Yoga&Butoh

Yoga & Butoh ­čî▒ Inneres und ├Ąusseres Erleben (PdF zum Download)

┬źWenn ich mit dem Tanzen beginnen will, bin ich immer in Verlegenheit, wie ich anfangen soll. Butoh hat mit dem Leben zu tun. Ohne den Gedanken ans Leben gibt es keinen Butoh. Doch wie fa╠łngt man damit an? Ich fu╠łhle mich oft ratlos. Man wu╠łrde aber das Leben verleugnen, wenn man dieser Ratlosigkeit ausweicht.┬╗ Kazuo Ohno*

Yoga und Butoh Inneres und a╠łusseres Erleben

Der aus Japan stammende formlose Tanz Butoh gibt keine a╠łussere Form vor, sondern schaut, welche Bewegungen sich durch den Ko╠łrper im Aussen zeigen. Der Yoga mit seiner ko╠łrperlichen und geistigen Praxis ist eine wunderbare Vorbereitung fu╠łr diese Tanzform. Text: Johanna Limacher*

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Butoh hat seinen Ursprung im Japan der Nach- kriegszeit. Im Butoh vereinen sich auf den ers- ten Blick Tradition und Rebellion. Die Rebellion gegen die zunehmende Invasion europa╠łischer und ame- rikanischer Werte und die Ru╠łckbesinnung auf die ar- chaisch-spirituelle Tradition der eigenen Kultur. Daraus entstand keine reaktiona╠łre Kunstform, sondern etwas vollsta╠łndig Neues, das nach dem Tanz ┬źan sich┬╗ sucht und das immer darum weiss, dass Kultur ihre Wahrhaftigkeit aus der Einheit mit der Natur scho╠łpft. Der Natur in all ihren Aspekten, den zarten und erhe- benden, genauso wie den wilden und zersto╠łrerischen. Die beiden pra╠łgendsten Ta╠łnzer des Butoh der ersten Stunde sind Tatsumi Hijikata (1928ÔÇô1986) und Kazuo Ohno (1906ÔÇô2010). Wa╠łhrend ersterer sich mehr dem Ar- chaischen, Verzehrenden, Leidenschaftlichen widmete, beru╠łhrte letzterer mehr das Sehnende und Mystische. Sich in diese Traditions-Linie zu stellen wa╠łre vermes- sen. Es ist schon unbescheiden genug, ┬źButoh┬╗ im Titel zu fu╠łhren. So ko╠łnnen wir einzig sagen, dass er uns in unseren Yoga&Butoh-Workshops als Inspiration leitet und wir ihn vielmehr als ┬źformlosen Tanz┬╗ sehen.

Yoga als Tu╠łro╠łffner

Wie versuchen wir uns dieser Inspiration zu o╠łffnen? Als erstes gehen wir in eine Yogapraxis. Fu╠łr einmal dient der Yoga dem Tanz zu. Der Yoga gibt uns klare Formen und ko╠łrperliche, energetische und mentale Techniken, mit welchen wir experimentieren ko╠łnnen. In der Art, wie wir diesen ┬źvon aussen┬╗ gegebenen Strukturen be- gegnen, ko╠łnnen wir viel daru╠łber erfahren, wie wir ┬źim Innen┬╗ sind.

Wenn wir achtsam sind, ko╠łnnen wir spu╠łren, ob wir Wi- derstand na╠łhren, statt ihn einfach nur zu betrachten. Oder ob wir Verachtung, Kleingeistigkeit und Leistungs- willen begegnen, welche uns wahrem Erleben entfrem- den. Yoga gibt das Fundament fu╠łr mehr Klarheit und innere Ruhe, nebst der willkommenen ko╠łrperlichen Vor- bereitung. Yoga wird so zum Tu╠łro╠łffner fu╠łr den Butoh.

┬źDie Wunden, die der Ko╠łrper erleidet, vernar┬ş ben und werden geheilt. Die inneren Wunden aber, die seelischen, muss man dulden und in

sich bewahren, denn diese Erfahrung wandelt sich in Freude oder in Trauer, in den Stoff einer Poesie, die nicht durch Worte, sondern mit dem

Ko╠łrper zum Ausdruck gebracht wird. So stelle ich mir den Ursprung des Tanzes vor.┬╗ Kazuo Ohno

Formloser Tanz

Butoh ÔÇô oder eben der formlose Tanz ÔÇô gibt uns keinerlei a╠łussere Formen vor! Er legt ein Thema oder eine Qualita╠łt in unsere Ko╠łrper und schaut, welche Formen und Bewe- gungen sich durch den Ko╠łrper hindurch in die Welt scha╠ł- len. Jeder Aspekt der Vielfalt a╠łusserer und innerer Natur kann getanzt werden: die Elemente, die Amo╠łbe, die Flech- te, der Graureiher, das Mammut, die Geburt, die Sexualita╠łt und der Tod, der ganze Regenbogen unserer Emotionen und Geisteszusta╠łnde.

So ergibt es sich zwingenderweise, dass wir auch unsere Kultur tanzen, unsere Erziehung, Konventionen, Verrat, Befreiung und Sicherheit, Gemeinschaft und Verlust. Alle Inhalte sind mo╠łglich, nur sind ihre Blu╠łten oft u╠łberlagert von Vorstellungen und Konzepten. Und so ist es eine gros- se Herausforderung fu╠łr die Tanzenden, nicht die Vorstel- lung eines Baumes zu tanzen, sondern sich vom Baum tanzen zu lassen.

