, mit uns Kontakt aufzunehmen.