
Wer gesellschaftlich etwas bewegen will, kann nicht auf Dauer nur mit den Eigenen reden. Irgendwann reicht die Bubble nicht mehr. Dann beginnt die unbequemere Arbeit: mit Menschen in Kontakt zu bleiben, die nicht die Meinen sind. Und doch wäre es zu einfach, nur nach draussen zu schauen. Denn Hoffnung lebt für mich nicht davon, dass ich meine Zugehörigkeit aufgebe. Sie braucht beides: Beziehung zu den Meinen und Beziehungsfähigkeit zu den anderen.
14. April 2026 - Lesezeit ca. 5 Minuten
Nicht nur mit den Meinen
Ich kenne den Wunsch gut, im vertrauten Feld zu bleiben. Bei Menschen, die ähnlich sprechen, ähnlich empfinden, ähnlich alarmiert sind. Das ist nicht bloss bequem. Es kann schützen. Es kann mich daran erinnern, wer ich bin und was ich nicht preisgeben will.
Gerade in polarisierten Zeiten ist dieser Rückhalt kostbar. Ohne die Meinen werde ich dünnhäutig oder hart. Ohne vertraute Bindung wird Offenheit schnell zur Erschöpfung.
Aber ich merke auch: Wenn ich nur noch mit den Meinen rede, wird mein Kreis zu klein für die Wirklichkeit. Dann bleibt zwar Wärme, aber draussen verändert sich wenig.
Was mich an diesem Impuls trifft
Mich berührt an Steffi Bednareks Impuls nicht einfach ein Appell zu mehr Dialog. Mich trifft die Zumutung dahinter. Mit Adam Kahanes Gedanken des Collaborating with the Enemy wird etwas ausgesprochen, das ich aus vielen Zusammenhängen kenne: Zusammenarbeit braucht nicht zuerst Harmonie. Sie muss mit Unterschied, Unsicherheit und echter Uneinigkeit umgehen können.
Genau das macht den Gedanken für mich stark. Nicht nette Gesprächskultur steht im Zentrum, sondern die Frage, wie Beziehung unter Spannung arbeitsfähig bleiben kann.
Zusammenarbeit ist nicht Zustimmung
Ich muss nicht allem zustimmen. Ich muss Macht nicht verharmlosen. Ich muss Grenzverletzungen nicht weichzeichnen.
Aber ich merke: Wenn ich nur noch moralisch sortiere, werde ich innerlich enger. Dann stehen hier die Guten, dort die Problematischen. Das entlastet kurzfristig. Langfristig verarmt es mich.
Zusammenarbeit über Differenz hinweg heisst für mich deshalb nicht, nett zu allen zu sein. Es heisst: nicht vorschnell das Menschsein des anderen zu kündigen.
Hoffnung braucht zwei Richtungen
Genau hier kommt für mich Hoffnung hinein. Nicht als schöne Stimmung, sondern als Kraft mit zwei Richtungen.
Die eine geht zu den Meinen. Dorthin, wo ich Rückhalt erfahre. Wo ich Schutz, Sprache und Resonanz finde. Ohne diese Seite der Hoffnung verliere ich Boden.
Die andere geht zu den anderen. Zu jenen, die anders geprägt sind, anders sprechen, anders reagieren. Ohne diese Seite der Hoffnung wird Zugehörigkeit zur Abschottung. Dann wird das Wir warm, aber eng.
Für mich bleibt Hoffnung nur lebendig, wenn sie beides hält: Treue zu den Meinen und Offenheit zu den anderen.
Warum mich das persönlich angeht
Ich kenne in mir beide Versuchungen. Die eine ist der Rückzug ins Vertraute. Die andere ist eine zu schnelle Offenheit, die irgendwann erschöpft und bitter wird.
Darum beschäftigt mich diese Frage nicht nur politisch, sondern biografisch. Als Mann. Als Schweizer Bürger. Als Sohn. Als jemand, der mit Gemeinschaft, Resonanz und Caring Community arbeitet.
Auf der Startseite von GEMEINSCHAFT WAGEN formuliere ich: Beziehung vor Entscheidung. Das ist für mich keine Kuschelformel. Es ist ein Anspruch an Form, Haltung und Rhythmus.
Hoffnung ist keine Verharmlosung
Ich habe in meinem Text „Bitte beginne bei dir“ einen Satz formuliert, der hier für mich zentral bleibt: „Hoffnung auf Beziehung ist keine Verharmlosung.“
Das gilt auch hier. Hoffnung heisst für mich nicht, Gefahr zu übersehen. Hoffnung heisst nicht, Gewalt kleinzureden. Hoffnung heisst nicht, von jenen, die gerade Schutz brauchen, noch mehr Verständnis zu verlangen.
Hoffnung ohne Schutz wird naiv. Schutz ohne Hoffnung wird hart. Ich suche keinen reinen Zustand. Ich suche tragfähige Praxis.
Kurzes Innehalten
Vielleicht ist Reife heute nicht zuerst die Fähigkeit, die Richtigen zu finden.
Vielleicht ist Reife öfter die Fähigkeit, bei den Meinen verwurzelt zu bleiben, ohne die anderen vorschnell abzuschreiben.
Vielleicht ist Hoffnung genau das:
nicht Harmonie zu erwarten,
sondern Beziehung in zwei Richtungen arbeitsfähig zu halten.
Fragen zur Weiterfahrt
Wo gibt mir die Beziehung zu den Meinen gerade Kraft – und wo macht sie mich eng?
Bei welchen anderen habe ich innerlich schon abgeschlossen, noch bevor wirklich Kontakt entstanden ist?
Wo brauche ich klarere Grenze? Und wo mehr Hoffnung?
Was wäre ein nächster kleiner Schritt, der weder anbiedert noch abbricht, sondern würdige Beziehung unter Spannung ermöglicht?
Weiterlesen auf meiner Website
Wer dieser Spur weiter folgen mag, findet auf meiner Website bereits mehrere Texte, die in dieselbe Richtung arbeiten: „Demokratiemüdigkeit braucht Beziehung“, „Bitte beginne bei dir“, „Zeit, Humor, Beziehung – Resonanz als Wandelfreude“ sowie die Projektseite von GEMEINSCHAFT WAGEN.
Quellen und Hinweise
Auslöser dieses Textes war ein Impuls von Steffi Bednarek, der Adam Kahanes Collaborating with the Enemy mit der Frage sozialer Wirkung in polarisierten Zeiten verknüpft.
Die Bloghinweise und Selbstbezüge in diesem Text beziehen sich auf meine eigenen veröffentlichten Texte und Projektseiten auf christofsuppiger.org.
KI-Transparenz
KI ist Werkzeug – die Unterschrift ist meine. Für sprachliche Verdichtung und Struktur nutze ich punktuell KI als Werkzeug. Verantwortung, Auswahl und Endfassung liegen bei mir. Wichtig ist mir ein macht- und gewaltbewusster Umgang damit.
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A) Für das Gelingen des Workshops ist es erforderlich, dass TeilnehmerInnen von Beginn bis Ende anwesend sind. Sollte Dir dies nicht möglich sein, wende Dich bitte vor der Anmeldung an die Veranstalter.
B) Der Workshop dient der Persönlichkeitsbildung und bietet intensive Lernerfahrungen. Das kann unter Umständen emotional herausfordernd sein. Solltest Du in psychotherapeutischer Behandlung sein, bitten wir Dich, mit uns Kontakt aufzunehmen.