Hier suchen wir Unterstu╠łtzung in der Langsamkeit. Sie ist die einzige ┬źEinschra╠łnkung┬╗, fu╠łr welche wir uns ent- scheiden. Durch die Langsamkeit ko╠łnnen wir immer spu╠ł- ren, ob wir ein Thema ┬źdarstellen┬╗ oder ob wir uns ihm wirklich zu o╠łffnen versuchen.

Kazuo Ohno spricht im obigen Zitat von seiner Verlegen- heit und Ratlosigkeit, der er oft zu Beginn seines Tanzes begegnet. Und von seinem Vertrauen, dass eben diese Rat- losigkeit die Eintrittspforte in den Tanz bedeutet. Wenn ich keinen Rat mehr weiss, kann das Eigentliche sich zeigen.

Literatur

Michael Haerdter, Sumie Kawai (Hrsg.) Butoh. Die Rebellion des Ko╠łrpers. Ein Tanz aus Japan. Alexander Verlag Berlin. (vergriffen)

Susanne Daeppen. Die Kunst der Lang- samkeit. edition clandestin 2009. http://www.dakini-dance.ch

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Butoh wurde auch beschrieben als ┬źirrationaler Tanz┬╗, eher eine ungeschickte Bezeichnung, sucht Butoh doch das Jenseits der Ratio, das, was immer da ist. Yogau╠łbende kommen an diesem kritischen U╠łbergang oft in die Versu- chung, sich in Meditation oder Atembetrachtung zu ┬źret- ten┬╗.

Es lohnt sich jedoch, es zu wagen, auf jegliche Netze zu verzichten und die Ratlosigkeit zuzulassen. Die Momente, wenn ┬źes┬╗ durch uns tanzt, sind letztlich Gnadenmomen- te. Manchmal sind wir ihnen na╠łher, manchmal ferner. Und wenn sie sich ergeben, gibt es keinen Zweifel mehr.

Die innere Musik

Wir verbinden die Vorstellung von Tanz immer mit Musik. Ohne Musik zu tanzen ist hart und lehrreich. Ohne Mu- sik zu tanzen bedeutet, dass der Tanz unabha╠łngig ist von der Musik; ein Eigenes, das sich nicht der Musik unter- ordnet; ein Tanz, der seine innere Musik erklingen la╠łsst, im Tanzenden genauso, wie im Betrachtenden.

In den Workshops setzen wir Klang ein, manchmal als Unterstu╠łtzung, weil er die innere und a╠łussere Reizu╠łber- flutung auffa╠łngt und neutralisiert. Manchmal setzen wir bewusst dra╠łngende, emotionale oder gar intimisierende Musik ein, um uns entweder von der Konditionierung durch die Musik zu lo╠łsen oder uns mit ihr zu verso╠łhnen. Manchmal tanzen wir in der Natur mit ihren tausend kleinen Gera╠łuschen. Ihrem Apell nicht zu folgen, ist eine grosse Herausforderung, die dann gelingt, wenn wir mit der Natur eins zu werden vermo╠łgen.

┬źIm Butoh ┬źproduziert┬╗ sich kein Ich.┬╗

Es geht um U╠łbungsdisziplin

Ein weiteres Instrument, das wir manchmal einsetzen, sind partnerings ÔÇô das Tanzen mit und durch den An- dern, zu zweit oder als Gruppe. Wer schon Bilder von Butoh-Auffu╠łhrungen gesehen hat, erinnert sich an weiss gekalkte Ko╠łrper, schwarze Augen- und Mundho╠łhlen, nach oben gedrehte Auga╠łpfel. Zweck dieser Stilmittel ist die Auflo╠łsung der Perso╠łnlichkeit.

Im Butoh ┬źproduziert┬╗ sich kein Ich. So ist auch der An- dere kein ┬źDu┬╗, sondern ein Wesen, das denselben Le- bensraum bevo╠łlkert. Unsere Zusammentreffen haben keine Absicht ÔÇô sie wollen mir nichts Gutes, sie wollen mir nichts Bo╠łses. Sie finden einfach statt und kreieren neue Lebensimpulse. Den Weg dahin ist ein Teil der U╠łbungsdisziplin. Ja, der U╠łbungsdisziplin. Denn genauso wie der Yoga, ist der Butoh eine Inspiration, die es mit Hingabe und Vertrauen zu vertiefen gilt. Sie offenbart ihre Scha╠łtze denjenigen, die auch in Momenten des Zweifels nicht aufgeben, sondern den Zweifel tanzen. Die Scho╠łnheit des Butoh ist keine vera╠łusserlichte. Wir betrachten uns nie mit a╠łusseren Augen, sondern fu╠łhlen die Wahrhaftigkeit, mit der wir uns der Bewegung zur Verfu╠łgung stellen. Wenn wir allerdings unverhofft Zeuge sein du╠łrfen, wenn sich dies in einem Menschen realisiert, so offenbart sich reine Scho╠łnheit.

* Die Autorin ist Yogalehrerin BDY/EYU, YCH und bietet seit 20 Jahren Yoga, Supervision, Coaching und Yoga & Butoh-Kurse in Zu╠łrich an. Zudem leitet sie Kurse zur Yoga-Philosophie am Lassalle-Haus. http://www.yoga8001.ch

┬źTanzen bedeutet, sich einer vorab definierten Ko╠łrpersprache zu wider┬şsetzen und an etwas zu ru╠łhren, das man nicht auf sich alleine nehmen kann. Das nennt man Butoh.┬╗ Min Tanaka

Kontakt Johanna Limacher https://www.yoga8001.ch/test